Hohe Dunkelziffer

Gewaltdelikte gegen Frauen werden eher angezeigt

Annemarie Rösch

Von Annemarie Rösch

Fr, 25. November 2016 um 12:38 Uhr

Deutschland

Eine Studie des Bundeskriminalamts zeigt, dass Opfer von Partnergewalt in Deutschland zu 82 Prozent Frauen sind. Auffallend: Migranten schlagen ihre Partnerinnen häufiger.

Es sind Zahlen, die erschrecken: 127 457 Menschen sind 2015 in Deutschland Opfer von Gewalt in ihrer aktuellen oder früheren Partnerschaft geworden. Davon waren 104 290 oder etwa 82 Prozent Frauen. Das berichtete das Bundeskriminalamt diese Woche. Im vergangenen Jahr wurden 415 Menschen infolge von Beziehungsdelikten getötet. Auch da gibt es wiederum deutlich mehr weibliche Opfer als männliche: 331, also 79 Prozent (siehe Grafik zu anderen Gewalttaten). Eine weitere Zahl erschreckt: Von 2012 bis 2015 verzeichnet das BKA einen Anstieg der partnerschaftlichen Gewalt um 5,5 Prozent.

So hoch die Zahlen erscheinen, sie bilden doch nur einen kleinen Teil der tatsächlich verübten Gewalttaten ab: den, der aktenkundig wird. Das BKA spricht von einem Hellfeld, das Dunkelfeld dürfte aber deutlich größer sein. Rechnet man die Zahl der weiblichen Opfer von 104 290 auf die Bevölkerung um, so läge sie bei nur bei 0,13 Prozent.

Hohe Dunkelziffer

Frauenorganisationen gehen aber von deutlich höheren Zahlen aus. Auch der Kriminologe Helmut Kury bestätigt dies. Er verweist auf eine Untersuchung des Familienministeriums von 2004, die als eine der umfassendsten und methodisch besten Studien zu diesem Thema in Deutschland gilt. Sie gelangte zum Ergebnis, dass 25 Prozent aller Frauen Opfer von körperlicher und sexueller Gewalt in der Beziehung wurden. Damals wurden 10 264 Frauen in Deutschland befragt.

Betrachtet man die große Diskrepanz zwischen aktenkundiger Gewalt und der Dunkelziffer, wird schnell klar, dass der vom BKA registrierte Anstieg von 5,5 Prozent nicht so leicht eingeordnet werden kann. "Gut möglich ist, dass das Dunkelfeld allmählich reduziert wird, also mehr Opfer und Zeugen Fälle von Partnerschaftsgewalt zur Anzeige bringen", meint dazu Kury.

Der Kriminologe, der 25 Jahre lang am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg arbeitete, weiß aus seiner langjährigen Erfahrung, dass früher Polizisten oft zu Auseinandersetzungen zwischen Ehepartnern gerufen wurden, Frauen bei leichterer Körperverletzung allerdings keine Anzeige erstatteten. Polizisten hätten sogar oft dazu geraten, eine Anzeige zu überdenken. "Heute wird in der Gesellschaft viel mehr über Gewalt diskutiert und darüber aufgeklärt. Das hat sicherlich dazu beigetragen, dass schneller angezeigt wird", so Kury.

Mit Blick auf den Anstieg der angezeigten Gewalttaten unter Partnern werden sich sicher viele auch fragen, ob dies mit dem Zuzug der Flüchtlinge zusammenhängen könnte. Die Herkunftsländer vieler Flüchtlinge – das sind Syrien, Afghanistan, der Irak und afrikanische Länder – werden allerdings nicht gesondert in der Statistik aufgeführt. Darüber lässt sich also nur schwer eine Aussage machen. Zudem stieg die Zahl der Anzeigen auch schon vor 2015 – dem Jahr, als die meisten Flüchtlinge nach Deutschland kamen.

Migranten schlagen ihre Partnerinnen häufiger

Auffallend an den Zahlen des BKA ist allerdings, dass der Anteil der Gewalt unter Partnern bei Zuwanderern aus eher traditionellen und patriarchalisch geprägten Gesellschaften besonders hoch ist. So machen die 1,5 Millionen türkischen Staatsangehörigen in Deutschland nur 1,9 Prozent der Bevölkerung hierzulande aus. Die Zahl der türkischen Opfer von Gewalt unter Partnern liegt aber bei 4,3 Prozent. Monika Schröttle vom Interdisziplinären Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung der Uni Bielefeld bestätigt das: Frauen mit türkischem Migrationshintergrund seien "stärker gefährdet, Opfer von Gewalt, Gewaltandrohung und Nachstellungen zu werden als andere in Deutschland lebende Frauen", schreibt sie in einem Aufsatz. Doch auch bei Polen sieht die Lage schwierig aus: Sie machen 0,9 Prozent der Bevölkerung aus, der Anteil an den Gewaltopfern unter Partnern liegt aber bei 3,2 Prozent. Solche Zahlen können allerdings nur Indizien sein.

Kriminologe Kury hat zwei Erklärungen, warum Partnergewalt in patriarchalischen Gesellschaften stärker ausgeprägt ist. "Dort gilt der Mann oft als Herrscher über seine Frau", sagt er. Diesen Anspruch versuche der eine oder andere mit Schlägen durchzusetzen. Die Wurzeln für Gewalt in der Partnerschaft sieht er zudem in der Kindererziehung. "Viele, die wegen solcher Delikte im Gefängnis sitzen, haben in ihrer Kindheit schwere Gewalt erlebt", erzählt er. Während in Deutschland seit dem Jahr 2000 das Schlagen von Kindern verboten ist und von der Gesellschaft geächtet wird, sei in Zuwandererfamilien Gewalt in der Kindererziehung oftmals noch üblich.
Frauenprotest in Lateinamerika

Die Idee für einen "Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen" stammt aus Lateinamerika. Dort hat er aktuell wieder eine besondere Bedeutung. In den vergangenen Monaten hat sich in der Region eine breite Protestbewegung gegen die zunehmende Gewalt an Frauen entwickelt. Auslöser waren brutale Frauenmorde, etwa in Peru und Argentinien. Unter dem Motto "Ni una menos" ("Nicht eine weniger") gingen im Oktober Zehntausende Menschen in Argentinien auf die Straße, nachdem ein 16-jähriges Mädchen gestorben war. Frauen in ganz Lateinamerika solidarisierten sich. Mit Protesten wollen sie nun auch am Wochenende ein Zeichen gegen die Machokultur setzen. Manche gehen unter dem Motto "Vivas nos queremos" ("Wir wollen uns lebend") auf die Straße.

1981 wurde der Aktionstag von Feministinnen aus Lateinamerika und der Karibik erstmals ausgerufen. Sie gedachten damit dreier Schwestern, die in der Dominikanischen Republik vergewaltigt und ermordet worden waren. Patria, Minerva und Maria Teresa Mirabal starben am 25. November 1960 durch die Hand von Soldaten des Trujillo-Regimes. 1999 erkannten die Vereinten Nationen den Tag offiziell an. In vielen lateinamerikanischen Gesellschaften gehört körperliche und sexuelle Gewalt jedoch noch immer zum Alltag. "Täglich werden in der Region mindestens zwölf Frauen getötet, nur weil sie Frauen sind", heißt es in einer Statistik der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (Cepal).

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