Plädoyer für Toleranz und Zusammenhalt

Aliki Nassoufis (dpa

Von Aliki Nassoufis (dpa

Di, 22. Mai 2018

Kino

Goldene Palme von Cannes für "Shoplifters" von Kore-Edo Hirokazu.

Der Abend begann mit einer Kampfansage. Die italienische Schauspielerin Asia Argento trat bei der Preisverleihung der Filmfestspiele Cannes auf die Bühne und ergriff das Mikrofon. "1997 wurde ich von Harvey Weinstein hier in Cannes vergewaltigt", sagte die 42-Jährige. "Dies war sein Jagdgebiet." Im Saal herrscht absolute Stille. Vieles habe sich zwar getan, doch noch "heute Abend sitzen welche unter uns, die noch zur Verantwortung gezogen werden müssen. (...) Ihr wisst, wer ihr seid. Aber am Wichtigsten ist, dass wir wissen, wer ihr seid. Wir lassen euch nicht davonkommen", ergänzte sie kämpferisch und erntete dafür auf der Gala euphorischen Beifall. Neu waren ihre Vorwürfe gegen den Hollywoodproduzenten nicht und doch sollten sie der Auftakt für eine Preisverleihung sein, bei der die Stimmen der Frauen, Außenseiter und Schwachen gehört wurden.

Bestes Beispiel dafür ist die Goldene Palme: Der Japaner Kore-Eda Hirokazu wurde für "Shoplifters" mit der Auszeichnung als bester Film geehrt. Darin erzählt er von einer Patchwork-Familie am Rand der Gesellschaft. Der 55-Jährige inszeniert sein Werk zwar nicht als politisches Statement, wird aber durch seine stille und subtile Sozialkritik doch zu einem emotionalen Plädoyer für mehr Toleranz und Zusammenhalt. Deutlich klarer wurde der US-Amerikaner Spike Lee mit seinem Beitrag "BlacKkKlansman". Der basiert auf einer unglaublichen, aber wahren Geschichte: Ende der 70er Jahre schleusten sich ein schwarzer und ein jüdischer Polizist beim rassistischen Ku-Klux-Klan ein.

Lee, der sich immer wieder für die Rechte der Afro-Amerikaner einsetzte, zieht eindeutige Parallelen zur US-Politik und gesellschaftlichen Missständen – die Jury um Präsidentin Cate Blanchett würdigte seine Leistung mit dem Großen Preis, der zweithöchsten Auszeichnung des Festivals. "Ich hoffe, dass uns der Film weltweit aus unserem Schlummern herausholt und zurück zu Wahrheit, Gutherzigkeit, Liebe und nicht Hass führt", sagte der 61-Jährige nach der Preisverleihung am Samstagabend. "In den vergangenen Tagen haben wir außergewöhnliche Filme gesehen", hatte Blanchett kurz zuvor erklärt. Viele der Beiträge hätten "unsichtbare und entrechtete Menschen" gezeigt.

Das traf auch auf das ergreifende libanesische Drama "Capernaüm" zu, das mit dem Preis der Jury geehrt wurde. Regisseurin Nadine Labaki stellt den zwölfjährigen Zain in den Mittelpunkt, der in einem völlig verwahrlosten Elternhaus aufwächst. Es ist ein Leben in der Hölle auf Erden; Zain wird entweder misshandelt oder ist auf sich allein gestellt. Die libanesische Filmemacherin war zugleich ein Beispiel für die starke Frauenpräsenz bei der Preisvergabe. So gewann die Kasachin Samal Yeslyamova die Auszeichnung als beste Schauspielerin. Sie überzeugte in der deutschen Koproduktion "Ayka" von Sergey Dvortsevoy mit ihrer intensiven Darstellung einer Mutter, die ihr Neugeborenes verlässt, weil sie sich als illegale Hilfsarbeiterin in Russland kein Kind leisten kann.

Und auch bei den Preisen für das beste Drehbuch spielten Frauen eine tragende Rolle. Nicht nur, dass die Italienerin Alice Rohrwacher für ihr märchenhaftes Werk "Happy is Lazzaro" ausgezeichnet wurde. Ein zweiter Drehbuch-Preis ging an die Iraner Jafar Panahi und seine Kollegin Nader Saeivar für "Three faces". Panahi, der trotz Berufsverbots in seiner Heimat wieder einen Film drehte, fokussiert auf drei Schauspielerinnen unterschiedlicher Generationen, die gegen gesellschaftliche Konventionen ankämpfen.

Dieser Kampfgeist wird von der 71. Festivalausgabe in Erinnerung bleiben. Auch wenn während des Filmfests seltsam wenig Stars über den roten Teppich an der Croisette liefen, überraschte der Wettbewerb mit fast durchweg guten und teilweise sehr starken Filmen – von denen sich viele den vermeintlich Schwachen, aber auch deren Aufbegehren widmeten. Selbst wenn also harsche Realitäten eine große Rolle spielten: Ein Funke Hoffnung war doch meist ebenso zu spüren.