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27. Oktober 2014

"Diese Wartezeit ist inakzeptabel"

BZ-INTERVIEW: Der Psychiater Mathias Berger über psychisch Kranke, die monatelang auf einen Therapieplatz warten müssen.

  1. Mangelware Psychotherapie: Auf die richtige Behandlung müssen psychisch Kranke heute oft Wochen bis Monate warten Foto: dpa/uniklinik Fr

  2. Mathias Berger Foto: BZ

Psychische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch: Die meisten Frühberentungen und Fehltage in den Betrieben gehen inzwischen auf ihr Konto, ebenso die meisten Krankenhausaufenthalte. Professionelle Hilfe allerdings ist Mangelware. Viele Patienten warten inzwischen monatelang auf einen Therapieplatz. Damit sich das ändert, müsste an vielen Stellschrauben gedreht werden, wie BZ-Mitarbeiterin Anita Rüffer im Gespräch mit Professor Mathias Berger, dem Ärztlichen Direktor der Freiburger Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, erfuhr.

BZ: Herr Professor Berger, viele psychische Kranke und ihre Angehörigen können von erschreckenden Erfahrungen berichten: So kriegen manche nach ihrem Krankenhausaufenthalt keinen Fuß mehr auf den Boden, weil ein Platz für eine Einzeltherapie Mangelware ist. Es soll sogar Suizidgefährdete geben, die bisher vergeblich auf einen Therapieplatz warten. Steht es wirklich so schlecht um die Versorgung psychisch kranker Menschen?
Berger: Im ambulanten Sektor ist die Situation tatsächlich höchst problematisch geworden. Selbst in Städten wie Freiburg, wo es eine hohe Dichte an Fachärzten und psychologischen Psychotherapeuten gibt, müssen die Patienten Wochen oder gar Monate auf einen Therapieplatz warten. In ländlichen Regionen ist das noch viel dramatischer. Es sei denn, jemand steckt in einer lebensbedrohlichen Krise.

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BZ: Warum ist das so?
Berger: Einerseits wird die Nachfrage größer. Man geht davon aus, dass leichtere Depressionen zugenommen haben. Ob das auf psychische Erkrankungen insgesamt zutrifft, ist schwer zu sagen. Entscheidend scheint zudem zu sein, dass das Stigma nicht mehr so gewaltig ist wie früher. Die Patienten stehen eher zu ihren psychischen Beschwerden und wollen adäquat behandelt werden, statt wie einst mit vorgeschobenen Kopf- oder Rückenschmerzen zu kommen. Gleichzeitig werden die Depressionen, die sich dahinter verbergen, leichter erkannt. Die Diagnostik ist besser geworden.

BZ: Was hat diese Entwicklung befördert?
Berger: Es mussten offensichtlich erst einige erfolgreiche und prominente Mitglieder der Gesellschaft wie der damalige SPD-Parteivorsitzende Mathias Platzek in aller Öffentlichkeit bekennen, psychisch an ihre Grenzen gekommen zu sein. An seinem Beispiel konnten die Menschen außerdem erfahren, wie man sich von einer Depression so weit erholen kann, dass man die enormen Belastungen einer politischen Spitzenposition wie der eines Ministerpräsidenten wieder übernehmen kann.

BZ: Wäre mehr Wissen ein erster Schritt zu mehr Prävention? Wenn eine psychische Störung gar nicht erst entsteht, entlastet das ja auch das Versorgungssystem.
Berger: Bei der Prävention gibt es großen Nachholbedarf. Die Menschen werden als eine Art "psychologische Analphabeten" ins Erwachsenenleben geschickt. Wir meinen, dass die Informationen über psychische Erkrankungen unbedingt in die Lehrpläne der Schulen aufgenommen werden müssen. Die Schüler lernen in unzähligen Sportstunden, wie sie sich körperlich fit, aber nicht, wie sie sich psychisch stabil halten und mit Angst, Stress oder Schlafstörungen umgehen können. Sie lernen so gut wie nichts über Depressionen, Psychosen oder Borderline-Störungen. Auch in den Betrieben steckt der Arbeitsschutz in Sachen psychische Überlastungen noch in den Kinderschuhen, auch wenn er Ende 2013 endlich Eingang ins Arbeitsschutzgesetz gefunden hat. In der Umsetzung muss er den gleichen Stellenwert bekommen wie physikalische Gesundheitsbedrohungen: Wenn es am Arbeitsplatz zu laut ist, giftige Dämpfe ausströmen oder unergonomische Möbel den Rücken ruinieren, muss die Gesundheitsgefährdung überprüft werden. Gerät jemand wegen Arbeitsüberlastung psychisch aus dem Gleichgewicht, müssten Arbeitgeber zusammen mit Betriebsärzten und einem Arbeitnehmervertreter dafür sorgen, dass auch in diesem Fall die Gefahr einer Erkrankung abgewendet wird.

BZ: Wenn das nicht gelingt, müsste das Gesundheitssystem eine rasche Behandlung möglich machen.
Berger: Das ist ein Riesenproblem, das ich auf Fehlanreize und Fehlfinanzierungen bei ambulanten Leistungen zurückführe. 75 Prozent aller Patienten mit Depressionen, beispielsweise, werden von Hausärzten behandelt. Abgesehen davon, dass ihnen die spezielle Qualifikation für schwere und komplizierte psychische Erkrankungen fehlt, haben sie bei einer Bezahlung von circa 40 Euro pro Patient und Quartal gar nicht die Zeit, sich adäquat um diese Patienten zu kümmern.

Nicht viel besser ergeht es den niedergelassenen Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie: Mit 50 bis 75 Euro pro drei Monate für den einzelnen Patienten lassen sich maximal ein bis zwei Gespräche führen. In Niedersachsen etwa haben sich deshalb fast die Hälfte der Fachärzte von der Regelversorgung abgewandt und bieten, wie auch psychologische Psychotherapeuten, nur noch so genannte Richtlinienpsychotherapien an wie Verhaltenstherapie oder Tiefenpsychologie. Dann nimmt die Zahl der von ihnen behandelten Patienten dramatisch ab. Dafür können sie sich aber dem einzelnen Patienten intensiver widmen und erhalten pro 50 Minuten 82 Euro Vergütung. Auf einen solchen Therapieplatz müssen Patienten im Schnitt drei Monate warten. Weil es immer weniger Fachärzte gibt, die eine größere Zahl von Patienten psychiatrisch betreuen, steigt auch hier die Wartezeit in inakzeptabler Weise auf viele Wochen an. Bisher ist versäumt worden, wesentlich bessere Versorgungsstrukturen und geeignetere Vergütungssysteme für die wachsende Zahl von Menschen mit psychischen Erkrankungen zu schaffen.

BZ: Was passiert mit denen, die keinen Arzt mehr finden?
Berger: Der Aufnahmedruck auf die Kliniken wächst. Dabei lautete mal die Parole der Politik: Ambulant vor stationär. Statt Betten abzubauen, ist eine ständig steigende Zahl insbesondere von psychosomatischen Akut- und Rehakliniken zu beobachten. Ich fürchte, dass – den Plänen der Großen Koalition entsprechend – kurzfristig nur der Ausbau von Klinikambulanzen die Lücken füllen kann. Wenn die Patienten länger als vier Wochen auf einen Termin warten, sollen sie dort eine komplexe ambulante Versorgung erhalten können. Das Gesundheitssystem muss lernen, weniger in Schubladen zu denken und die Sektoren ambulante Versorgung, Akutkrankenhaus und Reha-System besser miteinander zu verzahnen. Die Kassen experimentieren derzeit mit integrierten Versorgungskonzepten, bei denen die unterschiedlichen Akteure zusammenwirken und die Bezahlung deutlich besser ist. Sie führen, wie wir zeigen konnten, auch zu deutlich besseren Behandlungsergebnissen, spielen aber noch keine große Rolle in der Versorgung.

Zur Person: Professor Mathias Berger ist seit 1990 ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Freiburger Uniklinik. Zudem ist er Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), deren Präsident er von 2002 bis 2004 war, sowie Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender des Freiburger Bündnisses gegen Depression.

Autor: arü