Strenge Grenzkontrollen in Kehl

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Von unserer Redaktion

Do, 13. Dezember 2018

Offenburg

Erhebliche Auswirkungen des Attentats auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt / Ökumenischer Gottesdienst im Münster.

ORTENAU/STRASSBURG. Das Attentat auf dem Weihnachtsmarkt in Straßburg hat auch Auswirkungen auf die Ortenau: Die Grenzkontrollen am Übergang nach Frankreich sind wieder verstärkt worden, auf den größeren Weihnachtsmärkten in der Region sollen Sicherheitskräfte und Polizei vermehrt Streife laufen. Derweil hat Landrat Frank Scherer Straßburgs OB Roland Ries sein Mitgefühl ausgedrückt.

Der Tatort liegt in der Rue des Orfèvres. Es ist die am heftigsten mit Weihnachtsschmuck dekorierte Straße. Wegen der schier überquellenden Buntheit drängen sich dort abends auch dann noch viele Menschen, wenn die Weihnachtsmärkte bereits geschlossen sind. Die Straße wird auch gerne als Weg vom Weihnachtsmarkt beim Münster zu jenem auf dem Place Broglie genommen. Sie ist voll und eng, Fluchtmöglichkeiten gibt es keine.

Seit Dienstagabend hat die Bundespolizei nach Auskunft von deren Pressestelle die Grenzkontrollen auf der Europabrücke und der Fußgänger- und Radfahrer-Brücke "Passerelle des deux Rives" sowie auf benachbarten Grenzübergängen hochgefahren. Bei der Einreise aus Frankreich über die Europabrücke haben sich im Autoverkehr ab den frühen Morgenstunden in Kehl Wartezeiten von mitunter mehr als einer Stunde ergeben. Die Bundespolizei überprüfte in Kehl auch die aus Straßburg eintreffenden Straßenbahnen und Züge. Dabei wurde sie von der Landespolizei unterstützt. Über das Gemeinsame Zentrum in Kehl wurden die Aktionen mit der französischen Polizei koordiniert.

Deutlich weniger Passanten als sonst waren am Mittwoch in der Kehler Innenstadt unterwegs. Das bekam auch der Einzelhandel zu spüren. Ein Kleidergeschäft war zu, weil die Kunden ausblieben. Manche Läden beschäftigten weniger Personal. An der Tramhaltestelle vor dem Bahnhof hatte die Bundespolizei ihre Präsenz massiv verstärkt. Sämtliche Passagiere durften die Tram nur vorne verlassen. Auch an der Europabrücke kontrollieren die Beamten jedes Fahrzeug. "So viel Polizei habe ich in Kehl seit dem Nato-Gipfel 2009 nicht mehr gesehen", so der Inhaber einer Würstchenbude.

Frank Scherer, Landrat und Vizepräsident des Eurodistrikts Straßburg/Ortenau, hat am Mittwoch den Terroranschlag verurteilt und Straßburgs Oberbürgermeister Roland Ries sein Mitgefühl ausgesprochen: "Ich bin entsetzt über den feigen Anschlag auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt. Mein tiefes Mitgefühl und meine Trauer gehören den Angehörigen der Opfer. In dieser schweren Stunde stehen wir Seite an Seite mit unseren französischen Freunden."

Der badische Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh hat zur Fürbitte für die Verletzten und Trauernden in Straßburg aufgerufen. An den Präsidenten der evangelischen Partnerkirche im Elsass, Christian Ahlbecker, schrieb er: "Mit großem Erschrecken und Bestürzung haben wir von dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Straßburg gehört. Wir denken an die Menschen im Elsass und fühlen uns tief mit ihnen verbunden. Unsere Fürbitte gilt den Verletzten und den Trauernden. Möge der Geist Christi die Gewalttäter zur Umkehr führen und die Verletzten, die Trauernden und die Erschrockenen trösten und stärken, dass endlich Wirklichkeit wird, was die Weihnachtsbotschaft verheißt: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!" In Kehl wurde das Rathaus mit Trauerflor beflaggt. In Straßburg waren die Kirchen geöffnet, Gesprächspartner standen zur Verfügung. Am Abend fand ein ökumenischer Gottesdienst im protestantischen Temple Neuf statt, an diesem Donnerstag folgt einer um 18 Uhr im Münster.

Auch zwei der größten Weihnachtsmärkte in der Region sind unfreiwillig ins Blickfeld gerückt. Etwa jener in Offenburg. "Man hinterfragt sich nach so einem Attentat natürlich schon, ob man selbst alles richtig gemacht hat, ob alle notwendigen Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden", sagte Stefan Schürlein vom Stadtmarketing auf Anfrage. Allerdings: "Man kann nie zu hundert Prozent ausschließen, dass etwas passiert." Schürlein erinnerte dabei an das Attentat auf dem Breitscheidplatz im Dezember 2016 in Berlin, auch wenn der Ablauf dort, samt Einsatz eines Lkw als Waffe, ein ganz anderer gewesen sei. Man habe seinerzeit in Offenburg davon abgesehen, in den Zugangsbereichen Barrikaden aufzustellen. Zum einen weil es aus topografischen Gründen gewiss ein schwieriges Unterfangen wäre, mit einem Laster zu attackieren. Zum anderen müsste man dann ständig die quirlige Hauptstraße sperren, erst recht an den Wochenmarkttagen. Eine Innenstadt wie die von Offenburg sei eben "nicht perfekt absperrbar". Wolle man Anschläge wie damals in Berlin verhindern, müsste man sie "zumachen". Was aber damals realisiert wurde: eine höhere Präsenz von Security-Mitarbeitern. Deren Zahl wurde von zwei auf sechs täglich erhöht. Keine Frage, dass auch die kommenden Tage verstärkt Sicherheitskräfte unterwegs sein werden. Zudem würden auch Polizeibeamte Streife laufen – uniformiert wie auch in Zivil.

Lothar Kimmig von der Tourist-Info in Gengenbach verweist darauf, dass es im Zusammenhang mit dem Weihnachtsmarkt und der populären Adventskalender-Aktion rund ums Rathaus bereits seit 2013 ein Sicherheitskonzept gebe. Anlass war der Besuch des früheren Bundespräsidenten Joachim Gauck kurz vor Weihnachten. Damals herrschte im Städtchen Sicherheitsstufe eins, Teile der Altstadt waren für den Verkehr komplett gesperrt. "Big Packs", also wassergefüllte Behälter, bilden seither an den Rändern Bollwerke. Ständig auch im Einsatz sind laut Kimmig Polizeistreifen. "Auch Polizeikollegen aus Straßburg laufen mit", zumal auch viele elsässische Gäste gerne über den Weihnachtsmarkt bummeln.

An diesem Donnerstag sollte bei Weber-Haus in Linx die Abschlussfeier des Interreg-Projekts #emploi 360 stattfinden: 15 deutsch-französische Partner hatten sich bereiterklärt, grenzüberschreitende Beschäftigung zu fördern und französische Kandidaten bei der Arbeitssuche zu unterstützen. Die Feier wurde wegen des Attentats auf Januar verschoben.