Saisonstart

Der neue Tatort ist ein Filmexperiment

Sarah Beha

Von Sarah Beha

Fr, 03. August 2018 um 20:15 Uhr

Computer & Medien

Er handelt von einer alten Schuld, den Abgründen einer Familie und wurde an einem Stück gedreht: Der Luzerner Tatort des Schweizer Star-Regisseurs Dani Levy ist alles andere als normal.

Wie viel Unterhaltung braucht ein "Tatort"-Publikum, um sich mit einem relevanten Thema auseinandersetzen zu wollen? Wenn es nach dem Regisseur Dani Levy geht, eine ganze Menge. "Die Musik stirbt zuletzt" ist bereits der zweite Luzern-"Tatort" des Schweizer Star-Filmemachers und einer, der die Zuschauer, die sich für den Start in die neue Saison einen normalen "Tatort" herbeigesehnt haben, enttäuschen wird. Denn dass dieser "Tatort" anders ist, ergibt sich allein schon aus der Tatsache, dass er 90 Minuten lang ohne einen Schnitt auskommt. Der "One Shot" – also der Dreh in Echtzeit mit einer einzigen Kameraeinstellung – ist spätestens seit Sebastian Schippers Spielfilm "Victoria" ein Begriff für das deutsche Kinopublikum, für den "Tatort" ist diese Filmtechnik aber eine Premiere.

Während Schipper seine Protagonistin eine Nacht lang durch Berlin begleitet, genügt Levy ein Konzertabend im KKL Luzern. Das Kultur- und Kongresszentrum ist vor allem für die herausragende Akustik des Konzertsaals bekannt, und so spielt Musik in diesem "Tatort" ebenfalls eine besondere Rolle.

Die Suche nach dem Täter wird zur Nebensache

Gespielt wird die Musik von einem fiktiven, jüdischen Kammerorchester aus Buenos Aires, das Werke von in Vergessenheit geratenen jüdischen Komponisten aufführt und seinen Auftritt in der Schweiz einem reichen Gönner zu verdanken hat. Dass dieser vermeintliche Gönner, ein greiser Patriarch (exzentrisch gespielt von Hans Hollmann), der die gesamte Luzerner Geldelite für dieses Benefizkonzert gewinnen konnte, mit dem Auftritt auch eine alte Schuld begleichen möchte, wird im Laufe des Abends immer deutlicher. Ob er dafür am Ende büßen muss oder Absolution bekommt, ist zentraler als die Frage nach dem Täter.

Denn gemordet wird an diesem Konzertabend natürlich auch. Dazu spielen sich gleich mehrere Familientragödien ab; Heiratspläne, Schwangerschaften und lang gehegte Rivalitäten kommen ans Licht, während sich draußen vor dem Konzerthaus pro-palästinensische Demonstranten die Seele aus dem Leib schreien und sich drinnen gut gekleidete Zuhörerinnen übergeben. Die Kommissare Liz Ritschard und Reto Flückiger geraten bei so viel Handlung fast in den Hintergrund und werden zu tragikomischen Figuren degradiert, die nicht nur in falscher Montur (sie im Abendkleid, er im Fußballtrikot) ermitteln, sondern auch noch aus unterschiedlichen Gründen befangen sind.

Begleitet wird diese Mischung aus griechischer Tragödie und seichter Telenovela mit plattitüdenhaften Dialogen ("Verbrechen müssen aufgeklärt werden" – "Müssen sie das?") und von einem Protagonisten, der sowohl als allwissender Erzähler zum Publikum spricht, als auch Teil des Stücks ist. Nicht nur durch die Verfremdungseffekte schwingt das Theater in diesem Sonntagsabendkrimi mit. Da die Aufnahme an einem Stück gedreht wurde, wirken die Sprache und die Gesten der Schauspieler unverfälschter, die teils wacklige Kamera nimmt Schultern, kahle Hinterköpfe und von einem harten Licht gezeichnete Gesichter in den Fokus.

Und dann ist da natürlich noch die Musik, die Regisseur Dany Levi mit dem Dirigenten Daniel Grossmann ausgewählt hat. Grossmanns Orchester, das Jewish Chamber Orchestra Munich, diente als Vorbild für das Orchester im Film. Die Stücke sind selten gespielte Werke jüdischer Komponisten, die in Konzentrationslagern ermordet wurden oder deren Musik als entartet galt. Die Sinfonie Nr. 2 des Komponisten Marcel Tyberg erlebte durch den "Tatort" laut sogar eine Erstaufführung.

Um das Schicksal jüdischer Flüchtlinge und welche Rolle Schweizer Geschäftsleute während der Zeit des Nationalsozialismus gespielt haben, dreht sich dieser "Tatort" also in erster Linie. Wieso dann dieses ganze Drumherum? "Das Dunkle ist relevant, das Leichte nur Unterhaltung", sagt der Erzähler während des Films zum Publikum und liefert damit vielleicht eine Antwort auf diese Frage. Wem diese Mischung aus Unterhaltung und Relevanz nicht gefällt, dem bleibt am Ende dennoch ein sehenswertes Filmexperiment.

"Die Musik stirbt zuletzt", ARD, Sonntag, 5. August, 20.15 Uhr.