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06. Juli 2012 00:00 Uhr

Caritas-Studie

Baden-Württemberg hat die wenigsten Schulabgänger ohne Abschluss

Bundesweit ist Baden-Württemberg das Land mit den wenigsten Schulabgängern ohne Abschlusszeugnis. Das zeigt eine Studie der Caritas. Und: Regional sind die Unterschiede in Deutschland enorm.

In Wismar erreichen 26,6 Prozent der Schüler keinen Abschluss ab, während dies im bayerischen Landkreis Forchheim nur bei 2,4 Prozent der Jugendlichen der Fall ist. Um jungen Menschen Bildungschancen zu eröffnen, ist es aus Sicht von Peter Neher, dem Präsidenten des Caritasverbands, entscheidend, dass sich vor Ort die Verantwortlichen für die Schüler einsetzen.

Wer die Studie liest, stellt zunächst überrascht fest, was sie nicht belegt. So hängt die Zahl der Schüler ohne Abschluss nicht davon ab, wie gut die Finanzlage der Kommune ist, in der sie leben. Auch spielt die Frage, wie viele ausländische Jugendliche in einer Stadt oder einem Landkreis leben, keine Rolle. Im brandenburgischen Landkreis Elbe-Elster zum Beispiel haben weniger als ein Prozent der Schüler keinen deutschen Pass. Gleichwohl verlassen dort fast 15 Prozent der Jugendlichen die Schule ohne Abschluss. In Leverkusen beträgt dieser Wert 3,55 Prozent. Dort stammen zwölf Prozent der Schüler aus Zuwandererfamilien. Auffallend sind vor allem die Unterschiede innerhalb eines Bundeslandes – also innerhalb ein und desselben Bildungssystems. So verlassen in Heidelberg weniger als drei Prozent der Jugendlichen die Schule ohne Abschluss, während dies bei 9,1 Prozent der Schüler im Neckar-Odenwald-Kreis der Fall ist. Die Unterschiede innerhalb eines Landes zeigen nach Auffassung Nehers, dass die in den vergangenen Jahren eifrig geführten Debatten um das dreigliedrige Schulsystem und die Schularten nicht weiterführen. Aus der Untersuchung lasse sich kein Votum gegen die Hauptschule ablesen.

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Wenn also die kommunale Finanzlage, der Ausländeranteil oder das Bildungssystem keinen bedeutsamen Einfluss auf die Bildungschancen haben, bleibt die Frage, was die großen regionalen Unterschiede bei den Schülern ohne Abschluss erklärt.

Zum einen ist es die örtliche Arbeitslosenquote. Wo viele Eltern erwerbslos sind, kann offenbar die Schulmotivation der Kinder sinken. Zum anderen hat die Zahl der Jugendlichen, die Förderschulen besuchen, Einfluss auf die Höhe der Abgänger ohne Abschluss. "Sind in einem Ort anteilig mehr Schüler auf Förderschulen, sind dort statistisch nachweisbar auch mehr Jugendliche ohne Hauptschulabschluss zu erwarten", sagte Neher, als er am Donnerstag die Ergebnisse der Studie in Berlin vorstellte: "Die Förderschule kann sich offensichtlich als bildungspolitische Sackgasse erweisen."

Was die Arbeitslosigkeit als Ursache für die Zahl der Schüler ohne Abschluss anbelangt, zeigen sich allerdings ebenfalls gravierende Unterschiede. So liegt die Arbeitslosenquote in Mecklenburg-Vorpommern landesweit bei 13,5 Prozent. Im Müritz-Kreis, wo sie 12,7 Prozent beträgt, verlässt jeder fünfte Jugendliche die Schule ohne Abschluss, während in Greifswald (Arbeitslosenquote 13,7 Prozent) nur jeder zehnte Schüler keinen Abschluss macht. Bei der Untersuchung, warum einzelne Städte und Kreise deutlich geringere Zahlen an Schülern ohne Abschluss aufweisen, wurde nach den Worten Nehers eines sehr deutlich: "Der politische Wille zählt." Wo sich ein Bürgermeister, ein Schulamtsdirektor, die Leiterin eines Sozialamts oder freie Träger das klare Ziel setzten, für benachteiligte Jugendliche etwas zu tun, schafften mehr Jugendliche einen Abschluss. Zwar gebe es kein Muster, das überall im Land zum Erfolg führe. Allerdings seien die Kooperation der vor Ort Verantwortlichen und eine Begleitung von Familien durch Schulsozialarbeit, frühe Lernförderung und schulische Berufsorientierung in Zusammenarbeit mit örtlichen Firmen überall sinnvolle Ansätze.

Für die Studie hatte das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung in Essen sozioökonomische Daten aus mehr als 400 Städten und Landkreisen analysiert. Die Daten stammen aus dem Jahr 2009.

Autor: Bernhard Walker