Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

01. Dezember 2012 00:03 Uhr

Spurensuche

Indogermanisch – die Mutter aller Sprachen

Das Indogermanische ist weltweit verbreitet. Rund drei Milliarden Menschen sprechen heute eine der knapp 400 verschiedenen indoeuropäischen Sprachen. Woher es stammt, ist umstritten.

  1. Woher stammt das Indogermanische? Foto: fotolia.com/Phoenixpix

Wenn man ein Auge zudrückt, zählt Deutsch zu den erfolgreichsten Sprachen dieser Welt. Das gilt nämlich dann, wenn sich der Blick auf die Sprachfamilie weitet, das Indogermanische, oder wie man außerhalb Deutschlands sagt, das Indoeuropäische. Diese Sprachfamilie, zu der auch Englisch, die romanischen und skandinavischen Sprachen, ebenso Polnisch und Russisch bis hin zu Hindi in Indien zählen, ist auf jedem Kontinent anzutreffen. Rund drei Milliarden Menschen sprechen heute eine der knapp 400 verschiedenen indoeuropäischen Sprachen. Und Deutsch gehört dazu, ist allerdings nur eine davon.

Ähnlich wie rund 270 nach Christus, mit dem Zusammenbruch des Römischen Reichs, die vorherrschende lateinische Sprache in die romanischen Sprachen Italienisch, Spanisch, Französisch und Rumänisch mündete, muss es für die gesamte indoeuropäische Sprachfamilie ebenfalls eine Ursprungssprache gegeben haben. Forscher haben schon im 18. Jahrhundert verblüffende Gemeinsamkeiten zwischen Lateinisch, Griechisch und Sanskrit in Indien gefunden. Seither haben sie nicht nur einen Stammbaum der Sprachverwandtschaften akribisch zusammengetragen. Sie haben auch große Teile der Ursprungssprache, das Proto-Indoeuropäische, rekonstruiert. Die zwei wichtigsten Punkte in der Sprachgeschichte des Indoeuropäischen sind bis heute unentschieden, ja heftig umstritten: die Fragen, wo und wann die Ursprungssprache gesprochen wurde. Die Kontroverse macht man am besten an zwei Personen fest: an Colin Renfrew, britischer Archäologe an der Universität Cambridge, und am Amerikaner James Mallory, Indogermanist an der Queen’s University in Belfast. Beide Forscher sind seit kurzem emeritiert, nach rund dreißigjährigem Schlagabtausch um die richtige Lehre.

Werbung


Eigentlich hatte sich unter Linguisten längst die mehrheitliche Meinung herausgebildet, dass das Indoeuropäische bei halbnomadischen Hirtenvölkern in der russischen Steppe nördlich des Schwarzen Meeres beheimatet war und von dort vor rund 4000 Jahren seinen Ausgang nahm. Da brachte der Archäologe Renfrew die Sprachwissenschaftler in den 1980er Jahren mit seiner Behauptung aus dem Häuschen, das Indoeuropäische stamme aus dem südlichen Anatolien, der heutigen Türkei. Vor rund 9000 Jahren hätten sich friedliebende Bauern von Südanatolien über den Balkan in das westliche Europa, Nordeuropa und den Mittleren Osten ausgebreitet. Mitsamt ihrer überlegenen Kulturtechnik – in Ackerbau und Viehzucht – hätte sich auch ihre Sprache durchgesetzt, argumentiert Renfrew. Der Archäologe synchronisiert damit die Ausbreitung von Ackerbau und Viehzucht in der Geschichte, die sogenannte neolithische Revolution, mit der Sprachausbreitung.

Sprachwissenschaftler halten dagegen: "Im Wortschatz sind die Wörter für den Ackerbau zwar vorhanden, doch stehen neben ihnen Wörter für Viehhaltung, insbesondere Pferdehaltung und -zucht, oder für den Wagen nebst Rad, Achse und Nabe, die auf eine andere Herkunftsregion und ein viel späteres Datum der Aufspaltung hinweisen", erklärt der Freiburger Linguist Axel Metzger.

30 Jahre Schlagabtausch um die richtige Lehre

"Gerade im Hethitischen, einer der ersten Abspaltungen des Indogermanischen, sind etliche Ackerbauwörter aus den Sprachen der nicht-indogermanischen Vorbevölkerung Anatoliens entlehnt", sagt Metzger. Das Hethitische, längst ausgestorben, ist die älteste, schriftlich belegte indogermanische Sprache und herrschte zwischen dem 16. und 12. Jahrhundert vor Christus in Anatolien vor.

Die indogermanischen Vokabeln für Pferd, Rad und Wagen führen hingegen zur russischen Steppe, wo die Hirten das Pferd domestizierten und äußerst mobil neue Landstriche eroberten. Doch reichen die frühesten Funde des von Zugtieren gezogenen Wagens nur in eine Zeit um 3500 v. Chr. zurück, was eine Identifikation des Indogermanischen mit der Sprache der ersten nach Europa einwandernden Ackerbauern ab 6500 v. Chr. hinfällig macht.

"In der Vergangenheit wurde der Ursprung des Indoeuropäischen vom Nordpol bis Afrika überall gesucht", witzelt Mallory. Archäologische Funde und linguistische Hinweise sprächen für die russische Steppe, ist Mallory überzeugt. Dem folgt nach wie vor die überwiegende Mehrheit der Archäologen und Linguisten, wenngleich – und das sollte man fairerweise sagen – kaum ein Forscher sich die Mühe macht, die komplizierten archäologisch-linguistischen Puzzlesteine ein weiteres Mal neu zusammenzusetzen.

Archäologisch ist die Beweislage in manchen Fällen allerdings schwach, das sagt selbst Mallory zur eigenen Theorie. Linguistisch sind die Hinweise vielfach hypothetisch, etwa der Schluss von der Sprache auf die Kultur vor 4000 Jahren. Die Ergebnisse beider wissenschaftlichen Disziplinen abzugleichen, ist eine Herkulesaufgabe. So schien die Kontroverse zunächst entschieden: Das Indoeuropäische entstammt aus einer Zeit vor 4000 Jahren und aus der russischen Steppe, steht in den Lehrbüchern.

Da bringt es Unruhe, wenn sich noch ganz andere Forscher einmischen. Der Neuseeländer Quentin Atkinson ist kein Archäologe und auch kein Linguist. Er ist Fachmann für genetische Stammbäume, wie sie Biologen verwenden, um die Verwandtschaft und globale Verbreitung von Grippeviren zu beschreiben. Diese Methodik mündet darin, ein Computerprogramm mit molekularbiologischen Virendaten zu füttern. Heraus kommen Verwandtschaftsverhältnisse unter den Viren und beispielsweise der Ursprungsort einer globalen Grippeepidemie.

Der Evolutionspsychologe Atkinson untersuchte nun anstelle von Viren und Varianten in deren Erbsubstanz die Verbreitung von 103 indoeuropäischen Sprachen und den Varianten im Vokabular. Dazu zählte zum Beispiel die geographische Verbreitung des Wortes Mutter, Englisch: mother, Französisch: mère, Spanisch: madre, Hindi: ma, Isländisch: mooir, Russisch: mat. Oder die Zahl drei, three, trois, tres, tin, thrir, tri. Das statistische Verfahren von Atkinson und Kollegen ist äußerst kompliziert, ihr Ergebnis hingegen klar: Südanatolien, vor 8000 bis 9500 Jahren. Sie stießen in ein Wespennest.

Colin Renfrew applaudierte: "Endlich, der Durchbruch." Andere Archäologen und Linguisten sahen indes mehr neue Fragen als Antworten. "Bei der vergangenen Fachtagung der Indogermanischen Gesellschaft in Kopenhagen wurde die Studie mit einer Mischung aus Unverständnis und Belustigung aufgenommen. Die Leute lehnten sie einhellig ab", sagt Linguist Metzger.

Ist Sprache ansteckend wie eine Viruskrankheit?

Er bezweifelt, dass sich der Sprachwandel mit Virenvariation vergleichen lasse. "Die Forscher um Quentin Atkinson gehen davon aus, dass sich Sprachen mit konstanter Geschwindigkeit änderten, ähnlich der Mutationsrate eines Virus", sagt Metzger.

Das sei aber nicht der Fall: Sprachen können sehr stabil sein, durch Isolation wie im Falle des Isländischen oder wenn sich einflussreiche Schichten der Sprachgemeinschaft wie etwa der Priesterstand der Bewahrung der "richtigen" Sprechweise verschrieben haben. Andererseits gebe es auch Phasen heftigen Wandels, etwa durch Migration oder die Ausbildung neuer Eliten, deren eigene Sprache zur Norm werde.

Auch der Berliner Indogermanist Michael Meier-Brügger ist skeptisch: Die neue Studie arbeite sich schematisch an Vokabellisten ab und berücksichtige weder archäologische Funde noch linguistisch-kulturelle Bezüge, etwa Hinweise auf eine Kriegerideologie in den altgriechischen Worten Nikolaus ("jemand, der ein Heer besiegt") und Andromache ("jemand, der Männer bekämpft"). Sein Fazit: "Ein Ausgangspunkt in der Nähe des Schwarzen Meers macht Sinn. Anatolien passt da nicht ins Bild."
Neolithische Revolution

Als neolithische Revolution ( von Neolithikum, Jungsteinzeit) bezeichnet man die Wende in der Menschheitsgeschichte vor 11 000 Jahren , als der Jäger und Sammler Homo sapiens sich zum sesshaften Ackerbauern und Viehzüchter mauserte. Die neolithische Revolution machte dadurch erst die Entstehung der antiken Hochkulturen möglich.

Autor: Martin Schäfer