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30. Mai 2014

Stuttgarter Staatsoper

Premiere für Stefan Strumbel: „Einfach mal die Presse halten“

Stefan Strumbel feiert an diesem Freitag in der Stuttgarter Staatsoper Premiere als Bühnenbildner für die Oper "La Bohème".

  1. Stefan Strumbel (Bühnenbild) und Andrea Moses (Regie) arbeiten für die Inszenierung von La Bohème an der Staatsoper Stuttgart zusammen. Foto: Oliver Rath

STUTTGART. Heute, Freitag, feiert der Offenburger Künstler Stefan Strumbel sein Debüt als Bühnenbildner auf großer Opernbühne. Um 19 Uhr hebt sich in Stuttgart der Premierenvorhang für seine Kulissen zu La Bohème. Der 35-Jährige hat sie für den Opernklassiker von Giacomo Puccini geschaffen, der damit das Verhältnis des Künstlers zur Gesellschaft thematisiert. Ein Stoff wie geschaffen für einen wie Stefan Strumbel, der damit auf dem Gipfel einer frühen Karriere seinen Weg reflektiert.

Man fragt sich, ob es Stefan Strumbel nicht manchmal schwindelig wird bei dem Tempo, das seine Karriere aufgenommen hat. Vom illegalen Sprayer hat es der Offenburger Anfang der Nuller Jahre zum legalen Gestalter großer Hauswände in Offenburg gebracht – etwa beim ehemaligen Henco-Parkplatz, auf dem seit 2008 das Forum-Kino steht. 2006 hatte er dann – gefördert von der 2013 verstorbenen Künstlerin Jutta Spinner – seine erste große Einzelausstellung beim Kunstverein Offenburg. Seither ging es rasant bergauf – und zwar weltweit. Sein poppig-provokativ aufbereitetes Heimatthema trifft den Nerv der Zeit. Das New York Times Magazine ließ eine typische Strumbel-Kuckucksuhr auf seinem Cover prangen. Durch die Ausmalung der katholischen Kirche in Goldscheuer hat sich Strumbels Ruf als furchtloser Künstler, dem kein Thema zu heikel, kein Format zu groß ist, endgültig gefestigt, so dass der Auftrag des Stuttgarter Staatstheaters für sein Opernhaus konsequent erscheint.

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Am Mittwoch war Generalprobe für La Bohème unter der Regie von Andrea Moses. Stefan Strumbel sitzt am Regiepult im Parket neben der hochdekorierten Kollegin, gibt in den Pausen einem SWR-Fernsehteam Interviews und bewegt sich in dem Haus, das in den vergangenen 20 Jahren von internationalen Kritikern sechsmal zur Oper des Jahres gewählt wurde, wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser. "Bei einer Ausstellung zieht man sein Ego-Ding durch. Hier muss man viel mehr Teamplayer sein, eine neue und inspirierende Erfahrung für mich", sagt er und schwärmt von den vielen neuen Ideen, die die Arbeit mit den Künstlerkollegen mit sich bringt.

Und das Ego kommt auch nicht zu kurz. Schließlich geht es bei La Bohème um die Künstlerexistenz. Vorhang auf zum ersten Akt, der in der Atelier-Künstler-WG von Rodolfo und Marcello spielt. Unschwer werden Besucher früher Strumbel-Feten in seinem ersten Atelier in der Offenburger Nordweststadt die Szenerie wiedererkennen. Akt zwei spielt eigentlich im Pariser Quartier Latin. Die Inszenierung verlegt ihn auf den Stuttgarter Weihnachtsmarkt (großes Foto). Hier lässt Stefan Strumbel seinem Heimatthema die ironischen Zügel schießen, eine Ironie, die den badischen Schwabenwitz mit einschließt. So schwebt eine vergoldete Spätzle-Presse über der Szenerie. Die Presse steht zugleich für die Mühen, den künstlerischen Ausdruck zu finden. "Und wer es nicht versteht, soll einfach mal die Presse halten, damit er es vielleicht fühlt", erklärt Stefan Strumbel wohl auch mit Blick auf die Kritik, die Andrea Moses’ Stuttgarter Arbeit bislang nicht sehr freundlich aufgenommen hat.

Akt drei spielt in einer Arena, die für Strumbel ein Heimspiel ist: auf der Straße. Graffiti in den Arkaden und auf dem Müllcontainer, das "Heimat loves you"-Logo auf dem Wohncontainer der Prostituierten. Die Kommerzialisierung von Grundbedürfnissen wie Heimat, Liebe und Kunst ist hier auf den Punkt gebracht. Akt vier ist dann weitgehend strumbel-freie Zone. Das Künstleratelier wird zur Galerie, zum Museum, in dem die Künstler vor Publikum ihre prekäre Existenz als Performance zu Markte tragen bis zum – vom bürgerlichen Vernissagen-Publikum beklatschten – Tod.

Stefan Strumbel hat starke Bilder für den 150 Jahre alten Stoff gefunden. Die Stuttgarter Erfahrung wird ihn künstlerisch voran bringen.

Weitere Vorstellungen 4., 15., 18., 20., 24. und 30. Juni sowie 4., 7., 11., 18., 22. Juli. Tickets http://www.oper-stuttgart.de

Autor: Ralf Burgmaier