Interview

Warum Menschen spielsüchtig werden – und wie man von der Sucht loskommt

Isabella Roser

Von Isabella Roser

Mi, 10. Januar 2018 um 10:27 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Wie erkennt man, dass man glücksspielsüchtig ist? Wie können Angehörige unterstützen? Willi Vötter, Leiter einer Freiburger Beratungsstelle für Suchtkranke, hat Antworten.

BZ: Herr Vötter, wie kann man erkennen, dass man selbst glücksspielsüchtig ist?
Vötter: Wenn das Spielverhalten die Nummer Eins im Leben geworden ist und das Leben bestimmt. Wenn man so einen großen Spieldruck hat, dass man die ganze Zeit denkt: Ich muss spielen. Wichtiges Kriterium für den Übergang von Gefährdung zur Sucht ist, wenn man spielen muss oder will, um verlorenes Geld wieder reinzukriegen.

BZ: Wie kann man sich da kontrollieren?
Vötter: Wenn man risikoarm spielen will, sollte man sich vornehmen, immer nur eine bestimmte Geldmenge zu verspielen, zum Beispiel 20 Euro. Wenn man merkt, dass man diese Geldgrenze dauerhaft nicht mehr einhalten kann, und die Kontrolle verliert, dann wird es problematisch.

BZ: Bei Alkohol- und Drogensucht sind Alkohol und Drogen die Suchtmittel. Und bei Glücksspielsucht?
Vötter: Eigentlich das Geld. Es ist kein normaler Umgang mehr damit möglich, es ist nur noch Mittel, um zu spielen, um den Kick zu kriegen und die Spannung auszugleichen.

BZ: Wie viele Menschen mit Glücksspielproblemen kommen jährlich zu Ihnen?
Vötter: Ungefähr 100 Menschen, aus Freiburg direkt ungefähr 70, der Rest aus dem Landkreis. Deutschlandweit gehen Schätzungen von 250 000 bis 500 000 Betroffenen aus, auf Freiburg bezogen sind es also doch noch über 1000. Mein Appell ist, in die Beratung zu gehen – es gibt Hilfe und die Prognosen sind gut.

BZ: Und welche Bevölkerungsgruppe ist bei Ihnen am meisten vertreten?
Vötter: 90 bis 95 Prozent der Glücksspielsüchtigen bei uns sind Männer, meist Anfang 30. Wir hören von Spielhallenbetreibern zwar oft, dass auch viele Frauen bei ihnen spielen. Aber man geht davon aus, dass Männer risikofreudiger und mehr in der Gefahr sind, sich Bestätigung zu holen über den Status, der mit Geld verbunden ist. Deswegen geraten sie dann auch schneller in eine Glücksspielsucht. Viele haben zudem einen Migrationshintergrund.

BZ: Haben Sie jetzt auch mehr Menschen mit Migrationshintergrund in Ihrer Beratung?
Vötter: Bislang nicht. Aber wir gehen von einer Gefährdung aus: Migration und Entwurzelung stellen ein Risiko für Glücksspiel dar. Zudem ist im vorderasiatischen Raum die Affinität für Glücksspiel größer als in Europa. Allerdings braucht man für Glücksspiel ja auch erst mal Geld.

BZ: Welche Glücksspielarten spielen die Betroffenen besonders häufig?
Vötter: Ich würde schätzen, fast 90 Prozent haben deutlich den Schwerpunkt auf Automatenspielen in Spielhallen oder Gaststätten. An zweiter Stelle kommen weit dahinter Sportwetten in Wettbüros oder im Internet. Das Pokerspiel wiederum hat abgenommen.

BZ: Was können Angehörige tun, um Glücksspielsüchtigen zu helfen?
Vötter: Man kann nicht den Therapeuten ersetzen, aber man kann den Weg begleiten und zuhören. Das ist wichtig, denn 15 Prozent derjenigen, die in der Beratung sind, haben einen Suizidversuch hinter sich, das belegen Studien und leider auch meine Erfahrungen. Hintergrund ist, dass Betroffene keinen Ausweg sehen und sich niemandem offenbaren, aus Angst fallen gelassen zu werden. Danach ist es wichtig, sich als Angehöriger klar zu werden über die eigenen Gefühle und Grenzen. Dabei hilft Beratung. Wir bieten auch eine Gruppe an, in der Angehörige von Betroffenen mit Glücksspielsucht unterstützt werden.
Zur Person



Willi Vötter, 57, leitet als Sozialarbeiter die Psychosoziale Beratungsstelle für Suchtgefährdete und Suchtkranke der Evangelischen Stadtmission Freiburg.

Psychosoziale Beratungsstelle für Suchtgefährdete und Suchtkranke (Regio-PSB)

Lehener Straße 54a

Offene Sprechzeiten

Dienstag 16 bis 18.45 Uhr

Donnerstag 9 bis 12 Uhr

0761/ 285830-0

http://www.regio-psb-freiburg.de