Klassik im Krafft-Areal

Andrea Kauten: „Klavierlöwin“ beeindruckt

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Do, 28. Juni 2018

Schopfheim

Andrea Kauten gab in der Kammermusikreihe "Klassik im Krafft-Areal" ein großartiges Solorecital.

SCHOPFHEIM-FAHRNAU. Während die Fußballfans dem WM-Spiel Deutschland gegen Schweden entgegenfieberten, zog es die Klavierfreunde in die ehemalige Schuhfabrik Krafft in Fahrnau: Dort gab die Pianistin Andrea Kauten, seit zwölf Jahren künstlerische Leiterin der Kammermusikreihe "Klassik im Krafft-Areal", ein großartiges Solorecital mit zwei gewichtigen Klavierzyklen von Chopin und Rachmaninow.

An den Anfang ihres Programms hatte Andrea Kauten ein selten aufgeführtes Werk gesetzt, das es wert ist, weitaus bekannter zu werden: die Passacaglia und Fuge d-Moll der Basler Pianistin und Komponistin Marguerite Alioth. Für diese Komposition wurde die Musikerin, die in Basel und Paris studierte, in den 1920er-Jahren Orchester im Raum Basel dirigierte und sich für das Frauenstimmrecht einsetzte, 1933 mit einem internationalen Preis des Lyceum-Clubs ausgezeichnet. Umso begrüßenswerter, dass sich nun Andrea Kauten dieser in Vergessenheit geratenen imponierenden Komposition angenommen hat, deren Noten in der Paul-Sacher-Stiftung aufbewahrt sind. In ihrer Interpretation mit kräftigem Anschlag, kraftvollem Klang und flüssigem Spiel in der Passacaglia und transparent aufgebauter Fuge rückte die Pianistin dieses Werk ins gebührende Licht.

Ganz in ihrer Welt war Kauten als Spezialistin für das romantische Repertoire in Chopins 24 Préludes op. 28. Ungemein expressiv und differenziert in den Kontrasten, Stimmungen und Ausdrucksfacetten leuchtete sie diese Charakterstücke aus und behielt gleichwohl das große Ganze in diesem Chopinschen Klangkosmos im Auge. Spieltechnisch überragend, manuell glänzend und gestalterisch ausgefeilt hob Kauten diese Miniaturen in faszinierendem Farbenreichtum aus den Tasten. Kraftvolle Expressivität, Klangfülle, leidenschaftlicher Zugriff und virtuoser Schwung prägte ihre Interpretation. Lebhaft, fließend, von motorischer Dynamik und mächtiger Klangwucht war ihr Spiel in den Vivace-Stücken. Im aufgewühlten "Presto con fuoco" oder "Molto agitato" entfesselte Kauten enorme Leidenschaftlichkeit, Feuer und Glut, ein stürmisches Drängen. Dann wieder klang ihr Chopin träumerisch, lyrisch, voller Klangpoesie, tiefgründig in den Moll-Préludes, geheimnisvoll dunkel im Largo. Kauten weiß jedes Prélude wie einen Mikrokosmos auszuleuchten. Im Schluss-Prelude "Allegro appassionato" lädt sie ihr Chopinspiel fulminant mit kraftvoll-dramatischem Zugriff und Verve auf.

Nach der Pause beeindruckte Andrea Kauten in Rachmaninows "Six Moments musicaux" mit wunderbarer Klangsinnlichkeit, Eindringlichkeit und Expressivität. Bravourös in der technischen Beherrschung und in der üppigen Klangentfaltung brachte sie diese sechs Stücke zum Leuchten. Das Andantino spielte sie fein ausgehört, äußerst geschmeidig in der Fingertechnik. Im Andante Cantabile und im Adagio entfaltete sie die kantablen Themen sehr gefühlvoll. Immer wieder in diesen Moments musicaux, etwa im Presto oder im Schluss-Maestoso, trumpfte die Pianistin in grandioser Virtuosenmanier im Stil einer temperamentvollen "Klavierlöwin" auf, mit geballter Kraftfülle und energischer, vitaler Geste und mitreißender, ausschwingender Mächtigkeit des Klangs. Wie Andrea Kauten sowohl bei Chopin als auch bei Rachmaninow überwältigendes Virtuosentemperament, emotional intensive Gestaltungskraft und lyrisches Feingefühl verband, löste bei den Zuhörern Beifallsstürme aus. Auch wenn in der Tonhalle – vielleicht auch wegen "König Fußball" – dieses Mal nicht alle Reihen voll besetzt waren, zog Kautens brillantes Spiel das Publikum in Bann. Für den starken Beifall bedankte sich die Pianistin mit Liszts "Liebestraum".