Romantisches Hineingleiten in das Fest

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mi, 27. Dezember 2017

Klassik

Die Freiburger Camerata Vocale und ihr Leiter Winfried Toll läuteten mit Werken von Benjamin Britten und Camille Saint-Saëns das Weihnachtsfest ein.

Winfried Toll nennt sein Konzert am Vorabend zum 24. Dezember, als er sich am Ende ans Publikum im Freiburger Konzerthaus wendet, bescheiden einen "romantischen Spaziergang". Und das trifft die Aussage dieses Programms im doppelten Jubiläumsjahr der Camerata Vocale – 40 Jahre Bestehen, 30 Jahre Leitung Winfried Toll – eigentlich recht gut. Tatsächlich ermöglichen die beiden Werke des Abends ein romantisches Hineingleiten in das Fest, weniger offiziös, dafür eine Spur sentimentaler als bei den großen Weihnachtswerken des Barock.

Streng genommen ist Benjamin Brittens Cantata "Saint Nicolas" keine Weihnachtsmusik, sondern ein Gelegenheitswerk, verfasst zum 100. Jubiläum des Lancing College und uraufgeführt 1948 im Juni. Keine Advents- oder Weihnachtszeit und auch keine Romantik im Sinne der musikalischen Epoche. Aber natürlich passt das Opus über den durch den Nikolaustag eng mit der Adventszeit verbundenen Heiligen exzellent. Dazu ist diese Musik von einer solch spielerischen, liebenswerten Naivität, dass einem ganz warm werden muss ums Herz. Zum Beispiel gleich in dem fröhlichen Walzer, in dem Britten die "Geburt des Nikolaus" schildert. Oder bei der Tonmalerei, in der er ganz geschickt – fast schon didaktisch wie in seinem "Young Person’s Guide" – Blitze, Donner, Sturm und Meer heraufbeschwört und im Wechselgesang von Frauen- und Männerchor dramaturgisch steigert.

Eine Steilvorlage für die Camerata Vocale. Winfried Tolls Chor kann in diesem Programm mühelos seine herausragende Qualität unter Beweis stellen. Was für ein runder, homogener Gesamtklang, welch feine, durchsichtige Gestaltung des Kontrapunkts, zum Beispiel beim Fugato, mit dem Britten die Wahl Nikolaus‘ zum Bischof musikalisch krönt! Das Basler Kammerorchester ist dem in allem ein würdiger Partner, mit einem disziplinierten, nie aufdringlichen Streicherklang, den Britten mit Klavier, Orgel und Perkussion wirkungsvoll anreichert. Und Benjamin Hulett reüssiert mit der Tenorpartie, die Britten seinem Lebensgefährten Peter Pears auf den Leib geschrieben hat: obertonreich, ohne Druck, klar in Diktion und sensibel in der Gestaltung.

Auch bei Camille Saint-Saëns‘ Oratorio de Noël ist die solistische Besetzung herausragend (Siri Karoline Thornhill, Ulrike Malotta, Benjamin Hulett, Raimund Nolte); Ruth Sandhoff gestaltet das reflektierende "Expectans" mit großer Wärme. Winfried Toll gelingt mit seiner Interpretation das Kunststück, diese liebenswerte, herzerwärmende Musik an allen Verlockungen des Kitsches vorbeizuführen. Ein "romantischer Spaziergang" – direkt hinein in die "Stille Nacht", mit der die Jubilare ihren berührenden Abend ausklingen lassen.