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19. Februar 2014

Altvertraute Märchenbilder entstaubt

Amme’s Märchenstunde.

  1. Märchenstunde mal etwas anders: Achim Amme bei seiner Lesung „Rotkäppchen & Co“. Foto: Frey

SCHOPFHEIM (ros). "Wollen wir etwas weniger Licht machen? Ist doch romantischer!" Also, Licht aus, nur ein Leselämpchen an, und schon herrscht geheimnisvolle Stimmung, die Achim Amme für seine Märchenstunde braucht. Der Hamburger Autor und Schauspieler war in der Regio Buchhandlung zu Gast, um unter dem Titel "Rotkäppchen & Co" Märchengeschichten der etwas anderen Art zu lesen.

Der Ringelnatz-Preisträger eröffnete seinen Abend mit weniger bekannten Texten aus der Sammlung der Grimm’schen Kinder- und Hausmärchen. Der Schwank "Das Bürle" handelt von einem armen Bauern, der es durch List zu Reichtum bringt. Mehr eine Parabel über Menschlichkeit und die Würde im Alter ist "Der alte Großvater und der Enkel" über einen alten Mann mit trüben Augen und zittrigen Händen. Schwarz, makaber und bitterböse wird es in der gruseligen Geschichte "Das eigensinnige Kind". Achim Amme trägt Geschichten nicht nur vor, er untermalt sie gestisch und mimisch, spricht mit variabler Erzählerstimme. Die Geschichte vom Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel erzählt er urig auf Plattdeutsch, so wie sie auch aufgeschrieben ist.

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Vom Original Grimm begab sich Amme dann auf moderneres Terrain, zu Janosch, der in eigenen Fassungen Märchen aufgegriffen hat. "Der faule Heinz" ist eines davon, es handelt vom arbeitsscheuen Heinz und seiner Braut, der ebenso faulen Nachbartochter Trine, die sich jedwede Arbeit, Anstrengung und unnötige Bewegung ersparen will. Damit sich die Zuhörer das Faulenzer-Paar richtig vorstellen können, legt Erzähler Achim Amme gemütlich die Beine auf den Tisch.

Der Autor hat auch eigene Märchen, Gedichte und Geschichten aus seinem Buch "Ammes Märchen" mitgebracht, von denen er einige mit augenzwinkernder Ironie, Sprachgefühl und schauspielerischem Einsatz vorträgt. Da eröffnen sich neue, auch schräge Märchenwelten voller Wortwitz und Wortspielereien. Besonders facettenreich waren die Rotkäppchen-Variationen verschiedenster Autoren, in denen Amme große stimmliche und darstellerische Wandlungsfähigkeit entfaltet. In der Fassung des Humoristen James Thurber wird aus Rotkäppchen ein Krimi. Eine Satire auf die Anglizismen ist die Rotkäppchen-Version, in der das Girl in Good Old Germany auf dem Weg zur kranken Granny einem Killertypen begegnet. Ganz anders die Fassung von Thaddäus Troll auf Amtsdeutsch. Da trifft eine hierorts wohnhafte Minderjährige auf einen Wolf ohne festen Wohnsitz, der sich wegen Mundraubs strafbar macht – eine köstliche Parodie auf die knochentrockene Behördensprache. Amme las das ebenso süffisant und pointiert wie die heiße Story "Rotkäppchen in der Szene", in der Rotkäppchen zur echt coolen Frau mit hennarot gefärbtem Haar wird, die "null Bock" auf Maloche hat, in eine Land-WG zieht und einem ausgeflippten Freak namens Wolfgang über den Weg läuft. In all diesen Rotkäppchen-Versionen werden vertraute Märchenbilder entstaubt und aufgemischt – ein abwechslungsreicher Märchenabend, mal lyrisch-hintergründig, mal witzig-humorvoll.

Autor: ros