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16. März 2017

Kino

Realverfilmung verleiht Disney-Klassiker "Die Schöne und das Biest" eine Frischekur

MÄRCHEN: Bill Condons gelungene Realverfilmung des erfolgreichen Disney-Trickfilms "Die Schöne und das Biest".

  1. Der Melancholiker und die Mutige:Dan Stevens als Biest und Emma Watson als Belle Foto: Handout/Disney

Für die einen ist "Die Schöne und das Biest" die romantischste aller Märchenvorlagen, weil hier ein zum Ungetüm verzauberter Prinz durch die Liebe einer Frau von seinem Fluch erlöst wird. Für die anderen ist die Liebesgeschichte zwischen dem Entführer und seiner Gefangenen ein klarer Fall von "Stockholm Syndrom" und patriarchaler Gehirnwäsche. In seiner Zeichentrick-Version aus dem Jahre 1991 nahm Disney sowohl die romantischen Sehnsüchte als auch die feministische Kritik an dem französischen Volksmärchen auf, indem die Heldin Belle nicht als zarte Unschuld vom Lande, sondern als patente junge Frau anlegt wurde, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt.

Diesen Weg geht nun auch die Real-Verfilmung weiter, die das Studio unter der Regie von Bill Condon ganz eng an den eigenen Trickfilm-Klassiker entworfen hat. Mit Emma Watson hat man die ideale Besetzung für eine selbstbewusste Belle gefunden. Als kluge Zauber-Azubine Hermine Granger hat sie sich in "Harry Potter" nicht die Butter vom Brot nehmen lassen und diente einer ganzen Mädchengeneration als Gender-Vorbild.

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Natürlich atmet ihre Belle die filmische Vorgeschichte mit, wenn sie trällernd aus der französischen Provinzstadt spaziert, deren kleingeistige Bürger das belesene Mädchen als seltsamen Bücherwurm mobben. "Ich will so viel mehr" singt sie, auf dem Hügel angekommen, mit ausgebreiteten Armen in die Weite der Landschaft hinein. Nachdem sie auf diese Weise ihre Lust am Abenteuer kundgetan hat, wundert es niemanden mehr, wenn sie ohne zu zögern, aufs Pferd springt, als sie, von der Gefangennahme ihres geliebten Vaters (Kevin Kline) erfährt, und sich dem Biest als Ersatzhäftling aufdrängt.

Auch das Monster, hinter dessen digitaler Maske sich "Downton Abbey"-Liebling Dan Stevens verbirgt, hat deutlich an charakterlicher Tiefe gewonnen. Der Mann im Tiere beeindruckt durch profundes Literaturwissen und zeigt sich hinter der grantigen Fassade als bekennender Melancholiker. Mit der allmählichen Humanisierung des Ungeheuers haben Disneys Pixelmeister wirklich gute Arbeit geleistet. Wie zuletzt "Cinderella" überzeugt auch diese Märchen-Realverfilmung durch das nahtlose Ineinanderfließen großzügiger Ausstattungsorgien und digitaler Effektemalerei. Sprechende Teekannen, Uhren, Staubwedel und Kleiderständer wurden aus dem Zeichentrickfilm direkt in die fotorealistische Version importiert und zu tragfähigen Charakteren ausgebaut. Mit souveräner Beiläufigkeit findet im Jahr 2017 auch die erste schwule Nebenfigur ihren Weg in einen Disney-Film: Der eitle Schurke Gaston (Luke Evans) wird von einem Sidekick (Josh Gad) begleitet, der mehr als freundschaftliche Gefühle für seinen Herren hegt und am Schluss mit einem eigenen Happy End versorgt wird.

Es sind immer nur Nuancen der Veränderung, in denen Condon von der konzerneigenen Vorlage abweicht, die aber in ihre Gesamtheit dem Film eine zeitgenössische Frische verleihen. Das klassische Motiv von "Die Schöne und das Biest" hat ohnehin nie an Aktualität verloren. Zuletzt diente es als narrative Ursuppe für Werke wie "Twilight" und natürlich "Fifty Shades of Grey", deren Erfolge eindrücklich die Unkaputtbarkeit des Märchenmythos in der modernen Popkultur vorführen.

"Die Schöne und das Biest" (Regie: Bill Condon) läuft flächendeckend. (Ab sechs Jahren)

Autor: Martin Schwickert