Schwerer Schlag

Frauenklinik Rheinfelden stellt Insolvenzantrag

Ingrid Böhm-Jacob, aktualisiert am 29.8. um 18.30 Uhr

Von Ingrid Böhm-Jacob & aktualisiert am 29.8. um 18.30 Uhr

Di, 30. August 2011 um 04:50 Uhr

Rheinfelden

Die traditionsreiche private Frauenklinik Rheinfelden steht vor der Zahlungsunfähigkeit. Die Geschäftsleitung hat vor dem Amtsgericht Lörrach Insolvenzantrag gestellt. Dabei galt die Klinik als renommiertes Brustzentrum.

Die Frauenklinik steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Die sind inzwischen so groß, dass Holger Dieterich, der ärztliche Direktor und Geschäftsführer der renommierten Privatklinik am Montag für das 50 Betten-Haus und seine 120 Mitarbeiter Insolvenzantrag beim Amtsgericht Lörrach gestellt hat. Jetzt wird geprüft, ob es Möglichkeiten gibt, die Klinik aus der Krise zu führen. Ob das Haus Zukunft hat und in welcher Form, oder ob der Betrieb eingestellt werden muss, prüft auf Beschluss des Richters ein Insolvenzverwalter in Lörrach.

In 50 Jahren erblickten 24.000 Rheinfelder in dem traditionsreichen Haus am Rhein das Licht der Welt, das erst 2007 für 2,5 Millionen Euro erneuert und erweitert worden ist. Dass ausgerechnet die Geburtshilfe auf Ende Oktober eingestellt werden soll, weil sie inzwischen defizitär arbeitet, hat vor vier Wochen bereits für einiges öffentliches Aufsehen gesorgt, gehört die Geburtshilfe der Frauenklinik doch zur Geschichte der Stadt. Vor einem Monat wurde erstmals die Sorge laut, dass der medizinische Standort Schaden nehmen könnte.

Niethammer reagiert "entsetzt"

Dass das Haus, das seit drei Jahren auch als akademisches Lehrkrankenhaus zugelassen ist mit seinem Bereichen Gynäkologie, Brustzentrum, Rekonstruktionschirurgie, Beckenbodenzentrum und ambulante Operation aber so sehr in finanzielle Schieflage geraten könnte, dass es vor der Zahlungsunfähigkeit steht, löst nun einen Schock aus, nicht nur bei den politisch Verantwortlichen in der Stadt.

Oberbürgermeister Eberhard Niethammer, der am Montagmittag über den Insolvenzantrag ins Bild gesetzt wurde, reagierte "entsetzt". Dass eine solche Situation eintreten könne, habe ihn "vollkommen überrascht", erklärt er auf Anfrage der Badischen Zeitung. Doch das Stadtoberhaupt gibt sich nicht nur betroffen, sondern auch kämpferisch. "Ich gehe davon aus, dass es zu keiner Zerschlagung kommt". Er werde deshalb "alle Hebel in Bewegung setzen", damit die Frauenklinik in welcher Form auch immer der Stadt erhalten bleibe. "Die Rheinfelder Klinik darf nicht verloren gehen", auch wenn sich herausstellen sollte, dass sie möglicherweise in bestimmten Bereichen zu klein sei, um unter den Herausforderungen des Gesundheitswesen noch wirtschaftlich arbeiten zu können.

Niethammer setzt auf die Erfahrung des Insolvenzverwalters und erinnert daran, das es auch in Bad Säckingen und Waldshut mit der Eggberg- und Hegau-Klinik zu Lösungen gekommen sei, damit die Häuser weiter Bestand haben. Mit Blick auf das geplante Strahlenzentrum in der Güterstraße, für das sich die Frauenklinik bekanntlich bisher stark engagiert habe, will Niethammer ebenfalls nicht schwarz sehen. Vielmehr setzt er auf: "Jetzt erst recht". Ein Strahlenzentrum – der Spatenstich soll am 12. September erfolgen – könne sich seiner Meinung nach "umgekehrt auch sehr positiv für den weiteren Betrieb der Frauenklinik auswirken."

Hohe Patientenzufriedenheit – und hohe Kostensteigerungen

Klinikchef Holger Dieterich hat am Montagnachmittag in einer Pressemitteilung erklärt, dass er Insolvenzantrag für sämtliche Unternehmen der Frauenklinik Rheinfelden gestellt hat.

Obwohl es eine hohe Patientenzufriedenheit gebe, hohe fachärztliche Expertisen und "ein hervorragendes Renommee auch über die Landesgrenzen hinaus" für den Qualitätsstandard, begründet er die wirtschaftlichen Probleme unter anderem mit "hohen Kostensteigerungen", aber auch auf die Folgen der Gesundheitsreform spielen dabei ein Rolle. Die Klinikleitung weist außerdem darauf hin, dass sie "mit einer besonderen Wettbewerbssituation gegenüber der Schweiz" zu kämpfen habe. In jüngster Zeit sei zu beobachten, dass vermehrt deutsche Patienten sich in der Schweiz behandeln lassen.

Als erschwerend zu Buche schlage außerdem dass das "hohe Lohnniveau für für Ärzte und Mitarbeiter in der Schweiz sich auch auf das Lohn- und Gehaltsgefüge hier auswirke. Um gegenzusteuern habe die Frauenklinik deshalb bereits in jüngerer Vergangenheit versucht, mit Kliniken im Landkreis zusammen zu arbeiten. Alle Restrukturierungsüberlegungen aber"führten zu keinem nachhaltigen Ergebnis". Die schon vorgesehene Schließung der Geburtshilfe"konnte hieran nichts Grundsätzliches ändern.

Der Klinikbetrieb läuft nachdem der Insolvenzantrag gestellt ist, unverändert weiter. Die Mitarbeiter wurden dem Vernehmen nach am Montagnachmittag von der Geschäftsführung über die drohende Zahlungsunfähigkeit informiert. Die Klinik teilt außerdem mit, dass Chefarzt Holger Dieterich seine Patientinnen weiterhin in seinem Spezialgebiet Brustkrebs, Brustchirurgie und Rekonstruktionschirurgie weiterbehandelt. Dies aber in seiner Praxis in Rheinfelden, die wie es in der Mitteilung heißt "von der Frauenklinik unabhängig und daher von dem Insolvenzverfahren nicht betroffen ist".