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31. Dezember 2010

Nix mit Multikulti

INTEGRATION: Das Thema erregt die Gemüter, aber die Politik mogelt sich um Entscheidungen herum.

  1. Türkische Frauen in Berlin Foto: DPA

Szene Nummer 1: Ein fremdländisch aussehender Mann, nennen wir ihn Ali, beim TÜV, irgendwo in Südbaden. Der deutsche Mechaniker, der den BMW des Mannes inspiziert hat, kommt in den Warteraum. Sein erster Satz: "Sprechen Sie meine Sprache?" Ali, leicht empört und in akzentfreiem Badisch: "Selbstverständlich!"

Szene Nummer 2, auch in Südbaden: Eine deutsche Frau parkt aus und berührt dabei ganz leicht ein anderes Auto, in dem eine Familie sitzt. Die Frau in diesem Wagen trägt ein Kopftuch. Ihr Mann springt aus dem Wagen und ruft, sein Auto sei beschädigt worden. Die Deutsche sieht keine Schuld bei sich, doch der Fahrer des Wagens redet sich schnell in Rage.

Einem Deutschen gegenüber hätte sie den Schaden gleich zugegeben, sagt er in perfektem Deutsch, es sei rassistisch, ihm zu unterstellen, er wolle auf diese Weise einen alten Blechschaden beheben. Die Frau ist irritiert – zum einen, weil keine größere Delle zu sehen ist, zum anderen über die Vehemenz des Streits. Man wartet auf die Polizei. Es stellen sich Leute dazu, die den Vorfall kommentieren. Wieder fällt das Wort Rassismus, diesmal auf die türkische Familie gemünzt. Die Polizei trifft ein. Der Schaden am Auto ist minimal. Man einigt sich darauf, den Vorfall zu vergessen.

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"Wir wollen nicht das

Sozialamt der Welt sein."

CSU-Chef Horst Seehofer
Zwei kleine Alltagsszenen nur, und doch werfen sie ein Schlaglicht auf das noch immer schwierige Verhältnis von Deutschen und Zuwanderern. Die Beispiele zeigen auch: Es geht nicht nur darum, dass die Fremden "unsere", die deutsche Sprache beherrschen. Man muss auch gerne miteinander leben wollen.

Doch lässt man die politische Debatte dieses Jahres Revue passieren, dann geht es weniger um dieses Wollen, als vielmehr um das Müssen: Deutschland braucht künftig mehrere Hunderttausend Fachkräfte, um seine Wirtschaftskraft nicht zu verlieren; es muss die drohende Auswanderung kluger Köpfe stoppen und den demografischen Wandel sowieso. Hand aufs Herz – deshalb, und nur deshalb, reden wir über Integration.

Auseinanderdividiert haben sich dabei leider zwei Dinge: Die ökonomische Notwendigkeit der Zuwanderung und die Diskussion um die Rolle des Islam in der deutschen Gesellschaft. Fachkräfte ja, Muslime naja – so könnte man die Lage zugespitzt beschreiben. Dementsprechend meint die Debatte um die Integration vor allem die Muslime.

Und was wurde dazu nicht alles gesagt in diesem Jahr! Der Multikulti-Ansatz "ist gescheitert, absolut gescheitert", so die Kanzlerin. "Wir wollen nicht zum Sozialamt für die ganze Welt werden", tönte CSU-Chef Horst Seehofer. Sanktionen müssten her, hieß es in Berlin, um den "Integrationsverweigerern" endlich Beine zu machen. Ignoriert wurde dabei, dass die Nachfrage nach den Integrationskursen längst das Angebot übersteigt. Und dann natürlich Thilo Sarrazin: "Deutschland schafft sich ab", nannte der SPD-Politiker sein Pamphlet über die Folgen der missglückten Einwanderung. Ein Teil der Deutschen zeigte sich begeistert von diesen Thesen, für die Muslimen-Schelte flog Sarrazin dennoch aus dem Vorstand der Bundesbank. Die Gesamtauflage seines Buches liegt inzwischen bei 1,2 Millionen Exemplaren. Integrationskritiker bekamen 2010 noch ein weiteres Argument in die Hand: Durch die Medien ging das (neue) Phänomen der "Deutschfeindlichkeit". Nicht nur Berliner Pädagogen hatten darüber geklagt, dass immer mehr deutsche Kinder von Schülern aus türkisch- und arabischstämmigen Familien gemobbt würden. Gut ins Bild passt da auch eine europäische Studie zur Islamfeindlichkeit, die im Oktober von der Universität Münster vorgestellt wurde: Demnach haben 57,7 Prozent der Westdeutschen und 62,2 Prozent der Ostdeutschen nach eigenem Bekunden eine negative Haltung gegenüber Muslimen. Dagegen liegt der Vergleichswert in Frankreich, den Niederlanden, in Portugal und Dänemark zwischen 33,5 und 36,7 Prozent.

"Der Islam gehört

auch zu Deutschland."

Bundespräsident Wulff
Wie gut, dass es auch leise Töne gab. Vom Innenminister, der sich mit Imamen an einen Tisch setzte, um über Integration zu sprechen. Vom Bundespräsidenten, der zum Jahrestag der Deutschen Einheit sagte: "Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland." Für den letzten Satz wurde Christian Wulff natürlich wieder kritisiert – bis Angela Merkel ihm mit Verweis auf die Nationalelf beisprang: "Er (der Islam) ist ein Teil Deutschlands – das sieht man nicht nur am Fußballspieler (Mesut) Özil."

Was bleibt? Die Gewissheit, dass die Debatte nächstes Jahr weitergeht. Denn die Politik hat sich auch 2010 um Entscheidungen herumgemogelt. Immerhin – selbst manche CDU-Politiker begeistern sich neuerdings für die Idee eines Punktesystems für künftige Einwanderung. An den heutigen Integrationsproblemen ändert das allerdings erst einmal nichts.

Autor: Frauke Wolter