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12. Oktober 2009
Häufige Todesursache
Schlaganfall: Schnelles Handeln ist entscheidend
Der Schlaganfall ist in Europa die dritthäufigste Todesursache. Und auch jüngere Menschen sind betroffen. Damit das Gehirn möglichst wenig Schaden nimmt, ist schnelles Handeln gefragt.
Der Tod eines Angehörigen, der Verlust eines Vermögens an der Börse oder die Kündigung in der Firma – Schicksalsschläge stürzen häufig von außen auf unser Leben ein. Ganz anders ist es, wenn die eigene Gesundheit betroffen ist, so wie beim Schlaganfall. Der Schlag von Innen
kommt in den meisten Fällen unvermutet und krempelt nicht nur das Leben der Betroffenen, sondern auch das der Angehörigen um.
Der ischämische Hirninfarkt, in der Umgangssprache als Hirnschlag, Schlaganfall oder Schlägle bezeichnet, ist in Europa nach Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und Tumorerkran- kungen die dritthäufigste Todesursache und die bedeutendste Ursache für Langzeitbehinderung. Er entsteht, wenn ein Blutgerinnsel die Durchblutung im Gehirn vermindert, oder aus einem Gefäß im Kopf Blut austritt. Der Hirndruck kann dann steigen und Zellen sterben ab, was neurologische Ausfälle verursacht. An diesen lässt sich ein Schlaganfall in der Regel auch am deutlichsten erkennen.
"Der größte Risikofaktor, einen Schlaganfall zu erleiden, ist fortgeschrittenes Alter", sagt Cornelius Weiller, Ärztlicher Direktor der Neurologie des Universitätsklinikums Freiburg. Hier wurde vor zehn Jahren eine sogenannte "Stroke Unit" eingerichtet, eine spezielle Station für die Akutversorgung für Schlaganfallpatienten. "Zeit ist Gehirn", sagt Weiller, deshalb sei es oberste Priorität, die Spanne zwischen Anfall und Behandlungsbeginn auf ein Minimum zu beschränken. Für den Wettlauf gegen die Zeit ist ein eingespieltes Team bestehend aus Ärzten, Pflegern und Therapeuten bestens gerüstet. Weiller zeigt auf eine Stoppuhr am Eingang der Station: "Für die Kontrolle starten wir bei Einlieferung diese Uhr, nach 30 Minuten sollte die Lyse stattgefunden haben." Die Lyse ist das Auflösen des Blutgerinnsels mit Hilfe einer intravenös gespritzten Substanz oder einem über die Hauptschlagader eingeführten Katheter. "Auf dem Gebiet der Schlaganfallbehandlung ist die Lyse die größte Innovation der vergangenen 20 Jahre", kommentiert Weiller. Ein sofort mittels Kernspinn-Tomografie aufgenommenes Bild des Gehirns lässt die Ärzte nicht nur eine Hirnblutung ausschließen, sondern das Gerinnsel orten.
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Neben dem Alter gehören familiäre Vorbelastung und männliches Geschlecht zu den unveränderbaren Risikofaktoren für einen Schlaganfall. Genetische Faktoren betreffen meistens die Blutgerinnung, während das Risiko Männlichkeit sich wohl eher aus einem geschlechterspezifischen Lebenswandel herleitet. "Männer leben riskanter und sind in Sachen Gesundheit echte Vorsorgemuffel”, warnt Professor Karl Einhäupl, Vorsitzender des Stiftungsrates der Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe.
Um einem Schlaganfall vorzubeugen gilt es, die vermeidbaren Risiken zu reduzieren: mit dem Rauchen aufhören, sich ausgewogen ernähren und für ausreichend Bewegung im Alltag sorgen. Es gehe nicht darum, sportliche Höchstleistungen zu erbringen, erläutert Weiller. Aber vielleicht die Treppe zu nehmen statt des Fahrstuhls oder das Fahrrad anstelle eines Busses. Als besonders wichtig gilt es, seinen Blutdruck im Blick zu behalten. Ein erhöhter Blutdruck ist sehr gefährlich, zumal er von vielen Menschen nicht gleich bemerkt wird.
Obwohl das Risiko für einen Hirninfarkt mit zunehmendem Alter steigt, sind auch junge Menschen davon betroffen. 200 000 Menschen erleiden jährlich einen Schlaganfall in Deutschland, etwa acht Prozent von ihnen sind jünger als 50 Jahre. Sybille Hör-Berg ist eine von ihnen. Sie ist Mitglied der Schlaganfall-Selbsthilfegruppe in Freiburg, in der junge Erwachsene zusammenkommen. Sie haben andere Bedürfnisse als ältere Betroffene und stellen sich andere Fragen. "Bei alten Menschen ist die Diagnose einfacher, da ist Bluthochdruck meistens die Ursache." Bei Hör-Berg war der Grund wahrscheinlich eine Hypophysen-Operation, die dem Schlaganfall vorausging und eine kleine Familie in den Ausnahmezustand versetzte. Die Mutter zweier Kinder konnte nicht mehr sprechen, saß im Rollstuhl und ihr Mann musste die kleinen Kinder plötzlich alleine versorgen. Wie viele junge Patienten stand die damals 34-Jährige mitten im Leben mit Plänen für die Zukunft – der Schlaganfall stellte das alles von einer Sekunde auf die nächste in Frage. "Sehr viele Beziehungen gehen unter einer solchen Zerreißprobe zu Bruch", erzählt Hör-Berg aus dem Alltag der Selbsthilfegruppe. Ihre Ehe hielt, und heute, 13 Jahre später, verbessert sich ihr Sprechen immer noch manchmal.
Wie sie ihr Leben Stück für Stück wieder zusammensetzen und mit den neuen Herausforderungen umgehen, möchten die Mitglieder der Selbsthilfegruppe auch anderen zugänglich machen. Sie schreiben deshalb an dem Buch "Junge Schlaganfallpatienten erzählen", welches demnächst im Rombach-Verlag erscheinen wird.
Nach drei bis fünf Tagen auf der Schlaganfallstation, in denen die Patienten medikamentös und bereits auch therapeutisch betreut werden, verlegt man die Patienten auf andere Stationen und anschließend in eine Rehabilitationsklinik. Für das Gesundwerden sind vor allem zwei Dinge in der Therapie ausschlaggebend: Die Übungen sollten möglichst früh beginnen und so oft wie möglich wiederholt werden – während der Patient sich psychisch und physisch erholt.
"Nie aufgeben" heißt das Motto in den neurologischen Rehabilitationskliniken Schmieder. Jutta Küst, fachliche Leiterin für den Bereich Psychologie und hauptsächlich am Standort Gailingen tätig, hält dies für eine der wichtigsten Aufgaben in der Behandlung eines Schlaganfalls, bei der das gesamte Umfeld des Patienten mit einbezogen werden muss.
Auch viele Jahre nach dem Anfall sind Verbesserungen möglich, dank der enormen Fähigkeit des Gehirns sich zu regenerieren und umzuformen. "Da spielt es eine große Rolle, wie jemand vor dem Anfall gelebt, welchen Herausforderungen er sich gestellt hat", fügt Küst hinzu. Die Fähigkeit, Verknüpfungen zu bilden, hat ein Gehirn das ganze Leben lang.
Auch nach einem Klinikaufenthalt ist es mit dem Training nicht zu Ende. "Der Alltag macht es manchmal schwer, ans Üben zu denken", sagt Hör-Berg. Was Küst als bestmögliche Teilhabe am Leben bezeichnet, bedeutet für die meisten Patienten, dass sie ihre Alltagsaufgaben meistern, wieder selbstständig leben können.
Autor: Claudia Kern
