Zweieinhalbe Jahre für Attacke mit Teppichmesser

Harald Rudolf

Von Harald Rudolf

Sa, 17. Februar 2018

Rheinau

Das Opfer hat erheblich an Sehkraft eingebüßt / Beziehungstat.

ORTENAU. Ein 56 Jahre alter Architekt hat in einer Auseinandersetzung in Rheinau um seine ehemalige Freundin den mutmaßlichen neuen Freund mit einem Teppichmesser am rechten Auge so stark verletzt, dass dieses dauerhaft geschädigt ist. Wegen schwerer Körperverletzung ist der Franzose vom Schöffengericht zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt worden.

Das Schöffengericht am Amtsgericht Offenburg folgte dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die von einer "schweren Folge" einer Körperverletzung sprach, mit einer dauerhaften schweren Beeinträchtigung des Opfers. Der Regelstrafrahmen dafür liegt zwischen einem und zehn Jahren. Laut eines ärztlichen Gutachtens wird der Geschädigte die Sehkraft auf dem rechten Auge nicht mehr erlangen.

Mit einem Teppichmesser verletzte der Angeklagte den 48 Jahre alten Geschädigten im Gesicht. Der geschiedene, in Frankreich vielfach vorbestrafte Architekt, der einige Zeit nach der Tat in Untersuchungshaft genommen wurde, erklärte, in Panik gehandelt zu haben. Sein Verteidiger, Christoph Jäckl, sprach daher in seinem Plädoyer von "putativer Notwehr" und beantragte eine Bewährungsstrafe von maximal einem Jahr. Mit putativer Notwehr ist eine irrtümlich angenommene Notwehrsituation gemeint.

Laut Anklage, die sich neben Zeugen auf eine Handyvideoaufnahme der Tat stützte, tauchte der Straßburger am 31. Juli 2017 gegen 22.40 Uhr vor einem Anwesen in Rheinau auf, in der er seine Ex-Freundin vermutete. Nach seinen Angaben hatte er sie einen Monat zuvor vor die Tür gesetzt. "Aber manchmal ist das Herz stärker als der Verstand", sagte er. Er habe seine Beziehung kitten wollen.

Nach Aussagen einiger Zeugen, in deren feucht-fröhlicher Gesellschaft sich die Ex an dem Abend befand, machte sich der Angeklagte auf der Straße lautstark bemerkbar, so dass nach und nach die Gesellschaft aus der Wohnung kam.

Mit dem späteren Opfer entwickelte sich eine verbale Auseinandersetzung mit gegenseitigem Schubsen. Dabei soll der Angeklagte mit einem Küchenmesser herumgefuchtelt haben. Über die Straße gedrängt, entstand, so die Anklage, eine Distanz zwischen den Kontrahenten, während die anderen Beteiligten zurückwichen, schrien und filmten. Dann nahm der 56-Jährige seine Brille ab, griff nach einem Teppichmesser, fuhr die Klinge heraus, ging auf sein Gegenüber zu und schnitt ihm über Auge und Nase.

Nach Aussage des Angeklagten fühlte er sich bedrängt, in Panik, die Brille habe er nach einem Schlag ins Gesicht abgenommen. Als er dann in seine Hose griff, entdeckte er das Stunden zuvor benutzte Teppichmesser und fuchtelte damit lediglich in die Richtung des Geschädigten. "Ich schlug ins Leere", da er ja keine Brille mehr trug, erklärte er und entschuldigte sich "für diese Geste". Laut Staatsanwaltschaft sind in der Videoaufnahme gezielte Hiebbewegungen zu sehen.

Ob der Angeklagte, wie Zeugen erklärten, ein zweites Messer mitgeführt hatte, konnte nicht vollständig aufgeklärt werden. Die Polizeistreife vor Ort, die weder den Angeklagten noch das Opfer, das bereits ins Krankenhaus gefahren wurde, vorfand, fotografierte das Küchenmesser, mit dem laut Verteidigung auch das blutige Shirt des Opfers aufgeschnitten worden sein konnte, nicht, da aufgrund der gefilmten Tat von einem Teppichmesser als Tatwaffe gesprochen wurde.

Richterin Ute Körner zeigte sich über diese Beweisaufnahme sehr verwundert. Das mutmaßliche zweite Messer sei tatrelevant gewesen, in die Tathandlung eingebunden. Aufgrund der unklaren Spurensicherung war ein zweiter Verhandlungstag anberaumt worden.