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27. Juni 2012

Buch in der Diskussion

Ökoromantik: Realitäts-Check für grüne Gewissheiten

BUCH IN DER DISKUSSION: Alexander Neubacher regt sich über Ökoromantik auf – und fordert einen anderen Umweltschutz.

  1. Alexander Neubacher: Ökofimmel. Deutsche Verlags-Anstalt, München/2012. 272 Seiten. 19,99 Euro. Foto: (c) Verlagsgruppe Random House GmbH, Muenchen

Der Autor will provozieren. Anders kann man es nicht formulieren. Allein der Titel. "Ökofimmel" steht ganz groß auf dem Buch von Alexander Neubacher, damit sich auch ja niemand damit in ein Straßencafé im Freiburger Ökoviertel Vauban setzt. Der Untertitel macht alles noch schlimmer. "Wie wir versuchen, die Welt zu retten – und was wir damit anrichten." Eine Kampfschrift. Eindeutig.

Neubacher schreibt gegen das an, was seiner Meinung nach schief läuft in Umwelt- und Klimaschutz. Er findet viele Beispiele: Energiesparlampen, die den Stromverbrauch senken, aber vollgestopft sind mit Quecksilber. Niedrigenergiehäuser mit Hightech-Dämmung, die so wenig Luft zirkulieren lassen, dass die Wände verschimmeln. Hohe Subventionen für Solarenergie in Deutschland – einem Land mit eher wenig Sonnenstunden, weltweit gesehen.

Das alles sind keine neuen Erkenntnisse. Neubachers Buch ist vor allem eine Fleißarbeit. Er trägt jede Menge Argumente und Anekdoten vor, die seine Kernthese untermauern sollen. Die lautet: Umweltpolitik ist oft gut gemeint, aber weniger gut durchdacht. Symbolpolitik. Öko-Romantik.

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Er rechnet vor, dass eine Plastiktüte, die immer wieder benutzt wird, für die Umwelt besser sei als eine Papiertüte, die beim ersten Einkauf reißt. Und er zitiert eine Studie, dass Äpfel aus Neuseeland je nach Jahreszeit eine bessere Ökobilanz haben als Bioobst vom Bodensee – weil die Lagerung im Kühlhaus mehr Energie verschlinge als der Transport um die halbe Welt.

Alexander Neubacher hat Volkswirtschaft studiert und schreibt für das Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel. "Ökofimmel" ist süffig geschrieben und liest sich flüssig, aber leider finden Gegenargumente nicht immer den Platz, den sie verdienen. Neubacher schreibt gut, aber einseitig. Auf Quellenangaben verzichtet er ganz, das immerhin sechsseitige Literaturverzeichnis im Anhang ist unkommentiert.

Schade. Das Thema ist so umstritten und komplex, das es eine differenziertere Betrachtung verdient hätte. Oft bleibt Neubacher an der Oberfläche, manchmal treibt er die Polemik zu weit: Einmal verweist er auf eine Studie, die Bio-Käufer als besonders raffgierig und unsozial darstellt – sie würden aus dem Gefühl moralischer Überlegenheit das Recht ableiten, an anderer Stelle sündigen zu dürfen.

Ein Umweltfeind ist Neubacher nicht. Im ersten Kapitel erzählt er, wie er als Familienvater die Welt retten wollte. Er fuhr mit dem Rad Brötchen holen und nahm bei Dienstreisen den Zug. Er rüstete die Toilettenspülungen mit einer Wasserstopptaste nach und trennte fleißig seinen Müll. Er fing auch an, sich Fragen zu stellen – zum Beispiel die, ob es wirklich sinnvoll ist, leere Joghurtbecher liebevoll auszuspülen, wenn ein Teil davon doch nur im Hochofen verbrannt wird.

"Wenn etwas der Umwelt dient", schreibt er, "entfällt jede Begründungsnotwendigkeit." Grün ist gut, bio ist besser? Neubacher zeigt, dass das nicht so sein muss und es sich lohnt, genauer hinzugucken: Lebt jemand, der beim Biomarkt um die Ecke einkauft, aber einmal im Jahr mit der Boeing 747 nach Thailand fliegt, wirklich umweltbewusst? Oder einfach nur gesund?

Neubacher will Umweltschutz nicht abschaffen. Nur verändern. Sein Buch ist kein Plädoyer für die Plastiktüte, sondern eher dafür, einen stabilen Stoffbeutel zum Einkaufen mitzunehmen. "Es wäre gut", schreibt er, "würden wir unsere Gewissheiten ab und zu einem Realitäts-Check unterziehen." Eine Ökosteuer, die den ökologisch schädlichen Diesel bevorzuge, müsse ebenso überarbeitet werden wie hohe Subventionen für den "Landschaftskiller Biosprit". Es sei unvernünftig, schreibt Neubacher, Atomkraftwerke abzuschalten, wenn man dadurch von Atomstromimporten aus Frankreich und Tschechien abhängig würde.

Er fordert, dass über das Thema Umweltschutz rationaler diskutiert werden soll. Er entkräftet die Untergangsszenarien und die Fünf-vor-Zwölf-Rhetorik von nur scheinbar grünen Lobbygruppen – und macht klar, dass die Rettung der Welt auch ein Geschäft ist. Das ist die eigentliche Stärke dieses streitbaren Buches. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum es so umstritten ist: Die Leser-Rezensionen bei einem großen Online-Versandhändler fallen entweder sehr gut aus oder sehr schlecht. Kein Zweifel: Neubacher will provozieren und Diskussionen auslösen. Er hat sein Ziel erreicht.

Autor: Patrik Müller