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11. Juni 2012

Der Fluch des falschen Lebens?

ABENDVORLESUNG: Krebs und Psyche – Können Kopf und Krisen Tumorentstehung und -wachstum beeinflussen?/.

  1. Krebszelle durchbohrt einen Gefäßwand bei einer Maus Foto: dpa

  2. Krebszelle durchbohrt einen Gefäßwand bei einer Maus Foto: dpa

  3. Krebszelle durchbohrt einen Gefäßwand bei einer Maus Foto: dpa

  4. Christoph Schlingensief verlässt am 18.02.2010 bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin die Premiere des Films "Jud Süs" Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

  5. Radrennfahrer Lance Armstrong gilt als Sieger über den Krebs: War seine Heilung wirklich eine Willensleistung? Rechts unten: Krebszellen Foto: dpa

Christoph Schlingensief hat ihr gleich eine ganze Oper gewidmet: seiner Schuld, seiner Schuld an der Krankheit Krebs. Im März 2009 wurde "Mea culpa" – der Titel ist angelehnt an die lateinische Version des katholischen Schuldbekenntnisses und bedeutet übersetzt auch nichts anderes als "Meine Schuld" – in Wien uraufgeführt – eineinhalb Jahre, im August 2010, später erlag der deutsche Film- und Theaterregisseur seinem Lungentumor.

Schlingensief, so ist in Interviews oder seinem Krebstagebuch "So schön wie hier kann's im Himmel gar nicht sein" nachzulesen, hat nicht nur mit seinem Leiden und Gott gerungen, sondern auch sich selbst zerfleischt. "Nennen Sie mir den, der sich gerade bei so einer diffusen Krankheit wie Krebs nicht in irgendeiner Art und Weise schuldig fühlt!", fragte er einen Redakteur der österreichischen Zeitschrift Profil. "Ich habe ja nicht geraucht, und Krebs ist in meiner Familie bislang nicht vorgekommen. Worauf soll ich den Krebs also schieben? Wie kann so was passieren? Wie kommt so ein System ins Schleudern, wie entarten die Zellen?" Er glaube fest daran, so der Künstler, dass gerade beim Krebs ein Missverhältnis zwischen der Psyche und dem Immunsystem bestehe.

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"Die meisten Tumorkranken suchen die Ursache für ihr Leiden irgendwann auch im eigenen Leben und in der eigenen Psyche", sagt die Psychoonkologin Sandra Adami, die an der Uniklinik Freiburg Krebskranke betreut und begleitet.

Nennen Sie mir den, der sich bei Krebs nicht in irgendeiner Art und Weise schuldig fühlt?

Christoph Schlingensief, Regisseur
Man hat es ihnen auch nahegelegt. Schon der antike Vater der Medizin, Hippokrates, meinte einen Zusammenhang zwischen bösartigen Geschwüren und psychischer Belastung zu erkennen. Im Mittelalter sah man hier Teufel und Melancholie am Werk, zu Beginn des Industriezeitalters galt vielen Medizinern ein Erschöpfungssyndrom als Wegbereiter aller onkologischen Leiden. Später ergänzten Psychoanalytiker und Ärzte die Reihe der möglichen psychologischen Tumorursachen noch durch wilde Theorien wie Sexual-Stauungsneurosen, unbewussten Selbstmord oder der Idee vom Krebs als Folge einer präödipalen Reifungsstörung.

Das alles blieben zum Glück in den meisten Köpfen vorübergehende medizinische Modeerscheinungen, die auch für die Hilflosigkeit der Ärzte auf der Suche nach den Ursachen der Krankheit sprechen. Den heutigen Krebskranken setzen andere nicht ausrottbare Theorien mehr zu, zum Beispiel die von der Krebspersönlichkeit.

Demnach seien es vor allem durchsetzungsschwache, eher depressiv veranlagte Menschen, die besonders häufig von Tumoren heimgesucht werden. Menschen, die ihren Frust in sich reinfressen und schlecht Nein sagen können, die trotz aller Unzufriedenheit ihrem unfairen Arbeitgeber oder ungeliebtem Ehemann treu bleiben. "Diese Theorien wurden durch wissenschaftliche Studien vollkommen widerlegt. Es gibt keine Krebspersönlichkeit, auch wenn sich diese Vorstellung hartnäckig in den Köpfen hält", sagt Sandra Adami.

Auch in anderer Hinsicht hat sich die Wissenschaft ausgiebig mit dem Zusammenhang zwischen Psyche und Krebs beschäftigt. Auf den ersten Blick mit durchaus widersprüchlichen Ergebnissen. So verglichen Forscher die Persönlichkeitsstrukturen von Klinikmitarbeitern mit denen von Turmorkranken oder die von brustkrebskranken Frauen mit denen der gesunden Besucherinnen einer Früherkennungssprechstunde. Tatsächlich schien es zunächst den kranken Studienteilnehmern psychisch schlechter zu gehen als gesunden Probanden – nur über den Zusammenhang zwischen Psyche und Krebs sagte das nichts aus. Denn wer wie die Wissenschaftler damals krebskranke Menschen nach irgendwelchen Befindlichkeitszuständen im Verlauf ihres Lebens fragt, darf sich nicht wundern, dass sie aus ihrer momentan misslichen Situation heraus die Vergangenheit weniger rosarot als mehr tiefschwarz oder grau sehen. Insofern ließ sich mit keiner der oben angesprochenen Studien klären, was denn nun Ursache oder Wirkung war: Die Niedergedrücktheit bereitete den Weg für den Tumor oder umgekehrt, weil die Versuchsperson einen Tumor hatte, war sie niedergedrückt.

Modernere, bessere Untersuchungen konnten solche Fehler vermeiden, indem sie sich analysierten, wie sich die Zahl der Tumorkrankheiten in einer Gruppe entwickelt, die jahrelang beobachtet wird und aus Menschen besteht, die zunächst als völlig Gesunde nach ihren Befindlichkeiten befragt wurden.

Das Ergebnis: Ein Zusammenhang zwischen Psyche und Krebsentstehung lässt sich nicht nachweisen. Weder Stressbelastung, soziale Unterstützung noch irgendein anderer im Lauf der Studie angegebener Befindlichkeitsfaktor war mit einem höheren Krebsrisiko verbunden. Selbst bei Depressiven oder psychisch Kranken fanden sich nicht häufiger Tumore als in der Normalbevölkerung: "Die Theorie, psychische Einflüsse könnten die Entstehung von Tumorerkrankungen fördern, ist gründlich widerlegt", fasst die Psychoonkologin Adami zusammen. Selbst für die weitverbreitete Ansicht, dass Stress, Trauer, Depression oder umgekehrt innerer Frieden oder das Aufgehobensein im Kreis der Liebsten den Krankheitsverlauf beeinflussen können, finden sich in der Wissenschaft keine Belege.

Der wichtigste mögliche Anhaltspunkt, die sogenannte Spiegelstudie, gilt heute nicht mehr als haltbar. Mit ihr meinte der US-Psychiater David Spiegel 1989 nachweisen zu können, dass sich der Einsatz von Psychotherapeuten positiv auf die Lebenserwartung von Brustkrebspatientinnen auswirken kann. Im Jahr 2001 wurde seine Arbeit von der Wissenschaftlerin Pamela Goodwin von der University Toronto überprüft. Wie sie im wichtigsten medizinischen Fachjournal, dem "New England Journal of Medicine", berichtete, ergab ihre gründlicher Gegencheck, dass eine psychotherapeutische Betreuung am Krankenbett zwar in der Lage ist, den Frauen mehr Lebensqualität zu schenken – aber nicht mehr Lebenszeit.

Warum hält sich die alte Theorie, der Mensch sei durch sein Fühlen und Denken auch Schmied seines Patientenschicksals? "Solche Gedanken machen durchaus Sinn", sagt Sandra Adami mit der Erfahrung unzähliger Krankengespräche. Es handele sich auch um einen Versuch, die Kontrolle zu erlange. Für den hohen Preis des Schuldgefühls hole sich der Mensch so die Illusion zurück, seine Gesundheit selbst in der Hand zu haben. "Die Idee, Trauer, Traumata oder Stress seien schuld am eigenen Leid, gibt dem Patienten auch ein Stück Handlungsfähigkeit zurück", sagt die Expertin.

Missbrauch in der Kindheit, alkoholabhängige Eltern, Stress im Beruf, Scheidung, Pflege der hilfsbedürftigen Eltern – es gibt wenig Belastendes, was ihr von Patienten noch nicht als Krankheitsfaktor vorgetragen wurde. "Die Psyche ist nur einer von vielen Einflüssen auf das Krankheitsgeschehen", sagt Adami. "Wenn ihre Rolle beim Tumorwachstum aber wirklich so groß wäre, wie manche behaupten, dann wäre dieser Einfluss schon längst nachgewiesen." Gene, Medikamente und Umweltfaktoren stellen bei der Entstehung und beim Verlauf der Krebskrankheit den Faktor Psyche weit in den Schatten.

Ein Erfolg der Medizin

– und nicht des Willens

Selbst ein Lance Armstrong, der angeblich dank seiner Willenskraft den Krebs einst besiegte, reicht da als Gegenbeweis nicht aus. "Er ist eher ein Beispiel für den Erfolg der Medizin", sagt Adami. Schließlich gehört der Hodenkrebs, unter dem der Radfahrer litt, zu den Tumorarten, die inzwischen in der Regel mit Medikamenten geheilt werden kann.

Christoph Schlingensief gelang es weder das eine, noch das andere Beispiel zu sein. Gegen seinen Lungenkrebs konnte die Medizin wenig ausrichten. "Ich werde die fixe Idee nicht los, dass ich meine Grenzen falsch eingeschätzt habe", heißt es weiter in dem Interview, "und dass ich deshalb selber schuld bin. Vielleicht ist mir das auch lieber, als den puren Zufall verantwortlich zu machen. Ich habe gegen die Ärzte gewettert und gekämpft, die immer meinten, die Krankheit werde mein Leben komplett ­ändern. Die Schulmediziner wollen einem viel Angst machen oder eben: keine allzu großen Hoffnungen. Aber das ist falsch. Der Mensch lebt doch gerade wegen seiner Illusionsfähigkeit. Wer will ihm absprechen, dass er über sich hinauswachsen kann."

Veranstaltungstipp: Diagnose Krebs: Schicksal oder Schuld? Warum entstehen Tumore und wie gehen wir mit ihnen um? Erster Teil der Abendvorlesung von der Freiburger Uniklinik in Kooperation mit der Badischen Zeitung zum Thema Krebs. Die Krebsmedizinerin Prof. Monika Engelhardt, die Psychoonkologin Sandra Adami und der Pathologe Prof. Martin Werner über den Einfluss von Genen, Umwelt und Psyche auf Entstehung und Verlauf von Tumorerkrankungen. Inwieweit hat der Mensch sein gesundheitliches Schicksal selbst in der Hand? Dienstag, 12. Juni, um 19.30 Uhr im Hörsaal der Universitäts-Frauenklinik, in der Hugstetter Straße 55 in Freiburg. Eintritt frei. Im Anschluss Diskussion mit Imbiss.

Autor: Michael Brendler