Spätfolgen oft verkannt

Julia Jacob

Von Julia Jacob

Do, 08. Oktober 2015

Neuenburg

Die Schwarzwaldklinik in Bad Krozingen informiert über Poliomyelitis und deren Spätfolgen.

NEUENBURG AM RHEIN. Poliomyelitis, besser bekannt als Kinderlähmung, gilt in Deutschland seit den 1960er Jahren als überwunden. Dass nach wie vor rund 60 0000 Menschen bundesweit an den Spätfolgen der Krankheit leiden, ist wenig bekannt – mit weitreichenden Folgen für Betroffene wie Monika Eyhorn aus Neuenburg, die von den Krankenkassen oft nur wenig Unterstützung erfahren. Über das Post-Polio-Syndrom informiert eine Tagung in der Schwarzwaldklinik Neurologie in Bad Krozingen am kommenden Samstag.

Dass Monika Eyhorn als Kind an Polio erkrankte, ahnen nur wenige, die der lebensfrohen Rentnerin begegnen. Nur wer genau hinsieht bemerkt, dass sie beim Gehen das rechte Bein ein wenig nachzieht. "Mein ganzes Berufsleben über habe ich mich immer sehr angestrengt, dass man es nicht sieht", erzählt die ehemalige Bankangestellte. Der Wille, es alleine zu schaffen, war bei ihr schon immer stark ausgeprägt. Die Schiene, die sie als Kind tragen sollte, lehnte sie vehement ab. Eltern und Lehrer bestärkten sie darin, ihren eigenen Weg zu gehen.

An anderer Stelle aber blieb ihr die Unterstützung, die sie bei der Bewältigung ihrer Erkrankung und den damit verbundenen Spätfolgen benötigt hätte, hingegen versagt. Wie viele, die unter dem Post-Polio-Syndrom leiden, ist auch Monika Eyhorn von Arzt zu Arzt gepilgert. In den meisten Fällen wurden ihr Physiotherapiestunden verschrieben. Dabei würden ihr vor allem Massagen und Bäder gut tun, um zu entspannen, denn das leicht verkürzte Bein belastet ihren unteren Rückenbereich. Solche Behandlungen aber muss Eyhorn aus eigener Tasche bezahlen. Polio gilt in Deutschland als überwunden, die Milderung der Spätfolgen ist für die Krankenkassen kaum ein Thema.

"Eine Heilung ist nicht möglich, aber man kann Polio-Geschädigte durchaus unterstützen", sagt Eyhorn, die seit 65 Jahren mit den Folgen der Erkrankung lebt. Jetzt im Alter komme hinzu, dass sie oft müde sei. Und beim Treppensteigen fehle zusehends die "Schubkraft". Beide Symptome – die Schwäche der Muskulatur und die allgemeine Müdigkeit – werden dem Post-Polio-Syndrom zugeschrieben. Manche Betroffene klagen auch über Schmerzen im Bewegungsapparat.

Mit vier Jahren erkrankt Monika Eyhorn im Jahr 1951 an Polio. "Ich wollte mich aufsetzten, konnte aber meinen Körper nicht mehr bewegen", erzählt sie. Es dauert Tage, bis die Diagnose gestellt ist. 28 Wochen verbringt sie schließlich im Krankenhaus. Mit ihr auf der Station liegen fünf weitere Kinder mit Polio. Drei überleben die Krankheit nicht, die andern beiden Zimmergenossen verlassen das Hospital im Rollstuhl. Monika Eyhorn hat Glück. Sie kann selbstständig gehen, trotz Muskelatrophie im rechten Bein. Monika Eyhorn lernt, damit zu leben. Sie geht Wandern und Schwimmen. Dennoch hätte sie sich mehr Unterstützung gewünscht. In der Region findet sie kaum Experten, die sich mit den Folgen der Viruserkrankung auskennen. Sie fühlt sich wie viele Betroffene alleine gelassen. Vom Polio-Informationstag in Bad Krozingen, zu dem der Landesverband Poliomyelitis eingeladen hat, erhofft sie sich nun neue Erkenntnisse im Umgang mit den Spätfolgen ihrer Erkrankung.

Polio-Informationstag, Samstag, 10. Oktober, ab 10 Uhr, in der Schwarzwaldklinik Neurologie, Im Sinnighofen 1, in Bad Krozingen. Das komplette Programm kann über http://www.polio-selbsthilfe.de abgerufen werden.