Start ins Leben

Aktionstag der Elterninitiative Mother Hood zum internationalen Hebammentag

Barbara Puppe

Von Barbara Puppe

Di, 09. Mai 2017

Offenburg

Kampf für einen guten Start ins Leben

OFFENBURG. Die Geburtshilfe in Deutschland verändert sich, die Begleitung durch eine Hebamme während Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillzeit ist nicht mehr selbstverständlich. Doch wie wir geboren werden, prägt uns ein Leben lang, so die Veranstalterinnen. Deshalb fordern Hebammenverbände die Eins-zu-eins-Betreuung durch eine Hebamme während der Geburt, flächendeckende Versorgung mit Hebammen, freie Wahl des Geburtsortes und Einrichtung eines Haftungsfonds. Auch Mother Hood schließt sich diesen Forderungen an und kämpft für einen guten Start ins Leben.

Die Filmdokumentation zum Abschluss des Aktionstages im Gemeindehaus der evangelischen Stadtkirche "Das Baby kommt – zwischen Trauma und Traumgeburt" wurde 2016 im WDR ausgestrahlt und begleitet drei hochschwangere Frauen, die sich ihre Wunschgeburt sehr unterschiedlich vorstellen. Die geplante natürliche Geburt im Krankenhaus stellt sich für eine der jungen Frauen als traumatisches Erlebnis heraus, eine Spontangeburt ist harte Arbeit, kommentiert der Film. Sie aber hat sich zusätzlich alleingelassen und dem Geschehen ausgeliefert gefühlt.

"Wir werden keine

Frau abweisen"

Ingrid Vogt, Leitende Hebamme am Klinikum
Ganz anders die Geburt zu Hause mit einer professionell ausgestatteten Hebamme, für die sich eine andere Schwangere entschieden hat. Gezeigt wird die Entbindung in vertrauter Umgebung, wobei die Schwangere die Überzeugung begleitet: "Frauen können das, es ist ein ureigenes Programm in uns". Nicht jede Frau sieht das so, immerhin wird in Deutschland jedes dritte Kind per Kaiserschnitt geboren, nicht immer freiwillig, aber oft geplant. Wie bei der dritten Schwangeren im Film, die sich ohne medizinische Indikation für die Schnittentbindung entschieden hat.

Der Film macht die Risiken deutlich, die nach dem Kaiserschnitt drei Mal so hoch seien, wie nach einer normalen Geburt: Anpassungsstörungen des Babys, erhöhtes Allergierisiko, seelische Probleme der Mütter als Folge des Kaiserschnittes. Der allerdings habe für die Kliniken finanzielle Vorteile, er sei planbar und werde auch ohne medizinische Notwendigkeit vorgenommen. Der Film spricht sich für die natürliche Geburt aus, betont aber auch das Recht der Frauen auf eine Entbindung ihrer Wahl.

Diese aber, und vor allem die Eins-zu-eins-Betreuung der Frauen durch eine Hebamme bei der Entbindung drohen sich dramatisch zu verschlechtern, denn viele Hebammen arbeiten freiberuflich, müssen hohe Haftpflichtprämien bezahlen, immer mehr Hebammen können nicht mehr von ihrer Arbeit leben. Der Spitzenverband des Gesetzlichen Krankenkassen (GKV-SV) will die Regeln für die Vergütung von Geburtshilfe durch Beleghebammen verändern.

Das geplante neue Abrechnungssystem für die Leistungen rund um die Geburt wird am 19. Mai von einem Schiedsgericht entschieden und muss dann bereits ab dem folgenden Tag auch in Offenburg umgesetzt werden, wie Ingrid Vogt, Leitende Hebamme am Klinikum, informierte. Dort arbeiten seit Jahren Beleghebammen, die die Gebärenden nahezu eins zu eins betreuen. "Dieses Belegsystem ermöglicht uns, so viele Hebammen auf den Dienstplan zu setzen, wie wir für notwendig halten", so Vogt. Die Klinik stehe voll hinter diesem System, auch der Ortenaukreis wolle nichts anderes. Eines der Schlüsselprobleme sei, dass es keinen Personalschlüssel für die Geburtshilfe gebe, unterstrich Mother Hood. "Man kann mit zwei Hebammen eine Schicht fahren, aber auch mit sieben Hebammen, wie am Ortenauklinikum". Wenn nur noch ein Drittel der Hebammen gewährleistet werden soll, könne man sich bei jährlich 2100 Geburten in Offenburg vorstellen, dass dann nicht mehr jede Frau zu jeder Zeit der Geburt eine Hebamme zur Verfügung habe.

Der Aktionstag in Offenburg wurde sehr gut angenommen, so die Veranstalterinnen, viele werdende Mütter hätten sich informiert, viele Familien hätten die Kinderaktionen genutzt und sich die "begehbare Gebärmutter" angesehen, in die Renate Darrmann, Kreisvorsitzende Ortenau des Hebammenverbandes Baden-Württemberg Interessierte eingeladen hatte. Es lief eine Unterschriftenaktion, die im Kreistag eingereicht werden soll, mit der Bürger fordern, dass der Kreistag sich für das Belegsystem stark macht.

In der abschließenden Gesprächsrunde stellten sich Hebammen aus dem Ortenaukreis und Sylvia Fröhlich von Mother Hood den Fragen aus dem Publikum. Diese Abrechnungsproblematik habe auch Auswirkungen auf Offenburg. "Was uns bisher auszeichnet, ist definitiv in Gefahr", betonte Vogt, man müsse jetzt abwarten, wie der Schiedsspruch ausfällt. "Wir versuchen auf jeden Fall das Belegsystem zu erhalten, solange es geht, wir werden keine Frau abweisen, da müssen wir mal schauen inwieweit wir abrechnen können." Es sei Aufgabe der Politik zu überlegen, wie wir Geburten in Deutschland haben wollen, machten die Hebammen deutlich. Der Kreis müsse sich überlegen, was es ihm wert ist, dass dieses Plus an Betreuung erhalten bleibt. Sie richteten einen dringenden Appell auch an die Lokalpolitiker, weiter zu kämpfen.