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05. Dezember 2011

Ohne das Weibergequatsche

In "Papas Spielstube " leben Kopenhagener Männer – ganz unter sich – ihre Väterrolle aus.

  1. Kleine und große Männer unter sich – in Kopenhagens Spielstube. Foto: HAnnes gamillscheg

Alfred hat sich selbst in der Spiegelwand entdeckt, jetzt tatscht er seine elfmonatigen Patschhändchen aufs Glas und lacht dem Ebenbild zu. Vater Benjamin beobachtet ihn genüsslich aus der Ferne. Ein Schritt, dann bekommt der Kleine Übergewicht und plumpst auf den windelgepolsterten Popo. Ein erschrecktes Glucksen, ein kurzes "Bäääh". "Nicht so schlimm", sagt Benjamin, klopft Söhnchen auf den Hintern und stellt ihn wieder auf. Alfred lacht schon wieder und drückt das Näschen auf sein Spiegelbild. Benjamin hockt sich wieder zu Hans-Henrik, der den neunmonatigen Villiam mitgebracht hat, und die beiden setzen die kurz unterbrochene Unterhaltung fort.

Ein Dutzend Männer ist in "Fars Legestue" gekommen, jeder mit einem Baby. "Papas Spielstube" liegt im Turnsaal einer Sporthalle in Kopenhagens Stadtteil Nørrebro, vor dem Saal stehen die Kinderwagen aufgereiht, daneben ein paar Wickeltische. Drinnen ist der Boden mit Matten ausgelegt und mit Spielzeug ausstaffiert, Bällen, Trommeln, Bauklötzen zum Türme Bauen. Die Väter lungern auf dem Boden, Stühle gibt es keine. Die Kinder gucken, krabbeln, purzeln. Es ist eine Babywelt ganz ohne Frauen, wenn man die einjährige Ellen ausklammert, und das ist auch der Sinn der Sache. In der "Korsgadehalle" sind die Väter unter sich.

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Villiam ist ausgebüchst. Stehen kann er noch nicht, aber er wieselt über den Boden wie aufgezogen, hin zu dem Stofftunnel, in den man kriechen kann. Dann ist er weg. Papa wird nicht nervös, auch wenn er ihn nicht sehen kann: "Der kommt schon wieder zum Vorschein." Und da steckt Villiam das blonde Köpfchen auch schon am anderen Ende wieder aus dem Schlauch, macht kehrt und taucht erneut ein ins Labyrinth. "Väter", hat davor John Brøndum erklärt, "haben eine andere Art von Umgang mit ihren Kindern." Bisschen wilder, nicht so verhätschelnd. Die Mutter hätte Alfred wohl auf den Arm genommen, getröstet, und wäre Villiam nachgekrabbelt, um zu sehen, wo der bleibt. "Wir Väter haben eine andere Toleranzschwelle, und das ist manchmal auch gut für die Kinder", behauptet Martin Mårtensson, der den elfmonatigen Malte hütet.

Nur eine Frau

ist willkommen.

John Brøndum ist der Leiter von "Papas Spielstube", einer kommunalen Einrichtung, die nach langjährigem Ringen um die Finanzierung nun endlich die notwendigen Mittel erhalten hat. Er kocht Kaffee für die Väter und sorgt dafür, dass Neuankömmlinge, die verloren in der Ecke sitzen, mit einbezogen werden. Programm gibt es keines, "die Väter kommen, wenn es mit dem Schlaf der Kinder passt, und gehen, wenn es ihnen reicht." 25 bis 30 Männer schauen im Lauf des Nachmittags vorbei, manche immer wieder, manche sind seltene Gäste. Und wenn eine Mutter käme, mit ihrem Kleinkind? "Dann würden wir sie hereinbitten, ihr erklären, worum es geht und sie dann auffordern, nächstes Mal ihren Mann zu schicken."

Nur eine Frau ist willkommen in der Krabbelstube, das ist Hanne Duer, die Gesundheitspflegerin. Das ist eine dänische Spezialausbildung, eine Krankenschwester, die von der Geburt an und in den ersten Kindesjahren zu den Familien nach Hause kommt, das Baby untersucht, den Eltern Tipps gibt und zusieht, dass alles zum Rechten steht. Eines Tages fragte ein Vater Hanne, was die Kommune denn für seinesgleichen tue. Er hatte Väterzeit genommen und wollte jetzt seine Erfahrungen mit anderen teilen, so wie es überall Mütterrunden gab. Er hatte recht, dachte sie. Das war die Geburtsstunde der Spielstube, erst mit Freiwilligen und ganz ohne Geld, ehe das kommunale Gesundheitshaus die Verantwortung übernahm. Jeden Dienstag hat Hanne Duer nun Sprechstunde in der Väterrunde, die nicht "Väterrunde" heißen soll: "Das klingt zu sehr nach Rundkreis und backe, backe Kuchen." Väter, sagt sie, sollen "ihre eigene Identität entwickeln und nicht Ersatzmutter sein."

Als Martin Mårtensson acht Monate nach Maltes Geburt seine Frau Nina als Babyhüter ablöste, versuchte er es zunächst in einer Mütterrunde gleich um die Ecke. "Das war nichts für mich", sagt der 39-jährige Chemiker, "so viel Getue." Unter den Vätern fühlt er sich wohler, "ohne all das Weibergequatsche".

"Männer", sagt Brøndum, "ertrinken manchmal in der Mutter-Kind-Beziehung". In "Fars Legestue" können sie ihre Vaterrolle im eigenen Tempo ausleben. Sie treffen andere Männer in der gleichen Lage und können Erfahrungen austauschen. "Vielleicht reden sie zuerst über Fußball und Job, aber bald dreht sich auch bei ihnen das meiste um das Kind."

Die Vaterzeit nehmen zu können, die bei ihm vier Monate dauern soll, sei ein Privileg, ganz fantastisch, sagt Martin. Auch wenn ihm manchmal sein Beruf und das soziale Netzwerk abgehen. "Früher wollte Malte die Mama, wenn etwas los war. Jetzt weiß er, dass er auch zu mir kommen kann." "Das Zusammensein ist viel intensiver, als wenn man abends nach Hause kommt und er schön müde ist", sagt auch Benjamin Hansen über seine Zeit mit Alfred. Benjamin hat soeben sein Studium beendet. Als er letzte Hand an die Magisterarbeit legte, betreute seine Freundin Christina den Jungen rund um die Uhr. Jetzt sind die Rollen vertauscht. Sie büffelt. Er hat Alfred.

Theoretisch steht die Spielstube auch noch Fünfjährigen offen, aber die meisten Kinder sind zwischen sechs und zwölf Monaten alt. Das ist die Zeit, in der die Männer in Dänemark ihren Anteil an der Elternzeit in Anspruch nehmen: Das erste Halbjahr gehört meist der Mutter, und nach einem Jahr kommen die meisten Babys in Krippe oder Tagespflege, weil das Berufsleben die Eltern zurückfordert. Nirgends sonst in Europa sind die Kinder so klein, ehe sie institutionell betreut werden. "Es wird hart sein, wieder zu arbeiten und Villiam abzuliefern", sagt Hans-Henrik Sørensen, doch er tröstet sich damit, dass er sehen kann, wie gut der Knirps mit anderen Kindern auskommt. "Schau, er ist dort drüben und vermisst mich gar nicht."

In eine neue Filiale kommen

auch Zuwanderer-Väter.

"Es ist ja diskriminierend, dass hier nur Väter sein können", lacht er, "aber auch angenehm. Hier kann es ganz still sein; das ist es nie, wenn Frauen dabei sind." Er teilt den Elternurlaub mit seiner Partnerin, das ist auch in Dänemark noch höchst ungewöhnlich. Die durchschnittliche Mutterzeit beträgt 277 Tage, die der Väter 26. Vaterzeit ist immer noch ein Großstadtphänomen und eine Klassenfrage. Hans-Henrik hatte als Akademiker im öffentlichen Dienst keine Probleme mit der Freistellung. "Für einen Maurer ist es schwieriger, in den Bauwagen zu gehen und zu verkünden, dass er heim muss zum Windelwechseln", sagt John Brøndum. Dennoch stößt die Forderung nach Zwangsordnungen, die einen Teil des Urlaubs für den Mann reservieren würden, in der Korsgadehalle auf wenig Zustimmung: "Das müssen die Familien selbst herausfinden", sagt Martin Mårtensson.

"Viel zu niedrig" sei der Anteil der Väter, die die gesetzlichen Möglichkeiten ausnützen, meint Hanne Duer. "Je früher die Väter engagiert werden, desto stärker nehmen sie auch später an Erziehung und Aufwachsen teil", stimmt Brøndum ein. Auch für Zuwandererfamilien wäre eine Rollenverteilung, die den Vater stärker einbezieht, gut, meinen beide. Rund um die Sporthalle liegen die Häuserblöcke mit Nørrebros höchstem Einwandereranteil, doch in "Fars Legestue" kommen kaum Männer nicht-westlicher Herkunft. In einer kürzlich eröffneten Filiale, die sich mehr auf größere Kinder konzentriert, beginnen hingegen Väter aus Pakistan, Türkei und Afrika mitzumachen.

Hanne Duer träumt von "zwei Jahren Elternzeit, eines für die Mutter, eines für den Vater". Sie weiß, dass das illusorisch ist, viel zu teuer. Doch dann wird sie nachdenklich: "Wenn man alles zusammenrechnet..." Wenn man bedenkt, was die Kinderkrippen kosten, auf die man dann verzichten könnte, wie viel weniger die Kinder krank wären, wie viel von der Persönlichkeit des Kindes dann in geborgenem Familienrahmen ausgebildet würde: "Dann", lautet ihr Schluss, "wäre das vielleicht nicht die dümmste Investition."

Malte und Villiam haben einen Kreisel erklommen und schaukeln wonnig, zwei jüngere Gefährten versuchen vergeblich, den Turm umzuwerfen, den ihre Väter aufgebaut haben. Das Distanzgefühl stimmt noch nicht, und sie schlagen Löcher in die Luft, bis Papa nachhilft und das Gebäude purzelt. Großer Jubel. "Ich genieße diese Zeit", stößt Hans-Henrik aus, auch wenn er nicht gedacht hätte, wie viel Arbeit der Vaterberuf macht. Für seine Frau ist dies nicht so einfach. "Sie vermisst den Jungen, es ist schwer für sie, dass es jetzt ich bin, zu dem er kommt, wenn er kuscheln will." Jetzt ist sie es, die nicht jeden Fortschritt sieht, "jetzt hat sie die Vaterrolle".

"Wenn wir wieder ein Kind bekommen, will ich die zweite Hälfte der Elternzeit haben", sagt Benjamin, aber darum wird er noch mit Christina kämpfen müssen, "denn sie will nicht teilen".

Autor: Hannes Gamillscheg