Wer sind die erschossenen Deserteure?

Robert Ullmann

Von Robert Ullmann

Sa, 12. November 2016

Offenburg

Der Bohlsbacher Ortshistoriker Ulrich Burgert erhofft sich Hinweise zur Identität aus der Bevölkerung.

OFFENBURG. "Hier ruhen drei unbekannte Soldaten" steht auf dem schlichten Granitkreuz auf dem alten Bohlsbacher Friedhof hinter der Kirche. Unter dem Schriftzug steht die Jahreszahl 1945. Es handelt sich um drei Wehrmachtssoldaten, die im April 1945 keinen Sinn mehr im weiteren Widerstand gegen die anrückenden Alliierten sahen. Sie desertierten, wurden gefasst und standrechtlich erschossen. Seit vielen Jahren arbeitet der Ortshistoriker Ulrich Burgert daran, die Hintergründe aufzuklären. Er will die Namen der drei Toten in Erfahrung bringen – bisher vergeblich.

Im Zuge seiner Nachforschungen stieß der Ortshistoriker dennoch auf einige Hinweise, unter anderem in alten Zeitungen. So fand die Hinrichtung nahe des Munitionslagers im Rammersweierer Wald statt, nicht weit vom bekannten Mahnmal für die vier erschossenen französischen Résistance-Kämpferinnen. Nach einem Zeitungsbericht vom März 1946 hatten die drei Männer ihr Grab selbst ausheben müssen. Dieser Text gibt das Alter des Jüngsten der drei Hingerichteten mit 18 Jahren an. Als die Alliierten zwischen Rastatt und Bühl standen, seien sie geflohen. Sie hätten nach Hause gewollt. Das Erschießungskommando sei von einem Hauptmann Nägele aus Stuttgart geleitet worden. Dies will der Autor, ein "Dr. S. Z." vom Platzwart der damaligen Schießanlage erfahren haben.

Ein weiterer Zeitungsbericht über die Exhumierung der Toten und ihre Verlegung auf den Bohlsbacher Friedhof besagt, das Grab im Wald sei von unbekannter Hand gepflegt worden. Die unbekannte Person hatte auch ein schlichtes Birkenkreuz angebracht mit der Inschrift: "Hier ruhen drei unbekannte Soldaten, unschuldige Opfer der Nazi-Tyrannei, erschossen am 6. April, Weißer Sonntag 1945, unter Aufsicht von Hauptmann Nägele, Stuttgart." Weiter habe das Kreuz die Angabe enthalten: "Ein kaum 20-jähriger, ein Matrose und ein Familienvater von mehreren Kindern." Die Toten hätten weder Erkennungsmarke noch Ausweispapiere gehabt. Auch seien sie bis auf Hemd und Hose ihrer Kleidung beraubt gewesen.

Burgert betrieb Nachforschungen über die Wehrmachtsauskunft, die Besatzungsarchive in Colmar und Paris sowie über das Pfarrarchiv. Bei der Wehrmachtsauskunftsstelle fragte er per E-Mail nach, ob man Daten über einen Hauptmann Nägele, vermutlich Stuttgart, habe – mit Hinweis auf den Vorgang und das Grabmal. Burgert: "Ich erhielt die bereits bekannten Auskünfte zu dem Grab. Aber Hauptmann Nägele wurde mit keinem Wort erwähnt."

Am 14. März 1967 ließ der Kriegsgräberbund eine Exhumierung vornehmen. Skelett und Zahnbild der Toten wurden dokumentiert. Zu einer Identifizierung führte es nicht. Burgert hofft, jemanden ausfindig zu machen, der etwas über die Vorgänge im Rammersweierer Wald vor 71 Jahren weiß, aus erster Hand oder durch Angehörige oder Bekannte. Ein entsprechender Aufruf von 1946 der Gemeinde Bohlsbach blieb ohne Erfolg. Auch über die Person, die das Grab im Wald pflegte, ist nichts bekannt. Angeblich wurden die drei Deserteure in Durbach gefasst. Ein Landwirt, den sie um Unterkunft und Verpflegung baten, soll "zuständige Stellen" informiert haben.

Anlässlich der Umbettung 1946 versprach der damalige Bohlsbacher Bürgermeister Andreas Lurk, das Grab in Ehren zu halten und allzeit für ein würdiges Aussehen zu sorgen. Dieses Versprechen haben in diesem Jahr die Technischen Betriebe Offenburg eingelöst, indem sie das Grab neu anlegten und angemessen schmückten.

Eine Gedenkfeier zum Volkstrauertag für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft findet am Sonntag, 13. November, 16.15 Uhr, im Konferenzsaal der Gewerblich-Technischen Schulen, Moltkestraße 23, statt.Es spricht Brigadegeneral Franz Pfrengele.