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17. Juli 2017

Willkommen in der Werkstatt

Zwischen zwei Platten: Jesper Munk beim Zelt-Musik-Festival.

  1. Jesper Munk im Spiegelzelt Foto: Andrea Schiffner

Manchmal hilft nur die Flucht nach vorn. "Leider fehlt ein Mann", sagt Jesper Munk. Ein zweiter Gitarrist, um genau zu sein. Aber weil außer ihm am Samstag nur Schlagzeuger Clemens Finck von Finckenstein und Bassist Sasseh Söllner Bobo auf der Bühne des Spiegelzelts sind, muss es eben zu dritt gehen. "Wir müssen improvisieren. Ich hoffe, ihr seht es uns nach", sagt Munk – und stimmt dann Etta James’ Blues "I Rather Go Blind" an.

Willkommen in der Werkstatt eines Musikers zwischen zwei Platten. 2015 trat Munk schon mal beim ZMF in Freiburg auf. Damals war sein stilistisch nach allen Seiten offenes Album "Claim" vier Monate alt, die Songs neu und die Aufregung groß. Die Stimme eines alten Mannes, rostig, raspelnd, vom Schicksal gegerbt – aber vor dem Publikum stand ein Bürschchen mit 23 Jahren, das sein Leben noch vor sich hat und trotzdem E-Gitarre spielte wie einer, der schon eine Menge gesehen hat und all das in sein Spiel legt.

Seither sind zwei Jahre vergangen. In dem Alter eine Menge Zeit. Auch wenn Munk im Spiegelzelt, während er der Vorband Sind zuhört, von jungen Frauen um Autogramme und gemeinsame Fotos gebeten wird – der Hype hat sich gelegt. Als es dann losgeht, zeigt sich: Die vielen Konzerte seit der Veröffentlichung von "Claim" haben seinem Gesang gut getan. Die Stimme, die er auf der Bühne mit irischem Whiskey aus dem Bierbecher pflegt, ist ausdrucksstärker, sicherer geworden. Intuition plus Erfahrung – eine gute Kombination.

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Auch neue Einflüsse helfen weiter. Also ist der Münchner Munk mittlerweile in Berlin ansässig. Und hat dort einen Co-Produzenten für sein nächstes, für 2018 vorgesehenes Album gefunden. Robbie Moore ist Brite. Unter dem Namen Robot hat er angenehm exzentrischen, leicht spinnerten, an den Sechzigern geschulten Pop veröffentlicht. Ob und wie das wohl auf Munks Musik abfärbt, die bisher von den USA, von Blues, Soul, Folk und hyperaktivem Garagenrock geprägt war?

Während der 90 Minuten, des dramaturgisch nicht immer ganz geschickt aufgebauten Konzerts spielt er mehrere neue Songs. "Easier" zeugt erneut von seinem Verständnis von Dynamik. Eigentlich nur ein simples Motiv auf der Gitarre, mit viel Hall gespielt, entfesselt Munk dessen Energie in kurzen, energischen, dringlichen, krachenden Passagen.

Für die anderen Novitäten – "noch ’n halbfertiger Song", sagt er einmal – setzt er sich ans Keyboard und legt alles in diese Balladen. Jesper Munk kann Töne und Worte auskosten. Mittleres Tempo, langsame Nummern lassen diese Stärke besonders zur Geltung kommen. Ob die Songs so bleiben? Wie der Rest klingen wird? All das kann nach diesem Abend niemand sagen. Aber das passt ja auch zu einem Musiker, der zu den spannendsten seiner Generation gehört.

Autor: Peter Disch