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17. Juli 2010
Die Wohlfühlmaschine
Auto, Büro und ICE sind ohne Klimaanlage für viele unvorstellbar. Ein teurer Luxus für Mensch und Umwelt.
Es soll Menschen geben, die von der derzeitigen Hitze bisher nichts mitbekommen haben. Klimaanlage zuhause, Klimaanlage im Auto, Klimaanlage im Büro. Ein Sommer bei zwanzig Grad. Im Baumarkt stehen die Wohlfühlmaschinen normalerweise an jeder Ecke – wenn sie nicht gerade wie momentan ausverkauft sind. Für 300 Euro ist auch der kleine Geldbeutel dabei. Herunterkühlen ist bezahlbar geworden. Können wir nicht mehr ohne?
Im ICE kommt man seit fast zwanzig Jahren ohne Schweißtropfen an. Seitdem die Züge in Hochgeschwindigkeit durch unser Land rauschen, atmen sie nur noch dank kühlender Technik. Klimaanlagen haben Fenster abgelöst, es geht bei Tempo 200 und schneller nicht mehr anders. Wenn bei Hitze allerdings die Technik streikt, werden die Züge zur Sauna. In mehr als vierzig ICE-Zügen der zweiten Generation fallen seit einigen Tagen die Kühlgeräte aus. Bei mehr als 50 Grad kollabierten am Wochenende zahlreiche Passagiere. Reisen ohne Klimaanlage – unmöglich! Aber auch in anderen Bereichen hat sich der Mensch von der Anlage abhängig gemacht.
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In New York hingegen brach Anfang Juli während einer Hitzewelle wieder einmal das Stromnetz zusammen. In der Stadt, in der die Klimaanlagen niemals schlafen, sind 40 Grad keine Seltenheit. In Geschäften, Banken und Wohnungen merkt man davon aber nichts. Selbst wenn das Netz unter der Last ächzt, kühlen die Amerikaner auf 20 Grad herunter.
Christian Noll sitzt in diesen Tagen in Berlin. Rein thermisch ist das kein Unterschied zu New York. Eine Klimaanlage allerdings würde er nicht anfassen. "Wenn es gar nicht mehr geht, schalte ich höchstens den Ventilator ein." Noll arbeitet beim BUND, dem Bund für Natur und Umweltschutz. Was immer mehr Menschen an den Dingern finden? Er kann es nicht verstehen. "Die Kühlgeräte aus dem Baumarkt sind größtenteils wirkungslos und unangenehm laute Stromfresser", sagt er. Trotzdem könne sich der Bestand dieser Geräte bis 2030 in deutschen Haushalten fast verdoppeln, schätzt er. Dabei sind die Alternativen denkbar einfach: Tagsüber verdunkeln und nachts lüften. Damit könne man häufig eine ähnliche Wirkung erzielen.
Es gibt zahlreiche Argumente, weshalb man auf Klimageräte besser verzichten sollte. Sie belasten Umwelt, Gesundheit, Stromnetze und Geldbeutel. Ihre Auswirkungen auf Wetter und Klima sind verheerend. In den Metropolen dieser Welt, die ohnehin als Hitzeinseln aus der Landschaft ragen, verstärken sie sogar noch den Trend sich aufzuheizen. Durch die Klimaanlagen produzieren die Städte ihre Wärme teilweise selbst. Was aus den Häusern herausgeblasen wird, muss ja irgendwo hin. So wird es drinnen zwar kühl, außen aber immer heißer. Im Schnitt verursacht der Betrieb dieser Geräte mehr Wärme als kühle Luft. Darüber hinaus ist die CO2-Bilanz der Anlagen miserabel, was den Treibhauseffekt weiter verstärkt. Von den umweltschädlichen Chemikalien in einigen Anlagen ganz zu schweigen.
Die gesundheitlichen Risiken von Klimaanlagen sind den Menschen geläufiger. Nicht nur der thermische Stress belastet den Kreislauf, wenn man vom Kalten ins Warme kommt oder in einem ICE bei Gluthitze sitzt, dank schlampiger Wartungen können sich die Maschinen auch für Keime zu Wohlfühlmaschine entwickeln und sich über sie im Raum verbreiten. Ist das der Preis, den man für ein wenig Kühle zahlen will?
Es scheint fast so. Jedenfalls lassen sich viele nicht einmal von den horrenden Stromkosten abhalten. "Selbst bei einem Kompakt-Klimagerät der Effizienzklasse A fallen jedes Jahr in den paar heißen Wochen durchschnittlich 460 Kilowattstunden an", rechnet zum Beispiel das Ökoinstitut vor – das ist ein Zehntel des gesamten Stromjahresverbrauchs eines Vierpersonenhaushalts und damit mehr Strom als ein Kühlschrank im 365-Tage-Dauerbetrieb benötigt, wie Christian Noll betont. Neben 287 Kilogramm Kohlendioxid entstünden so Kosten von rund 100 Euro. Hinzu kommen Betriebsgeräusche von 60 Dezibel, was der Lautstärke eines Rasenmähers in zehn Metern Entfernung entspricht.
In den Autos sind die Geräte zwar leiser, dafür machen sie in der Hitze bis zu 30 Prozent des Spritverbrauchs aus. Zu diesem Ergebnis kommen Schweizer Wissenschaftler in einer Studie, die im Fachblatt Environmental Science and Technology erschienen ist. Besonders Kurzstrecken in der Stadt sind teuer. Durchschnittlich erhöhen Klimaanlagen im Auto den Spritverbrauch jährlich um etwa fünf Prozent.
Jens Pfafferott hält Klimaanlagen in den eignen vier Wänden für verzichtbar. Der Bauphysiker am ISE, am Fraunhofer-Institut für solare Energiesysteme in Freiburg sieht lediglich größere Probleme in der Bausubstanz der 60er und 70er Jahre. "Diese sind meist schlecht gedämmt, haben kleine Zimmer mit großen, aber veralteten Fenstern und sammeln regelrecht die Wärme", sagt er. Menschen, die in solchen Gebäuden oder Dachgeschosswohnungen leben, hätten fast keine Möglichkeit, die sommerlichen Temperaturen mit einfachen Mitteln deutlich zu reduzieren. Bei Bürobauten sehe das anders aus – bei repräsentativen Glas-Hochhäusern gibt es selten eine Alternative zur Vollklimatisierung. Aber auch hier gilt wie für die meisten Klimaanlagen: "Durch richtige Auslegung, intelligente Steuerung und regelmäßige Wartung birgt Energieeffizienz vieler Klimaanlagen erhebliche Einsparpotentiale", sagt BUND-Experte Noll. "So klappt’s übrigens auch mit der ICE-Kühlung."
Autor: / Von Andreas Frey
