Sachbücher

Die BZ-Redaktion gibt acht lehrreiche Geschenktipps

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Do, 06. Dezember 2018 um 15:58 Uhr

Liebe & Familie

Seltsame Orte der Antike, aus dem Leben eines Astronauten oder von der Kunst, einen Wolkenkratzer zu bauen: Lehrreiches zum Einpacken – empfohlen von BZ-Redakteuren und Mitarbeitern

Das Grausige und das Komische

Die Antike – das ist nichts Abgeschlossenes. Ihre Denkweisen und Mythen wirken bis heute nach: Troja und Rom kennt jeder, auch Babylon oder die Pharaonen. Martin Zimmermann verschafft uns mit seinen "seltsamsten Orten der Antike" neue Bezugspunkte, an denen heutiges Wissen aus Archäologie und Altphilologie zusammentrifft mit Anekdoten, wie sie antike Autoren gerne erzählt haben. Sie hielten dabei die Grenze zwischen Realität und Fiktion offen – was manchen späteren Irrtum vorbereitete. Der Münchner Althistoriker nimmt sein Publikum mit auf eine anregende Reise durch die damalige Welt, von Mesopotamien bis Nordengland, von den Ur-Städten bis zu den römischen Kaisern. Er bindet dabei seine Erzählungen zumeist an geographisch genaue Orte, wo er uns das Grausige wie das Komische zeigt, das Menschliche wie das Göttliche (was alles damals gar nicht so weit auseinander lag).
Martin Zimmermann: Die seltsamsten Orte der Antike. Gespensterhäuser, hängende Gärten und die Enden der Welt. C. H. Beck Verlag München, 336 Seiten, 19,95 Euro.



Geschichte eines Klangs

"Ach die... die ist ganz interessant." Der Satz seines Geigenbauers ließ Philipp Blom nicht mehr los. Der Historiker und leidenschaftliche Hobbygeiger wollte wissen, woher "die" kam – seine Geige. Er begab sich auf Spurensuche. Herausgekommen ist ein Sachbuch mit ästhetischem Anspruch, ein Roman der Violine. Seiner Violine, gebaut um 1700 von einem Deutschen, aber in Italien, dem Mutterland des Geigenbaus. "Eine italienische Reise" beschreibt am Beispiel des Städtchens Füssen, wie sich junge Männer aufmachten nach Italien, um diese Kunst zu erlernen. Die Geschichte eines Klangs, der verzaubert.
Philipp Blom: Eine italienische Reise.Hanser, München 2018. 320 Seiten, 26 Euro.



Tresorknacker und Nazi-Hetzer

Wer die Fernsehserie "Babylon Berlin" gesehen oder die Romanvorlagen von Volker Kutscher gelesen hat, der bekam die deutsche Hauptstadt zur Zeit der Weimarer Republik vorgeführt als eine Kapitale der Gewalt. Dass es tatsächlich so war, lässt sich in diesem spannenden Buch nachlesen: Die Spiegel-TV-Autorin Nathalie Boegel berichtet zum Beispiel von Gentleman-Kriminellen wie den Tresore knackenden Gebrüdern Sass, vom dicken Kommissar Ernst Gennat, der die Mordermittlung revolutionierte, und vom schlimmsten aller Berliner Verbrecher dieser Zeit, dem Nazi-Hetzer Joseph Goebbels.
Nathalie Boegel: Berlin – Hauptstadt des Verbrechens. DVA, München 2018. 288 Seiten, 20 Euro.



Riesenkristalle in einer rauen Gegend

Fünfmal reist der Geologe William E. Glassley gemeinsam mit zwei Kollegen nach Grönland, um eine Frage zu beantworten: Ist diese größte Insel der Erde entstanden, als vor Urzeiten zwei Kontinente miteinander kollidierten? Es ist eine raue Gegend, in der die Männer forschen und Dinge sehen, die kein Mensch zuvor sah. Unerklärliche Lichteffekte, Riesenkristalle aus dem Erdinneren und Grenzen, die keine sind. Glassley erzählt poetisch, mit einem für einen Wissenschaftler spannenden Hang zum Mythischen. Ein sanftes Abenteuerbuch, auf das man sich mit viel Zeit einlassen muss. Dessen Lektüre sich aber lohnt.
William E. Glassley: Eine wildere Zeit. Aus dem Englischen von Christine Ammann. Verlag Antje Kunstmann, München 2018. 224 Seiten, 22 Euro.



Wie man einen Wolkenkratzer baut

Bauingenieur: Das ist immer noch ein Beruf, in dem Frauen kaum anzutreffen sind. Roma Agrawal jedoch, eine 35 Jahre alte Inderin, hat es bis an die Spitze geschafft. Das darf man wörtlich nehmen: Sie hat in London das mit 310 Metern zeitweilig höchste Haus in Europa geplant. Die Begeisterung über diesen Wolkenkratzer und andere Projekte durchzieht ihr Buch über "Die geheime Welt der der Bauwerke", das dreierlei verbindet: ein wenig Autobiographie, viel Aufklärung über die Naturgesetze, an die auch Bauingenieure in ihrer Arbeit gebunden sind – und eine Werbung für diesen Beruf, ja für alle technischen und naturwissenschaftlichen Fächer. Nur einer Frage geht diese gut verständliche Einführung in Grundsätze des Bauens leider nicht nach: warum es immer noch so wenig Bauingenieurinnen gibt.
Roma Agrawal: Die geheime Welt der Bauwerke. Aus dem Englischen von Ursula Held. Carl-Hanser-Verlag, München 2018. 262 Seiten, 24 Euro.



Vertreibung und Rettung

Wer keine feste Bleibe hat, braucht einen Gott, der mit ihm unterwegs ist. Als die Oberschicht des Volkes Israel ins babylonische Exil deportiert worden ist, entsteht ein neuer, nicht an Opfer und Tempel gebundener Kult: das Gebot vom Sabbat als dem Tag Gottes. Die heutige Flüchtlingskrise verändert Perspektiven, auch auf die Bibel. Johann Hinrich Claussen hat sie als Flüchtlingsbuch gelesen. In 40 Stationen – eine heilige Zahl, so wanderte das Volk Israel einst 40 Jahre durch die Wüste – erläutert der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland anschaulich die alten Erzählungen über Exil und Gewalt, den römischen Staatsterror gegen Christen und deren Strategien der Gastfreundschaft. Fotos von 1860 bis 1950 sprechen dazu von Vertreibung, Angst und Rettung.
Johann Hinrich Claussen: Das Buch der Flucht. C. H. Beck, München 2018. 332 Seiten, 24,95 Euro.



Aus dem Leben eines Astronauten

Das rechte Buch zur rechten Zeit kann das Leben umkrempeln. Bei Scott Kelly war es "Die Helden der Nation" von Tom Wolfe über die Testpiloten der Nasa. Es hat aus dem von Langeweile geplagten Leistungsverweigerer einen zielbewussten jungen Mann gemacht und ihm den Willen implantiert, etwas "ungeheuer Schwieriges zu leisten". Hat ihn aus den Niederungen New Jerseys hinauskatapultiert ins All – auf die Raumstation ISS. Vom mühseligen Weg dorthin, den Stationen als Marineflieger, erzählt Kelly, und natürlich von dem langen Jahr im Weltall. Auch davon spricht er aus irdischer, menschlicher Perspektive. Ohne dieses Heldengehabe und diesen unablässigen Begeisterungsmodus, mit dem uns Astronauten gewöhnlich nerven.
Scott Kelly: Endurance. Aus dem Amerikanischen von Hainer Kober. C. Bertelsmann, München 2018. 479 Seiten, 25 Euro.



Beschwörung der Natur

Wenn es nur um verlorene Wörter ginge. Aber mit den Wörtern, so ist zu befürchten, sind auch die Tiere und Pflanzen im Verschwinden begriffen, die in diesem großformatigen Bilderbuch aufgerufen werden. Die Natter. Der Otter. Die Brombeere. Die Kastanie. Sind sie wirklich dahin, flattern nicht mehr durch Kinderstimmen, wie Robert Macfarlane ("Alte Wege") in der Vorrede zu seinem Buch schreibt? Haben wir nicht nur den Bezug zur Natur verloren, sondern diese selbst bald auch? Macfarlanes poetische Beschwörungsformeln des Blauglöckchens, des Efeus oder des Raben sind von Daniela Seel großartig übersetzt und werden begleitet von überwältigend schönen Illustrationen von Jackie Morris. Entstanden ist dieses Buch, weil das Oxford Dictionary für Kinder einige Naturwörter gestrichen hatte. Es ist eine Rettungsaktion. Anschauen, lesen und dann: auf in den Wald!
Robert Macfarlane, Jackie Morris: Die verlorenen Wörter. Aus dem Englischen von Daniela Seel. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2018. 134 Seiten, 38 Euro.

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