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10. November 2017

Schiffbruch mit Zuhörern

Henzes "Floß der Medusa" – ein Freiburger SWR-Musikprojekt.

  1. Géricaults „Floß der Medusa“ hängt heute im Louvre in Paris. Foto: Privat

Selten sorgte ein Ereignis über so lange Zeit, auf so vielen Bühnen und aus so vielen Gründen für einen Skandal, wie der Untergang des Schiffes Medusa zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Der Rassismus und Chauvinismus, mit dem bestimmt wurde, wer ein Rettungsboot besteigen durfte und wer auf ein schnell gezimmertes Floß musste, sowie die erbärmlichen Verhältnisse auf diesem Floß, schockten die Zeitgenossen. Als Géricault drei Jahre darauf ein großes Gemälde mit einer Schiffbruchszene vorstellte, war gleich klar, dass er sich auf dieses Floß der Medusa bezog. Knapp 150 Jahre später griff der Komponist Hans Werner Henze das Thema wieder auf. Sein Dokumentar-Oratorium "Das Floß der Medusa" widmete er dem kurz zuvor ermordeten Revolutionär Che Guevara – im Studentenjahr ’68 eine rote Linie für das Bürgertum. Die Uraufführung endet in einer Katastrophe: Einige Musiker weigern sich, unter einer roten Fahne und einem Che-Plakat aufzutreten, andere sind dafür, das Publikum revoltiert, Studenten stimmen Sprechchöre an, die Polizei stürmt den Saal, der Librettist Ernst Schnabel wird von Beamten verprügelt, und schließlich wird das Konzert im allgemeinen Chaos für beendet erklärt, bevor es begonnen hat.

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Es ist also ein großes und ein turbulentes Erbe, das das SWR-Symphonieorchester antritt, wenn es Henzes "Floß der Medusa" am Mittwoch im Freiburger Konzerthaus und am Freitag in der Hamburger Elbphilharmonie zur Aufführung bringt. Doch soll das Werk nicht allein von vergangenen Skandalen zehren. Zahlreiche Floße treiben derzeit auf den Meeren, allen voran im Mittelmeer. Daher wagt das Orchester ein Experiment: Am Dienstag treten vier seiner Musiker gemeinsam mit Geflüchteten auf. "Wir wollen damit zu der Thematik hinführen", erklärt Michael Dinnebier, Violinist beim SWR-Symphonieorchester. "Es sollen Flüchtlinge zu Wort kommen und ihnen Musik von Komponisten an die Seite gestellt werden, die in einer ähnlichen Situation waren." Dinnebier hat dafür Béla Bartóks drittes und Emil František Burians viertes Streichquartett ausgesucht. Bartók floh 1940 nach Amerika und in Burians Quartett, das kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstand, sind seine Erfahrungen aus deutschen Konzentrationslagern aufgehoben. "Wenn man heute diese Musik hört", so Dinnebier, "und hört, was da für Gefühle drin sind, Sehnsüchte und Verzweiflung, was für eine Härte aber auch eine Erlösung, dann ist das für den Hörer unmittelbar nachvollziehbar. Das kann einen kalt erwischen."

Die Quartette sollen einen Teil des Abends bilden. Für den anderen Teil haben sich fünf Menschen zusammengefunden, die von ihren Fluchterfahrungen erzählen, aus dem Kosovo oder aus Gambia, vor einigen Monaten oder vor vielen Jahren. Der Stuttgarter Poetry-Slammer Nikita Gorbunov orchestriert die Darbietungen der fünf. "Wir wollen Geschichten herausschälen, die überraschend genug sind, um sich nicht in den öden Diskurs einzureihen", sagt der Regisseur. Die mythische Gestalt des Gambiers Kunta Kinte wird eine Rolle spielen, ebenso wie die Klänge der Oud. Nur in Betroffenheit soll der Abend nicht abrutschen. Das, so Gorbunov, wäre langweilig.

Musikalische Lesung: Di, 14.11., 20 Uhr, SWR-Studio, Kartäuserstr. 45, freier Eintritt, Anmeldung per Mail: studio.freiburg@swr.de

Oratorium: Mi, 15.11., 20 Uhr, Konzerthaus.

Autor: Manuel Fritsch