Offenburg

Der verstorbene französische Rockstar Johnny Hallyday hat seinen Militärdienst 1964 in Offenburg absolviert

Robert Ullmann

Von Robert Ullmann

Mi, 06. Dezember 2017 um 12:37 Uhr

Offenburg

Was Friedberg für Elvis Presley war, war Offenburg für Johnny Hallyday. 1964 hat der in der Nacht auf Mittwoch verstorbene französische Rockstar seinen Militärdienst in Offenburg absolviert.

Am 13. November 2015 war Frankreichs Rock’n’Roll-Legende Johnny Hallyday zuletzt in der Gegend von Offenburg. Im Straßburger Zénith machte er mit seiner Tournee "Rester Vivant" (Lebendig bleiben) Station. Der gute Vorsatz hat nur für zwei Jahre gereicht. In der Nacht zum Mittwoch ist Hallyday in Paris gestorben. Zur Umgebung von Straßburg hatte Hallyday eine besondere Beziehung. Was Friedberg für Elvis war, war Offenburg für Hallyday. Dort hat der französische Rockstar 1964 seinen Militärdienst absolviert.



Was hat Offenburg mit der Geschichte des Rock ’n’ Roll zu tun? Nicht allzu viel – und doch, es reicht für eine klitzekleine Fußnote. Schuld daran ist ein gewisser Jean Philippe Smet, der mit Elvis-Tolle, kessem Blick und verwegenem Lachen als Johnny Hallyday eine unglaubliche Karriere gemacht hat: 80 Millionen verkaufte Tonträger, 18 Millionen Konzertbesucher von 1960 bis heute.

Was hat das nun mit Offenburg zu tun? Was Friedberg in Hessen für Elvis, war Offenburg für Johnny: Vor 53 Jahren hat der französische Rockstar seinen Militärdienst in Offenburg geleistet. Einen wie ihn gab es in Deutschland nie. Als er 1964 nach Offenburg kam, war er bereits die Identifikationsfigur für seine Generation. Die Frage, ob einer wie er seinen Pflichtwehrdienst ableisten muss, bewegte damals die gesamte Grande Nation vom Teenager bis zur Nationalversammlung. Am 8. Mai 1964 wurde er im Beisein Tausender Fans und der gesamten französischen Presse eingezogen und in Offenburg stationiert, beim 43éme Regiment blindé d'Infanterie de Marine, beim 43. gepanzerten Marineinfanterie-Regiment, das in der Ihlefeld-Kaserne, dem heutigen Offenburger Kulturforum, stationiert war.

Schütze Johnny, über den nahezu täglich Zeitungsberichte erschienen, war ein Mustersoldat. Das französische Fernsehen berichtete sogar live über Johnny beim Offenburger Barras. Er bekam dienstfrei, um seinen Geburtstag zu feiern (am 15. Juni), um den von einem Kumpel zu feiern (am 3. Juli), um ein Konzert zu geben (am 13. September) und um den französischen Schlagerstar Sylvie Vartan zu heiraten. Dieses Paar hatte sich von zwei "enthemmten Jugendlichen", die sich öffentlich küssten, zum Traumpaar der französischen Nation gemausert.

Offenburg war der Wendepunkt in Hallydays Karriere. Während seiner Dienstzeit kam sein absoluter Mega-Hit der frühen Jahre in die Läden: "Le penitencier", eine französische Adaption des Animals-Hits "House of the rising sun". Das Stück war in jeder Musikbox der Ortenau zu finden – schon wegen der hier stationierten Soldaten, die am Wochenende die hiesigen Eisdielen und Cafés besuchten. Johnny brachte den Titel als "Das alte Haus in New Orleans" auch in gebrochenem Deutsch auf den Markt. Fortan war Johnny Hallyday ein ernsthafter Rock-Künstler. Angeblich soll der Rocker häufiger Ausflüge "über die Mauer" gemacht haben, um in den Eisdielen der Stadt mit hübschen jungen Offenburgerinnen zu poussieren. Man erzählt sich, er habe im Tanzsaal über dem "Wienerwald" in der Offenburger Hauptstraße, Ecke Ritterstraße gelegentlich sogar mit Offenburgern gerockt.

Einer, der damals mit Johnny – wenn auch nur für ein paar Minuten – rockte, ist Pit Köther. Köther schrieb von den 60er- bis in die 80er-Jahre selbst ein Stück regionale Rock- und Pop-Geschichte. Unvergessen sind die Bands, in denen er das Schlagzeug bediente: In den 60ern The Heeds, brav gescheitelte Jungs mit Beatles-Anzügen, in den 70ern Connubial Act, eine verwegen aussehende Hippie-Truppe oder in den 80ern, Köthers bislang letztes Projekt Look & Listen, die auf der Discowelle schwammen.

Den Grundstein für seine Rockmusikambitionen legte Pit Köther, als er an einem Nachmittag des Jahres 1965 gemeinsam mit einem Freund am Fenster des französischen Offizierscasinos Moltke-, Ecke Zellerstraße lauschte. Dort probte gerade die Band Les Cactus, die Johnny Hallyday für einen Auftritt vor den Soldaten aus Paris hatte kommen lassen. Die Musiker bemerkten die beiden Jungs und forderten sie auf, reinzukommen. "Mein Freund hat denen irgendwie erklärt, dass ich Schlagzeug spielen kann", erinnert sich Köther, der damals gerade 14 war. Und der französische Drummer überließ dem Buben schmunzelnd seinen Platz. "Und da kam Johnny Hallyday rein", erinnert sich Köter an den vielleicht aufregendsten Moment seiner Musikerkarriere. Waren es 10, waren es 20 Minuten? Genau weiß er es nicht mehr. Gemeinsam spielten sie Hallydays aktuellen Hit "Le penitencier" alias "House of the raising sun".

Johnny Hallyday hat weitere Spuren in der Stadt hinterlassen. Wer in Suchmaschine das Wort "Offenbourg" eingibt, findet auf diese Weise jede Menge Johnny-Hallyday-Biographien. Um Hallyday und Offenburg ranken sich in Frankreichs Hallyday-Fan-Gemeinde die Legenden: Von einem Adjutanten, Indochina-Veteran, der Hallydays "Ausflüge" gedeckt habe, ist die Rede. Am 28. August 1965 wurde er um 11 Uhr ausgemustert. Am selben Abend soll er an der Atlantik-Küste sein erstes Nach-Militärkonzert gegeben haben. Er hatte Hits bis ins Jahr 2002, spielte im Kino unter berühmten Regisseuren wie Chabrol und Costa-Gavras. Tolle blaue Augen und sein Lachen waren bis zuletzt Markenzeichen plus kernige Falten um den Mund. Auch wenn ihn der der Lungenkrebs jetzt dahinraffte, war er ein wirklicher Rocker bis zum letzten Café noir. Und jetzt rockt er mit Kolleginnen und Kollegen in der Hall of Fame.

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