Quer durchs Piemont an die Blumenriviera

Radtour Turin - San Remo

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

Sa, 28. Juli 2018

Reise

Von der Olympiastadt quer durchs Piemont an die Blumenriviera / Von Andreas Strepenick .

Viele Wege führen nach San Remo. Wer dorthin radeln möchte, kann zum Beispiel in Mailand starten. Es gibt da diesen bekannten Eintagesklassiker im Frühjahr. Die Teilnahme an dem Profirennen ist allerdings einer Elite vorbehalten. Man müsste erst einmal in ein Team aufgenommen werden und dann in der Lage sein, die 294 Kilometer an einem Tag zurückzulegen. Der italienische Radprofi Vincenzo Nibali hat das zuletzt in sieben Stunden, 18 Minuten und 43 Sekunden geschafft. Dann ist die Blumenriviera aber auch schon erreicht, und der Rennradler kann seine Füße im Mittelmeer baden und abkühlen – nächstes Jahr am 23. März.

Es gibt aber natürlich noch andere Wege, die italienische Stadt am Meer gleich an der Grenze zu Frankreich mit dem Fahrrad anzusteuern. Einer davon beginnt in Turin. Man kann sich auch durchaus mehr Zeit nehmen. Wie wäre es mit sieben Tagen? Der Radreiseveranstalter Eurobike bietet eine ausgeschilderte Tour über rund 300 Kilometer an, organisiert dazu sieben Übernachtungen und transportiert auch das Gepäck. Pro Tag sind also nur rund 50 Kilometer zurückzulegen. Man kann sich dazu ein Velo vor Ort ausleihen. Man kann aber auch das Eigene mitbringen – was freilich nicht ganz leicht zu bewerkstelligen ist. Die Anreise mit Zug und Fahrrad von Freiburg aus über Basel, Brig und Domodossola bis nach Turin dauert gut acht Stunden, man muss viermal umsteigen. Aber dann ist man angekommen am Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2006 und dem Kandidaten für Olympia 2026. Die Tour kann losgehen.

Drei Tage lang schlängelt sie sich durch die Dörfer des Piemont am Rand der Alpen, Steigungen gibt’s kaum, aber dafür viele Gelegenheiten, Schinken und Käse zu kosten und all die anderen Köstlichkeiten, für die das Piemont bekannt ist. Immer wieder verläuft die Route auf Fahrradwegen, aber diese Wege hängen nicht miteinander zusammen und sind zum Teil in beklagenswertem Zustand – typisch für Italien. Ansonsten geht es über ruhige Nebenstraßen.

Die drei Tagesetappen von Turin nach Pinerolo, Saluzzo und Mondovi sind harmlos, was die Zahl der Höhenmeter angeht. Das ändert sich am vierten Tag. Da ist Schluss mit der gemütlichen Radlerei. Irgendwann muss man die italienischen Alpen in Richtung Mittelmeer schließlich überqueren, und diese Überquerung beginnt auf den 60 Kilometern zwischen Mondovi und Millesimo. Da geht’s gleich einige Male knackig rauf und runter, vor allem auf der Serpentinenstraße hoch ins Bergdörfchen Ciglie. Die Höhenstraße im Anschluss ist spektakulär, sie führt durch Weinanbaugebiete, für die das Piemont ja ebenfalls bekannt ist. In Millesimo, einer Kleinstadt in den Bergen mit historischem Stadtkern am Ufer des Flusses Bormida de Millesimo, kann man den Wein dann probieren und das leckere italienische Essen und überhaupt nach dem harten Tag faul die Füße hochlegen. Denn auch am fünften Tag geht es noch einmal hoch auf einen letzten Pass bis auf gut 800 Höhenmeter.

Man folgt dabei dem Fluss Bormida de Millesimo, der an einigen Stellen tiefe Schluchten in den Berg gegraben hat, Richtung Süden. Der Pass ist aber eher sanft, kein wildes Auf und Ab wie am Vortag, und in dem Augenblick, in dem man die Passhöhe des Colle Scravaion erreicht, weiß man, dass sich die Tour gelohnt hat. Ein wildes Panorama tut sich auf: Schluchten, Berge und in der Ferne das sanfte Blau des Mittelmeers. Es ist der schönste Augenblick der Reise. 30 Kilometer Abfahrt nach Albenga sind jetzt noch zu meistern, und das sehr vorsichtig, denn der Pass ist praktisch nicht befahren, die Kurven sind eng und tiefe Schlaglöcher gibt’s auch.

Letzter Tag am Meer. Palmen, Olivenbäume, kleine Strände: Gern würde man jetzt an dieser ganzen Küste entlang radeln, aber der Auto- und Lkw-Verkehr auf der alten Via Aurelia ist stark und an einigen Stellen gefährlich. Ein Bustransfer ins Küstenstädtchen San Lorenzo al Mare bietet sich an. Dort beginnt ein Radweg, der zwar nur rund 20 Kilometer lang ist, aber auf einer ehemaligen Bahntrasse verläuft, also in sanften Kurven und Steigungen immer nah am Meer entlang. San Remo ist schnell erreicht. Wer will, kann noch ein Stück weiterradeln bis zum Ende der Trasse in Ospedaletti. Die Strecke führt durch einen alten Eisenbahntunnel. Schilder erzählen dort von der ruhmreichen Geschichte des Frühjahrsklassikers Mailand – San Remo, von den Helden früherer Tage. Erik Zabel ist dort abgebildet und inzwischen wohl auch Vincenzo Nibali. Ein Foto von uns wird dort nie hängen. Abgenommen haben wir auch nicht auf unserer Tour, das Essen war einfach zu lecker. Aber der Spaßfaktor war eindeutig höher als bei dem Eintagesklassiker.

Die Reise wurde unterstützt vom
Radreiseanbieter Eurobike