Telemidizin

Interview zur Telemedizin: "Der Patient wird zunehmend isoliert"

Savera Kang

Von Savera Kang

So, 20. Mai 2018 um 14:53 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Der Sonntag Der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio sieht Chancen in der Telemedizin, warnt aber auch vor einem Paradigmenwechsel. Er befürchtet, dass der Patient zunehmend isoliert wird.

In der vergangenen Woche beschloss der Deutsche Ärztetag die Möglichkeit zur ausschließlichen Fernbehandlung. Patient und Arzt müssen sich vor einer telemedizinischen Behandlung künftig nicht persönlich begegnet sein. Der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio sieht die Entwicklung kritisch.

Der Sonntag: Herr Maio, ist der Beschluss des Deutschen Ärztetags eine gute Nachricht?
Giovanni Maio: Es kommt darauf an, wie man damit umgeht. Grundsätzlich kann es Situationen geben, in denen man froh ist, dass es Fernbehandlung gibt. Aber man darf nicht denken, dass jetzt eine neue Ära anbrechen sollte, in der die ausschließliche Fernbehandlung zum Paradigma wird. Das wäre fatal.

Der Sonntag: Warum wäre es fatal?
Maio: Man würde übersehen, dass für eine gute Diagnostik der direkte Kontakt in den allermeisten Fällen unersetzbar ist. An dieser Grundüberzeugung ändert der Beschluss nichts. Die Fernbehandlung ist auch nicht als Regelfall gedacht.

Der Sonntag: Welche Ausnahmen können Sie sich vorstellen, die eine Fernbehandlung sinnvoll machen?
Maio: Es gibt Fälle, in denen der Patient sehr weite Wege auf sich nehmen müsste oder immobil ist. Gerade im ländlichen Raum kann das dann schon eine Entlastung sein. Aber es ist wichtig, dass sich dann vor Ort auch Ärzte um ihn kümmern.

"Die Fernbehandlung ist auch nicht als Regelfall gedacht." Giovanni Maio

Der Sonntag: Die Fernbehandlung kann also nur den Erstkontakt ersetzen?
Maio: Ja, eine Betreuung wird auf diese Weise nicht zu bewerkstelligen sein. Man muss Verläufe sehen, man muss den ganzen Patienten sehen. Aber wenn es darum geht, die Diagnostik zu schärfen, kann es schon hilfreich sein.

Der Sonntag: Man befragt den Telemediziner dann vielleicht auch nach einer Zweitmeinung?
Maio: Zweitmeinungen sind grundsätzlich zu begrüßen und es gibt Fälle, in denen man beispielsweise Röntgenbilder verschicken würde. Aber man muss schauen: Politisch gesehen hat die Tendenz zur Digitalisierung ja eher einen ökonomischen Aspekt – durch die Schnelligkeit und Ersetzbarkeit der ärztlichen Expertise will man Geld sparen. Die Digitalisierung ist ja nicht primär für den Patienten gedacht, sondern als Einsparpotenzial. Firmen möchten Geld damit machen, die Krankenkassen möchten sparen. Ob das für den Patienten immer gut ist, ist eine andere Frage. Wenn man ganz auf Digitalisierung setzt und meint, mehr Daten lösten mehr Probleme, vergisst man, dass die Probleme nicht durch Daten gelöst werden, sondern durch jemanden, der sie interpretieren kann. Nackte Daten stellen nur einen Teil dessen dar, was für die ärztliche Betreuung wichtig ist.

Der Sonntag: Und zwar?
Maio: Der Arzt stellt die Diagnose auch aufgrund seines persönlichen Eindrucks. Indem er sieht, Augenkontakt hat, indem er tastet – eben den ganzen Körper wahrnimmt. Die Daten, die man erhebt, sind im Grunde ja dekontextualisiert. Der Zusammenhang – wie der Körper sonst aussieht, wie er sich anfühlt – ist weg. Es sind nackte Daten und die sind weniger aussagekräftig.

Der Sonntag: Der Beschluss des Deutschen Ärztetags sieht vor, dass die Fernbehandlung innerhalb von zwei Jahren ausgebaut wird. Wie müsste sie also umgesetzt werden?
Maio: Man muss sich darauf einigen, für welche konkreten Zwecke man sie in Anspruch nehmen will. Und darauf, dass die Fernbehandlung die Ausnahme bleiben muss. Die große Gefahr ist, dass man jetzt einen Fuß in die Tür bekommt und sie dann aufreißt. Das Interesse daran ist nämlich sehr groß, weil man damit sehr viel einsparen kann und Firmen immens daran verdienen. In diese Falle dürfen Ärzte nicht tappen. Der Verlierer wäre der Patient. Er wird zunehmend isoliert. Er braucht ja nicht nur jemanden, der eine Diagnose erhebt, sondern jemanden, mit dem er sprechen kann, auch über seine Ängste. Nur im direkten Kontakt kann man wirklich eine Beziehung aufbauen.

Der Sonntag: Was bedeutet der direkte Kontakt für den Arzt?
Maio: Der Arzt ist grundsätzlich auf einen Gesamteindruck ausgerichtet. Ein guter Arzt wird nie, wenn jemand mit einem Symptom kommt, sich allein auf das Symptom stürzen. Nehmen wir an, ein Patient kommt mit Rückenschmerzen. Dann schaut der Arzt sich den Rücken an, aber er betastet vielleicht auch den Bauch und schaut sich die Augen an. Vielleicht sind die ja gelb – ein Hinweis darauf, dass etwas an der Niere nicht stimmen könnte und die Schmerzen von dort herrühren. Man muss immer den ganzen Körper betrachten, bis zu den Füßen schauen, mit dem Patienten sprechen und ihn kennenlernen. Was der Arzt macht, ist eine Syntheseleistung. Die Digitalisierung führt zu einer Schärfe im Detail, aber im Ganzen wird es diffus. Sie sehen immer mehr kleine Teile, aber das Ganze nicht mehr.

"Die Digitalisierung ist ja nicht primär für den Patienten gedacht, sondern als Einsparpotenzial." Giovanni Maio

Der Sonntag: Im Videochat kann man zumindest einen Teil sehen und auch hören. Welche Rolle spielen andere Sinne?
Maio: Wenn ein Patient ins Zimmer kommt, setzen untersuchend alle Sinne ein, nicht nur die optischen. Besonders wichtig ist das Tasten. Was die Hand vollbringt, kann man nicht technisieren. Sie spürt nicht nur die Oberfläche, sondern auch den Muskeltonus, die Kraft, die Spannung – es ist unwahrscheinlich, was eine Hand alles merkt. Deswegen muss man tasten.

Der Sonntag: Welche Rolle spielt der Blickkontakt? Sieht man in die Webcam, schaut man knapp am Gegenüber auf dem Bildschirm vorbei.
Maio: Der Blickkontakt wird total unterschätzt. Die allererste Kommunikation läuft über die Augen. Bevor Sie etwas sagen, ist schon viel gesagt. Wenn Sie eine Beziehung aufbauen wollen, ist der Blickkontakt ganz entscheidend.

Der Sonntag: Das könnte man auf alle Lebensbereiche übertragen. Was ist in der Medizin besonders?
Maio: In der Medizin hat der Blickkontakt noch mal eine besondere Bedeutung, weil Sie es mit Menschen zu tun haben, denen es schlecht geht. Diese sind je nach Diagnose verunsichert und darauf angewiesen, dass sie es mit jemandem zu tun haben, der sie versteht und ihnen ein Stück weit mehr gibt als Sachinformation. Diese Menschen sind auf zwischenmenschlichen Kontakt angewiesen.

Der Sonntag: Sie sagten vorhin, dass Sie sich trotzdem Fälle vorstellen können, in denen ein telemedizinisches Angebot sinnvoll ist – beispielsweise, wenn der nächste Arzt auf dem Land weit weg ist. Ein weiteres Argument wären lange Wartezeiten. Herrscht also eine Knappheit, ist der aktuelle Zustand nicht auch problematisch?
Maio: Aber natürlich. Wir schlittern sehenden Auges in eine Unterversorgung der Patienten hinein und die Politik reagiert nicht. Auf dem Land werden wir eine gravierende Unterversorgung haben, Krankenhäuser werden wegrationalisiert und Praxen werden nicht wieder besetzt. Daher muss man den Arztberuf attraktiver machen. Die Lösung müsste also sein, dass man viel mehr investiert in die Ermöglichung des Gesprächs, in die Beziehung. Das Erfüllende am Arztsein ist, dass man mit Menschen zu tun hat. Die Digitalisierung sollte dafür da sein, Apparaturen zu vermeiden, damit man mehr direkte Zeit mit dem Patienten verbringen kann. Es ist zu befürchten, dass man immer mehr denken wird, solange man Daten übermitteln kann, braucht man keine Kontaktzeit mehr. Und das wäre bezogen auf das Wohl des Patienten genau der falsche Schluss.