"Bluthochdruck wird oft zu wenig behandelt"

cfr

Von cfr

Do, 28. Dezember 2017

Gesundheit & Ernährung

BZ-INTERVIEW mit dem Kardiologen Franz-Josef Neumann über die Auswirkungen eines gesunden Lebensstils auf den Blutdruck.

Wenn niedrigere Grenzwerte dazu führen, dass sich die Menschen eher über ihren Blutdruck Gedanken machen, haben sie ihren Zweck erfüllt, sagt Franz-Josef Neumann. Claudia Füßler hat mit dem Freiburger Kardiologen gesprochen.

BZ: Herr Neumann, seit der Änderung der Leitlinie im November haben US-Amerikaner Bluthochdruck, wenn ihr Wert über 130/80 mmHg liegt, in Deutschland wird erst ab 140/90 mmHg von Bluthochdruck gesprochen. Wer hat Recht?
Neumann: Das liegt ja nicht so weit auseinander. Zunächst einmal: Wir wissen, dass das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, also am Herz-Kreislauf-System, ab einem Wert von 115/75 mmHg steigt. Es verdoppelt sich etwa mit jeden 20 mm/Hg mehr. Das Optimum liegt also schon mal weit unter dem, was die US-amerikanische und die deutsche Leitlinien als Grenzwert haben. Die Frage ist: Ab wann fängt man an zu korrigieren? Die Amerikaner haben jetzt beschlossen, dass sie damit früher anfangen als bisher. Ich denke, dafür gibt es gute Gründe
BZ: Warum?
Neumann: Weil damit die Schwelle der Beratung für die Patienten etwas niedriger gesetzt wird. Das bedeutet nicht automatisch, dass der Patient Medikamente bekommt. In erster Linie wird er beraten, welchen Einfluss ein gesunder Lebensstil auf den Bluthochdruck hat. Darüber hinaus fehlt bei vielen das Bewusstsein dafür, welche Gefahren ein zu hoher Blutdruck mit sich bringt.
BZ: Welche sind das zum Beispiel?
Neumann: Die stärksten Zusammenhänge konnten mit Schlaganfall, Demenz, Herzschwäche und Herzinfarkt nachgewiesen werden.
BZ: Und ich kann mein Risiko für die genannten Erkrankungen senken, wenn ich meinen ungesunden Lebensstil ändere?
Neumann: Genau. So sinkt zum Beispiel der Blutdruck mit jedem Kilo, das man abnimmt, um etwa 1,5 mmHg. Eine ähnlich günstige Wirkung haben eine salzarme Ernährung, regelmäßiger Sport oder Alkoholverzicht. Das summiert sich dann durchaus. Man kann davon ausgehen, dass jedes Medikament, das man dafür nimmt, den Blutdruck ebenfalls um etwa acht mmHg senkt – genauso viel wie 5 Kilo Gewichtsverlust. Daran sieht man, dass es durchaus effektiv sein kann, an seinem Lebensstil zu arbeiten.
BZ: Die Leute sind eher bereit, daran zu arbeiten, wenn ihr Blutdruck als krank machender Hochdruck bezeichnet wird?
Neumann: Das wäre schön, zumindest ist das sicher eines der Ziele der amerikanischen Mediziner. In Deutschland ist es trotz aller Fortschritte der letzten Jahre um die Blutdruckeinstellung immer noch schlecht bestellt. Etwa ein Fünftel der Bluthochdruckpatienten weiß nichts von ihrer Erkrankung und von denen, die behandelt werden, erreicht ein Drittel noch nicht einmal die traditionellen Zielwerte, da die Behandlung nicht konsequent genug ist. Am Ende ist nur etwa die Hälfte Bluthochdruckpatienten gut eingestellt. Bluthochdruck tut ja nicht weh; deshalb wird er oft zu wenig behandelt oder bleibt überhaupt unerkannt. Wenn die neuen Grenzwerte dazu führen, dass Lebensstilberatung früher einsetzt und dass der Blutdruck, wenn nötig, auch konsequenter mit Medikamenten behandelt wird, dann finde ich es eine gute Idee, die Grenzwerte etwas herabzusetzen.

Franz-Josef Neumann, 62, ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie II am Universitäts-Herzzentrum Freiburg – Bad Krozingen.