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07. Juli 2009 19:09 Uhr

Baubeginn

Wasserkraftwerk im Offenburger Naherholungsgebiet

Es wird das zweite von drei neuen Wasserkraftwerken an der Kinzig: Nächste Woche beginnen die Bauarbeiten am Großen Deich in Offenburg. Die Baustelle ist aber auch so etwas wie eine Operation am offenen Herzen des Offenburger Gemüts. Warum?

  1. Sensibles Terrain: Der Große Deich ist eines der beliebtesten Offenburg Naherholungsgebiete. Schautafeln und die Fahne des EU-Life-Programms weisen auf den Baubeginn kommende Woche hin. Foto: Ralf Burgmaier

OFFENBURG. Zusammen mit dem bereits im Bau befindlichen Kraftwerk in Gengenbach und dem für kommendes Jahr geplanten in Hausach setzt das E-Werk-Mittelbaden verstärkt auf sauberen, vor der Haustür erzeugten Strom aus Wasserkraft. Georg Schmid, Geschäftsführer der E-Werk Mittelbaden Wasserkraft GmbH & Co. KG, ist allerdings klar, dass er sich dennoch auf sensiblem Terrain bewegt. Der Große Deich ist für viele Offenburger nicht nur Joggingzielpunkt und Radtourstation, Spazierweg und Badestelle, wo mancher Ausflug im Lokal der Familie Seiler feuchtfröhlich ausklingt, sondern er ist auch ein besonderer Ort, wo die Seele Kraft tanken kann. Entsprechend besorgte Anfragen haben auch schon Georg Schmid erreicht.

DIE LANDSCHAFT SOLL SICH NICHT VERÄNDERN

Deshalb betont der 57-jährige Geschäftsführer bei aller Begeisterung für seine Wasserkraftprojekte, dass die notwendigen baulichen Eingriffe nach Abschluss der Bauarbeiten optisch nicht sehr stark ins Gewicht fallen werden. Das "Krafthaus", in dem sich künftig Turbine und Generator, von der Strömung der Kinzig bewegt, drehen und mit einer Leistung von 460 Kilowatt 800 Haushalte versorgen werden, ist eine 5 Meter breite, rund 9 Meter lange und 2 Meter hohe längsrechteckige Kiste aus Stahlblech. Diese wird zwar nicht unsichtbar, aber doch komplett vom Wasser überströmt sein. Die Höhe des bestehenden Wehrs wird sie nicht überragen.

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Das Häuschen für die Steuerelektronik der Anlage, das ursprünglich auf der Krone des Kinzigdamms neben dem Deichwärterhaus stehen sollte, wird auf Wunsch des Offenburger Gemeinderats jetzt "von der Dammkrone nach unten gebaut", wie Georg Schmid erläutert. Die Brücke, über die Ausmündung des Mühlbachs wird breiter sein als die jetzige. Das Bemühen um möglichst geringe Eingriffe in das jetzige Erscheinungsbild ist aber deutlich.

Das geht natürlich nicht während der Bauarbeiten. Weil schweres Gerät nicht über die Mühlbachbrücke beim Gasthaus Bleiche transportiert werden kann und auch nicht durch das Wasserschutzgebiet von der Hochschule her, wurde eine Baustraße von der Kreisstraße zwischen Ortenberg und Elgersweier abgezweigt, die über den Kinzigdamm und das Kinzigvorland zum Großen Deich führt. Nächste Wochen beginnen dann die Aushubarbeiten im Flussbett. Dazu wird ein Damm aufgeschüttet, der die Baustelle mitten im Fluss gegen das Wasser abschirmt. Dann werden Betonpfeiler im Flussbettversenkt, die den Betontrog, der später das Krafthaus aufnehmen soll, stabilisieren. Wer sich schon einmal einen Eindruck von den notwendigen Eingriffen machen will, kann die Baustelle in Gengenbach besuchen, wo das E-Werk zusammen mit seinem Partner bei allen Wasserkraftprojekten, der Hydro-Energie Roth GmbH aus Karlsruhe, mit dem dortigen Wasserkraftwerksbau schon deutlich fortgeschritten ist. Wem der Weg nach Gengenbach zu weit ist, kann über das Internet die E-Werk-Webcam an der Baustelle ansteuern. "Auch am Großen Deich wird es eine Webcam geben", sagt Georg Schmid, dem klar ist, dass ein so sensibles Projekt Transparenz und eine offensive Öffentlichkeitsarbeit notwendig macht.

"WIR WOLLEN DEN PATENTENTWICKLER IN DIE PFLICHT NEHMEN"

Gespannt ist der gelernte Elektroingenieur, der seit 27 Jahren beim E-Werk Mittelbaden arbeitet, auf die innovative Technik zur Stromerzeugung, die in Gengenbach, in Offenburg und im kommenden Jahr auch in Hausach zur Anwendung kommt. Das Besondere ist, dass Turbine und Generator auf einer gemeinsamen Welle im Krafthaus sitzen. Das hat den Vorteil, dass es zu keinem Kraftverlust durch Übersetzungen kommt, bringt aber die Schwierigkeit mit sich, dass der Generator sich unter Wasser befindet. Damit Wasser und Strom nicht in Kontakt kommen, befindet sich der Generator in einer Kapsel, in der ein Überdruck das Eindringen des Wassers verhindert – theoretisch.

Auch Schmid ist gespannt, ob das alles reibungslos funktionieren wird. Schließlich handelt es sich um einen Prototypen, was auch der Grund ist, warum die Gebrüder Roth aus Karlsruhe, die die Patente besitzen, mit 30 Prozent an den Projekten beteiligt sind. "Wir wollen den Patententwickler mit in die Pflicht nehmen", erklärt Schmid das Beteiligungsmodell.

Innovativ ist auch, dass das Krafthaus je nach Wasserstand der Kinzig hochgefahren oder abgesenkt werden kann, um jeweils optimale Bedingungen für die Stromerzeugung zu erreichen.

Doch es geht bei der neuen, von E-Werks-Vorstand Helmut Nitschke in die Wege geleiteten Strompolitik des E-Werks nicht nur um den Versuch, erneuerbare Energien und Landschaftsschutz miteinander zu vereinen. Auch soll die Kinzig für Wanderfische wie den Lachs wieder durchlässig gemacht werden. Weil die Kraftwerksbauten des E-Werks allesamt auch mit dem Einbau neuer Fischtreppen einhergehen, fördert sie die Europäische Union über das EU-Life-Programm mit bis zu 25 Prozent des Bauvolumens von 7 Millionen Euro für Gengenbach und Offenburg.

Am Großen Deich kann damit der bestehende, aber, wie Experten versichern, leider nicht funktionstüchtige Fischpass ersetzt werden durch eine deutlich längere Anlage mit einem geringeren Gefälle. Auch der Mühlbach wird über einen Fischpass wieder an die Kinzig angeschlossen. An der Wassermenge von 7 Kubikmeter pro Sekunde, die derzeit für den Mühlbach abgezweigt wird, ändert sich durch das Wasserkraftwerk übrigens nichts, wie Georg Schmid versichert. Das hätten die Verhandlungen mit den HOS-Otto-Textilwerken ergeben, die mit Mühlbachwasser ein eigenes Kraftwerk betreiben.

Und wie geht es weiter mit der Wasserkraft im Versorgungsgebiet des E-Werks? Georg Schmid will jetzt die ersten drei Projekte zum Laufen bringen. Dann werde man sehen. "Potenzialuntersuchungen an Kinzig und Schutter machen wir weiterhin gemeinsam mit der Hochschule Offenburg."

Autor: Ralf Burgmaier