Spaziergang im Wald

MOMENT MAL: Angejazztes Stück Natur

Stephanie Streif

Von Stephanie Streif

Mo, 14. Mai 2018

Liebe & Familie

Um Ruhe zu haben, geht die gestresste Städterin gerne mal in den Wald. Das Einen-Fuß-vor-den-anderen-Setzen nimmt dem Alltag ruckzuck seine Hektik – genauso wie das Endlich-mal-nicht-kommunizieren-Müssen. Für eine halbe Stunde ist man aus allem raus. Einzige Aufreger: eine Blindschleiche, die sich von links nach rechts über den Weg schlängelt, und eine Hummel, die einen im Vorbeifliegen gemütlich anbrummt. Über einem rauscht es, dazwischen Vogelgezwitscher und – ups – der Klang einer akustischen Gitarre?? Hier? Wie das? Eine Wegbiegung später sitzt da auf einer Bank doch tatsächlich ein Mittsechziger und zupft Blues-Klänge aus seinem Instrument heraus. Echt jetzt, denkt die Städterin. Wir stehen doch im Wald und nicht zwischen Drogeriemarkt und Kaufhaus in einer beliebigen Fußgängerzone. Schnell weiter. Doch noch bevor es wieder richtig waldstill werden kann, weht der Wind schon den nächsten Musik-Act herüber. Wieder ein Mittsechziger auf einer Bank. Er schiebt gerade den Dämpfer in den Trichter seiner Trompete, setzt an und spielt zu dem Jazz, der aus dem Ghettoblaster neben ihm rieselt. Nicht zu laut. Und der Wald bläst im Hintergrund ganz sachte mit. Klingt doch nicht so schlecht, so ein kurz angejazztes Stück Natur. Der halbstündige Waldspaziergang hat gewirkt, wie er wirken soll. Die Städterin geht langsamer, hört hin – und ist tatsächlich entspannt.