Gesünder dank Vaginalsekret?

Moritz Lehmann und Marco Krefting

Von Moritz Lehmann und Marco Krefting (dpa)

Sa, 01. September 2018

Gesundheit & Ernährung

"Vaginal Seeding" soll das Immunsystem von Kaiserschnittbabys stärken – Ärzte sind skeptisch /.

Kaiserschnittbabys haben oft ein schwächeres Immunsystem als solche, die auf natürlichem Weg zur Welt gekommen sind. Das sogenannte Vaginal Seeding erhebt den Anspruch, dem Abhilfe zu schaffen – über das Vaginalsekret der Mutter. Die Methode ist im Ausland gefragt, aber noch kaum getestet. Ärztinnen und Ärzte südbadischer Kliniken sind skeptisch.

Beim Vaginal Seeding wird der Mutter wenige Minuten vor der Geburt eine mit steriler Kochsalzlösung getränkte Mullbinde in die Scheide eingeführt, wie Susanne Steppat vom Deutschen Hebammenverband erklärt. Mit dem so aufgesaugten Vaginalsekret wird das Neugeborene dann eingerieben. "Ein Teil der Flüssigkeit wird auch in den Mund getropft", sagt Steppat. "Das wird bei meinen Kolleginnen schon nachgefragt." Doch weil die Methode noch nicht ausreichend getestet sei, raten Experten, Studien abzuwarten.

Erhöhtes Risiko von Allergien, Adipositas und Diabetes

Der Hintergrund: 90 Prozent der Zellen an und im menschlichen Körper seien Bakterien, sagt Frank Louwen von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Sie schützen in der Regel vor Krankheiten, leben im Einklang mit dem Menschen. Doch dieses sogenannte Mikrobiom ist bei Kaiserschnittkindern anders als bei Babys, die auf natürlichem Weg geboren werden. Bei Letzteren gleicht die Darmflora des Kindes jener der Mutter, da das Kind im Geburtskanal Vaginalsekret schluckt. Vaginal- und Darmflora seien sehr ähnlich, so Louwen.

Dagegen hätten Kaiserschnittkinder vor allem Bakterien im Darm, die sich sonst auf Händen und im Gesicht ansiedeln. Es sind die ersten Bakterien, mit denen diese Babys im Kreißsaal in Kontakt kommen. "Nachweislich haben Kaiserschnittkinder eine höhere Wahrscheinlichkeit, Krankheiten wie Adipositas, Diabetes und Allergien zu bekommen", sagt Louwen.

Kinderarzt Michael Hauch schreibt in seinem Buch "Ihr unbekanntes Superorgan – Alles über das Immunsystem", bei Kaiserschnittkindern dauere die Entwicklung einer gesunden Darmflora ein Vierteljahr länger. "Das Risiko, dass sich in dieser Zeit die falschen Kleinstlebewesen ansiedeln und den guten keinen Platz lassen, ist groß." Drei Viertel der Neugeborenen, die an Krankenhauskeimen erkrankten, seien Kaiserschnittkinder.

Hier soll Vaginal Seeding Abhilfe schaffen. Die Gleichung lautet dabei: gleiche Darmflora = gleiches Immunsystem = gleicher Schutz. Doch aus Sicht der DGGG gibt es noch keine wissenschaftlichen Belege für den langfristigen Erfolg. Daher müsse die Methode in klinischen Studien untersucht werden. Da laufen derzeit weltweit mehrere – auch unter Louwens Regie am Uniklinikum in Frankfurt am Main. Bis Ergebnisse vorliegen, werde es aber vier bis sechs Jahre dauern. "Eine Frage ist zum Beispiel auch, ob wir genug Keime auf das Kind bekommen", sagt Louwen. Es könne einen Unterschied machen, ob das Baby zwei Stunden in der Scheide liege oder zehn Sekunden betupft werde.

Die Ärztin Nina Drexelius vergleicht Vaginal Seeding in einem Beitrag für das Magazin Hebammenforum (Maiausgabe) mit Saatbomben aus Blumensamen, mit denen sogenannte Guerillagärtner Grünstreifen am Straßenrand erblühen lassen. Frank Louwen von der DGGG warnt jedoch davor, Vaginal Seeding jenseits von Studien anzuwenden. "Im Moment wird aller Unsinn damit gemacht. Krankenhäuser bieten das an, ohne zu wissen, ob das was bringt. Nur um Frauen das Gefühl zu geben, up to date zu sein", kritisiert er. "Das wird als Marketinginstrument genutzt. Aber dafür ist Medizin nicht da." Wichtig sei, dass Ethikkommissionen die Studien unterstützen: "Dann können sich Eltern darauf verlassen, dass das Hand und Fuß hat."

In Südbaden praktizierende Ärztinnen und Ärzte stehen der Methode äußerst skeptisch gegenüber. Kurt Bischofberger ist Chefarzt des St. Elisabethen Krankenhauses in Lörrach – mit 2400 Geburten pro Jahr laut eigenen Angaben das geburtenstärkste Krankenhaus in der Region. Vaginal Seeding sei in seiner Klinik bislang nicht nachgefragt worden. Bischofberger hält nicht viel von der Methode: "Das wird der Komplexität einer Geburt nicht gerecht", sagt er. Denn im Geburtskanal spielten viele Faktoren eine Rolle, nicht nur die Keimbesiedlung allein. "Bei einer Geburt geht das Kind stundenlang durch den Geburtskanal. Dort findet über den Mutterkuchen auch ein Austausch von Immunstoffen und Hormonen der Mutter statt." Das könne man nicht einfach ersetzen, "indem man das Kind nach der Geburt Mal kurz mit Vaginalsekret abtupft," glaubt Bischofberger.

Zudem gibt er zu bedenken, dass Vaginal Seeding auch ein Infektionsrisiko berge – rund 40 Prozent der Frauen hätten Streptokokken im Vaginalabstrich. "Da muss ich schon aufpassen, was ich tue", sagt Bischofberger. Solange es keine verlässlichen Studien gebe, rate er davon ab.

Was sicher hilft:

möglichst lange stillen

Skeptisch sind auch Monika Gerber, Oberärztin der Frauenklinik am evangelischen Diakoniekrankenhaus in Freiburg und Andreas Brandt, Chefarzt der Geburtshilfe am Ortenau Klinikum Offenburg-Gengenbach. Monika Gerber sagt, dass Vaginal Seeding bei ihr in Freiburg bislang erst einmal nachgefragt worden sei. "Wir bieten dies nicht an und empfehlen dies derzeit auch nicht, da es bisher keine Evidenz gibt, ob die eventuellen Vorteile die Risiken einer schweren Neugeboreneninfektion oder Neugeborenensepsis überwiegen." Sollte sich dies ändern, werde man diese Haltung auf jeden Fall überdenken.

Bis dahin sei der bewährte Weg – da ist sich Gerber mit dem Lörracher Kollegen Bischofberger einig – Kaiserschnitte zu vermeiden, wann immer es medizinisch vertretbar sei. Jede Frau könne, wenn ihr das wirklich wichtig sei, das Vaginal Seeding auch ohne professionelle Hilfe durchführen, sagt Gerber. Aber auf eigenes Risiko. Nach jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts haben im Jahr 2016 knapp 232 500 Frauen durch Kaiserschnitt entbunden – fast jede dritte Geburt. Tendenz: leicht rückläufig.

Ob mit oder ohne Kaiserschnitt: "Junge Mütter sollten sich auf die Methode verlassen, die bestens und nachweislich hilft, das Immunsystem aufzubauen: Stillen," sagt Andreas Brandt vom Ortenau-Klinikum. Kurt Bischofberger ergänzt: "Man sollte mindestens ein halbes Jahr stillen, um die Allergierate zu senken." Eine weitere bewährte Methode ist ihm zufolge eine schnelle Mutter-Kind-Bindung, indem das Kind direkt nach der Geburt zur Mutter gebracht wird: "Auch so findet der Keimaustausch statt."