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23. Juni 2012

Die braven Hausbesetzer

Hauswächter bewohnen ungenutzte Gebäude, um sie vor Vandalismus und illegalen Besetzungen zu schützen.

  1. Sebastian Weber wohnt als Hauswächter in einem alten Schulgebäude und hat viel Platz für wenig Geld. Foto: dpa

Leer ist das Collège Voltaire in Berlin-Reinickendorf nur auf den ersten Blick. Als die letzten Schüler der französischen Privatschule im August vergangenen Jahres in ein neues Gebäude umzogen, machten sich hier 19 Studenten und Künstler breit. Es sind Hauswächter die das Gebäude vor Vandalismus, Diebstahl, illegalen Partys und echten Hausbesetzern beschützen sollen. "Bewacht durch Bewohnung", steht schon am grünen Eingangstor, um ungebetene Besucher abzuschrecken.

Im hintersten Klassenzimmer des Erdgeschosses liegt das Reich von Sebastian Weber. Sein Doppelbett hat er frei in den Raum gestellt, auch große Kübelpflanzen sowie ein vertrockneter Baum schmücken das Zimmer. Hinter einer Trennwand kocht der 26-Jährige ab und an, auf dem Sofa spielt er Gitarre. Trotzdem wäre noch genug Platz, um hier mit dem Skateboard Tricks zu üben. "Ich habe jetzt ungefähr so viel Platz wie damals in der gesamten Wohnung, die wir uns zu dritt geteilt haben."

Nur 175 Euro zahlt der Abiturient auf dem zweiten Bildungsweg pro Monat, um sich hier ausbreiten zu können. Weber, der auch DJ ist, hat vor der Tafel sogar sein Mischpult aufgebaut und macht Musik, so laut er will – die Nachbarn sind viele Klassenzimmer entfernt. Doch muss er auch viele Regeln einhalten: Nicht im Zimmer rauchen, keine Kerzen anzünden, keine Partys, keine Haustiere – schließlich soll das Gebäude seinen Wert möglichst behalten.

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Das Modell "Schutz durch Bewohnung" kommt aus den Niederlanden. Das Unternehmen Camelot hat europaweit mehr als 10 000 Hauswächter für 4000 Gebäude im Einsatz. Seit zwei Jahren bietet Camelot das Konzept auch in Deutschland an, rund zwanzig Gebäude werden hierzulande so bewacht. "Das Interesse ist sehr groß", sagt Mitgründer Bob de Vilder.

Die Eigentümer sind froh, dass sie sich durch die Zwischennutzer einen Wachdienst sparen. "Die Hauswächter sind unsere Augen und Ohren und erzählen uns, wenn etwas mit dem Gebäude passiert", sagt de Vilder. Wenn es zum Beispiel reinregne oder eine Leitung kaputtgehe, könne das Unternehmen gleich einen Handwerker schicken. "Und wir haben tatsächlich bemerkt, dass der Vandalismus und Diebstahl auf Null zurückgeht, weil in dem Gebäude abends Licht brennt."

Besonders als Hauswächter gefragt sind Künstler – denn sie sind häufig da. Einer von ihnen ist Henning Gronkowski, der in der ehemaligen Berliner Schule die unzähligen Leinwände seiner Frau zusammenräumt, die verstreut auf dem Fußboden liegen. Er selbst nutzt das Klassenzimmer zur Vorbereitung auf seine Rollen. Der 23-Jährige freut sich, dass die leerstehenden Gebäude legal genutzt werden, wo der Bedarf so groß sei.

Doch das ungewöhnliche Leben in Reinickendorf kann schnell vorbei sein. Die Kündigungsfrist beträgt nur vier Wochen. Wird ein neuer Mieter oder Investor für das Gebäude gefunden, müssen die Hauswächter schnell ausziehen. Camelot versucht dann, ihnen ein neues Gebäude anzubieten. Gronkowski ist in den Niederlanden schon durch mehrere Camelot-Häuser gezogen und hat dabei viele Abenteuer erlebt: In den Niederlanden leben die Hauswächter auch in alten Gefängnissen, Kirchen, Krankenhäusern und sogar Schlössern.

Autor: Doreen Fiedler