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27. Oktober 2014

Auf den Spuren von Johnny Cash

Band Nina & the Hot Spots begeisterte die Insassen der JVA.

  1. Nina & the Hot Spots rocken in der JVA Offenburg. Foto: Julia Trauden

OFFENBURG (jtr). Lautes Getöse dringt aus den Hallen der JVA Offenburg, es klopft und scheppert. Kein Grund zur Sorge, denn es geht alles mit rechten Dingen zu. Die Freiburger Band Nina & The Hot Spots hat am Donnerstagabend eine riesige Funktionshalle des Gefängnisses mit ihrer rockigen Mischung aus Blues, Swing und Rockabilly zum Konzertsaal umfunktioniert.

Ein befremdliches Gefühl ist es, in den höchst abgesicherten Gängen des Gefängnisses zum Konzertsaal zu schreiten. 64 Häftlinge hatten sich für die Veranstaltung angemeldet, 52 sind gekommen. In der Halle herrscht gute Stimmung, die Zuschauer würdigen den Auftritt der Band mit Pfiffen, Klatschen und vereinzelten Tanzeinlagen. Nina und ihre Band legen eine energiegeladene Performance hin. Der Kontrabassist wirbelt sein Instrument hin und her, der Saxophonist legt ein fulminantes Solo hin, und Schlagzeuger und Gitarrist schlagen sich die Finger wund. Die extravagante Sängerin zieht in ihrem eng anliegenden Kleid und mit ihren Swing-Tanzeinlagen alle Blicke auf sich.

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Die meisten der Häftlinge seien wohl hauptsächlich wegen der ansehnlichen Frontfrau gekommen, erklärt Joachim Stein, stellvertretender Vollzugsdienstleiter. Viele nutzten die freie Zeit, die ihnen abends zusteht, lieber für andere Dinge, oder haben schlicht und einfach nicht den Kopf für eine solch ausgelassene Veranstaltung. Die Anzahl der Konzertbesucher sei immer in etwa die gleiche wie an diesem Abend. 500 Plätze bietet die neue JVA, rund 470 sind zurzeit belegt.

Trotzdem fänden die Konzerte, die der Dortmunder Kunst- und Literaturverein für Gefangene zweimal jährlich in der JVA Offenburg organisiert, größeren Anklang als andere kulturelle Aktivitäten, die geboten werden. Mit Rockmusik können die meisten Insassen wohl mehr anfangen als mit einem Besuch des Improvisationstheaters, so Stein. Und natürlich seien sie dankbar für jede Abwechslung im eintönigen Gefängnisalltag.

Ein Konzert für Häftlinge: Die Idee gibt es schon seit Johnny Cash vor 45 Jahren das erste Mal im San-Quentin-Gefängnis in Kalifornien aufgetreten ist. Der "Vertreter des kleinen – oder des bösen – Mannes" habe mit dieser Aktion Pionierarbeit geleistet, sagt Kontrabassist Matthias nach dem Konzert. Für die Band sei es der erste Auftritt im Gefängnis gewesen, entsprechend groß war die Aufregung. "Wir wussten überhaupt nicht, wie man auf uns reagieren wird. Wir haben uns hier viel mehr konzentrieren müssen als bei einem normalen Konzert." Den Ablauf hätten sie im Voraus sorgfältiger als gewöhnlich durchdacht. So wurden etwa Lieder, die auf Alkoholkonsum oder Gewalt anspielen, bewusst ausgelassen, erzählt Sängerin Nina.

Und wie kamen sie überhaupt auf die Idee, hier im Gefängnis zu spielen? Im Rahmen des bundesweiten Projektes "Kultur hinter Gittern" hätten sie vor einem Jahr eine Anfrage vom Dortmunder Kunst- und Literaturverein für Gefangene erhalten, sagt Gitarrist Marco. Sie haben sich dafür entschieden – einfach um "zu schauen, was passiert. Wir fanden es spannend, zu sehen, wie Musik sozial- und kulturübergreifend funktioniert."

Der Auftritt sei als großer Erfolg zu bezeichnen. "Es ist schön zu sehen, wie Musik verbindet", sagt Kontrabassist Matthias. Der Auftritt sei sicherlich nicht ihr letzter hinter Gittern, sie seien auf den Geschmack gekommen. Zunächst mal werden sie jetzt wieder in normalen Locations touren, am 7. November auch wieder in Offenburg: im KiK.

Autor: jtr