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02. August 2012

Ottonie auf Naxos

SALZBURGER FESTSPIELE II: Daniel Harding dirigiert, Sven-Eric Bechtolf inszeniert Hofmannsthals und Strauss’ "Ariadne" in der selten gespielten ersten Fassung.

  1. Berührend: Emily Magee als Primadonna/Ariadne Foto: Ruth Walz

Ein paar Mal klingelt ein Handy. Zwischendurch scheint jemand so eingenickt zu sein, dass man ob des Vom-Stuhl-Kippens heftig erschrickt. Dann wird schon applaudiert, wenn das Orchester noch lange nicht zu Ende gespielt hat. Das alles hat Sven-Eric Bechtolf nicht inszeniert. Aber es fügt sich nicht schlecht ein in die Welt des Bourgeois gentilhomme, jener Molière-Figur des neureichen Monsieur Jourdain, die unter den Schönen und Geistreichen ihren Platz sucht. Und die Hugo von Hofmannsthal in seiner ersten Fassung der "Ariadne auf Naxos" vorausgestellt hat, als eigens bearbeiteten "Bürger als Edelmann", zu dem wiederum auch Richard Strauss eine entzückende Bühnenmusik geschrieben hat, heute meist als Suite konzertant aufgeführt.

Schon an dieser Stelle holt man tief Luft ob des Beziehungsgeflechts, das um diese – mit der Wiener Staatsoper koproduzierten – "Ariadne aus Naxos" der Salzburger Festspiele in der ersten Version gestrickt werden kann. Keine Frage, die Festspielstadt mit ihrem Beziehungsreichtum von Oper und Schauspiel ist der richtige Ort für dieses Experiment; fast ausnahmslos hat sich die zweite Fassung der "Ariadne" auf den Bühnen durchgesetzt, der ersten haftet das Etikett des Misserfolgs noch an, womöglich auch, weil bei der Uraufführung vor 100 Jahren in Stuttgart der württembergische König den Abend durch seine Empfänge und Soupers in der Pause noch zusätzlich in die Länge zog. Gut dreieinhalb Stunden dauert es im Haus für Mozart, denn auch der "Ariadne"-Akt ist gegenüber der zweiten Fassung länger. Frappierend vor allen Dingen der Schluss. Keine elegische Verklärung durch das Liebespaar Ariadne-Bacchus, stattdessen eine längere Passage für die Commedia-dell-arte-Truppe und dann ein gesprochener Epilog des gastgebenden Parvenu Monsieur Jourdain, der mit seinem Schicksal hadert, nicht schon als Marquis geboren worden zu sein. Da geht Gesellschaftskritik vor Verklärung, und damit hatte sich Hofmannsthal viel deutlicher als in der zweiten Fassung gegen seinen kongenialen Komponistenfreund durchgesetzt.

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Der neue Salzburger Schauspieldirektor, schon während der Zürcher Jahre von Intendant Alexander Pereira ein Art Regisseur in Residence, führt in seiner Inszenierung die feine Gesellschaft aber nicht vor, er stichelt nur ein bisschen. Die Adabeis werden sich nicht wiedererkennen (wollen) in Jourdain alias Cornelius Obonya, der mit seinem "Ottakringer Dialekt" und seinen virtuosen Nestroy’schen Possen in der wunderbar-komischen Wiener Tradition des Wurstlprater-Kasperls steht und sich mit dem so hinreißenden Peter Matic als borniertem Haushofmeister die schönsten Duelle liefert. Bechtolf geht es sowieso um mehr: eine Korrespondenz des Stücks mit seinem Entstehungskontext. In einer von ihm konstruierten Rahmenhandlung disputieren Hofmannsthal (mit Noblesse: Michael Rotschopf) und die von ihm verehrte Ottonie von Degenfeld-Schonburg (hochsensibel, die perfekte Jugendstilfigur: Regina Fritsch) über das Stück als Spiegel ihrer Beziehung: In der trauernden Ariadne finden sich die Wesenszüge der Witwe. Am Ende suggeriert eine innige Umarmung des Paares das, was im richtigen Leben wohl nicht zustande kam: sozusagen eine zusätzliche Ästhetisierung eines Schlüsselwerks des Jugendstil-Ästhetizismus.

Rolf Glittenbergs weißer Einheitsraum mit seiner Rotunde, die einen Ausblick auf eine Allee à la Gustav Klimts Schloss Kammer gewährt, und die zeitlichen und stilistischen Ebenen fantasievoll charakterisierenden Kostüme von Marianne Glittenberg schaffen dazu einen inspirierenden, idealistischen Rahmen. Die eingestürzten Flügel im "Ariadne"-Akt wirken dagegen zu sehr wie romantische Konfektionsware – zum Glück übertünchen Bechtolfs ausgeklügelte Personenregie und Heinz Spoerlis versierte Choreographien ihren Dekorationscharakter.

Es steckt viel Zürich in dieser "Ariadne". Wie 2006 dort singt Emily Magee eine berührende, klar phrasierende, nur in der tiefen Mittellage etwas zurückhaltende Titelpartie; und wie dort jongliert Elena Mosuc mit Zerbinettas Koloraturen – bewundernswert zirzensisch, aber sehr soubrettig. Und dann Jonas Kaufmann: Was für ein Idealbild des Bacchus – vor dunkel timbrierter Kraft in der Höhe strotzend, elektrisierend und auch im Piano nicht an Substanz verlierend. Daniel Harding trifft am Pult der Wiener Philharmoniker nicht immer den delikaten Ton der Musik, da wirkt einiges zu derb, inhomogen und selbstverliebt; zumal das Orchester mit so mancher Einzelleistung (Solovioline) über seinen Weltruf und seine Einstellung zu diversen Dirigenten nachdenken lässt…
– Weitere Aufführungen: 3., 5., 8., 10., 15. August. Premiere an der Wiener Staatsoper: 19. Dezember. Fernsehübertragung am 5. August, 20.15 Uhr, 3sat.

Autor: Alexander Dick