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17. April 2017 20:06 Uhr

Jobmotor-Siegerporträt (4)

Schopfheimer Autohaus Böhler: Erst marode jetzt im Aufschwung

Volles Risiko für den Erfolg: Das Ehepaar Böhler hat ein marodes Geschäft in Schopfheim saniert und führt die Familienhistorie fort. Jetzt hat das Autohaus beim BZ-Jobmotor den ersten Preis geholt.

  1. Das Unternehmerehepaar aus dem Wiesental Foto: Thomas Kunz

Welche Firma hat in Südbaden die meisten Stellen geschaffen? Wer bindet seine Mitarbeiter am besten an den Betrieb? Beim Wettbewerb Jobmotor haben die Badische Zeitung und ihre Partner außergewöhnliche Firmen ausgezeichnet. In einer Serie stellt die BZ die Gewinner vor. Das Schopfheimer Autohaus Böhler gewann den ersten Preis in der Kategorie Arbeitsplätze für Firmen mit bis zu 20 Beschäftigten.

Als Michael Böhler und seine Ehefrau Manuela Böhler-Szmerlowski 2010 das Autohaus in Schopfheim übernahmen, bröckelte von der Fassade der Putz ab, und nicht einmal das Markenlogo von Opel war in tadellosem Zustand. Michael Böhler (48) zeigt Fotos von damals und schüttelt den Kopf. "Völlig runtergewirtschaftet. Dass man so kein Geschäft machen kann, sieht jeder auf den ersten Blick." Bis heute habe Böhler 600.000 Euro investiert, sagt er, die ersten 12.000 Euro gab er aus, um die Toiletten in der Werkstatt wieder in Betrieb zu setzen.

Volles Risiko für den Erfolg

Aus einem sterbenden Laden wurde ein lebendiger. Dabei geht der Geschäftsmann volles Risiko. Als Eingetragener Kaufmann (e.k.) haftet er auch mit seinem Privatvermögen, falls es schiefläuft. "No risk, no fun", sagt er dazu trocken.

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Das Autohaus Böhler hat eine gewisse Tradition in Schopfheim. Michael Böhlers Vater war von Anfang an, seit 1981, mit dabei – gemeinsam mit einem Händler aus Lörrach. 2001 aber kam es zur Insolvenz. Ein Schweizer Investor übernahm das Geschäft. Der habe aber kaum investiert, sagt Böhler, der Abwärtstrend sei weitergegangen, und der Investor habe bald die Lust an seinem südbadischen Engagement verloren.

Vater hat die Übernahme durch den Sohn noch erlebt

Michael Böhler hat von 1985 an Kfz-Mechaniker gelernt, kam 1987 in den väterlichen Betrieb, wurde Groß- und Außenhandelskaufmann. Später zog er weiter, arbeitete in einem BMW-Autohaus als angestellter Geschäftsführer. Dann trat er in die Fußstapfen des Vaters, übernahm dessen einstiges Autohaus, wagte den Schritt ins Unternehmertum – mit 40 Jahren.

Der Name seines Vaters habe dem gebürtigen Schopfheimer bei den Verhandlungen mit der Bank geholfen, um die Investitionen finanzieren zu können, erzählt Böhler – auch, dass er bis 2012, als sein Vater schon schwer krank war, acht Jahre für die CDU im Gemeinderat gesessen habe. Der Vater hat die Übernahme des alten Autohauses durch seinen Sohn noch erlebt. "Da war er selig."

Knallharter Verdrängungswettbewerb

Böhler übernahm das Geschäft mit acht Mitarbeitern, heute sind es 20, davon zwei in Teilzeit und vier Auszubildende. Zwei der Mechaniker sind schon seit vier Jahrzehnten im Betrieb. Das Unternehmen ist nicht tarifgebunden, orientiert sich aber bei der Entlohnung am Flächentarif des Kfz-Gewerbes, wobei die Wochenarbeitszeit 40 statt 37 Stunden beträgt. Einen Betriebsrat gibt es nicht. "Ich würde mich sowohl über die Tarifbindung als auch die Gründung eines Betriebsrates freuen und bis zu einem Gespräch gern bereit", sagt Thomas Wamsler von der IG Metall.

Böhler spricht von einem knallharten Verdrängungswettbewerb in einer Branche, die insgesamt nicht mehr wachse. Das Internet mache den Händlern schwer zu schaffen. Aber jammern nütze nichts, man müsse sich darauf einstellen und Ideen haben, meint Böhler-Szmerlowski.

Das sehen auch die Branchenkenner von der Beratungsfirma McKinsey so. Ihre Schlussfolgerung aus einer Befragung von 4500 Autokäufern in verschiedenen Ländern: "Der klassische Autohandel ist durch Onlineangebote unter Druck." Auch deshalb wiesen deutsche Händler eine Umsatzrendite von nur noch knapp über einem Prozent aus. Und ihre Zahl sei zwischen 2006 und 2013 um ein Fünftel auf 13.300 zurückgegangen. Dennoch: Der stationäre Händler werde "seine zentrale Rolle auch in Zukunft behalten, sofern er sich den veränderten Kundenwünschen anpasst", so McKinsey. Zwar informierten sich Autokäufer zunehmend im Internet, aber vier von Fünfen wollten "auf die Probefahrt und damit den Besuch beim Händler vor der finalen Kaufentscheidung nicht verzichten". Auch bei der Beratungsfirma PwC betont man: "Nachteile des Onlineeinkaufs sind ein höher wahrgenommenes Risiko und ein fehlendes Einkaufserlebnis. Für Händler gilt: kein erfolgreicher Online-Vertrieb ohne stationären Vertrieb."

Wandel auch im Werkstattbetrieb

Mit mehr Beratung, mit mehr Service wollen auch die Böhlers ihre Kunden an sich binden. Einen eigenen Abschleppwagen werden sie in den kommenden Wochen anschaffen, um im Fall einer Panne einen Hol- und Bringdienst anzubieten. "Gerade gewerbliche Kunden wollen sich um nichts kümmern, wenn mal ein Auto stehenbleibt. Wir wollen ihnen ein Rund-um-Sorglos-Paket bieten", sagt sie.

Etwa sechs Millionen Euro Umsatz erwirtschaften die Böhlers im Jahr, 300 Autos verkaufen sie, 2000 Kunden kommen regelmäßig in die Werkstatt, davon etwa 50 aus der Schweiz, auch der niedrigeren Arbeitskosten im nahen Deutschland wegen.

Nicht nur beim Autokauf, auch in der Werkstatt zeige sich, sagt Michael Böhler, wie sich das Verhalten der Kunden über die Jahrzehnte verändert habe. "Früher kamen die Kunden ständig zur Durchsicht. Die Wertschätzung für das Auto war viel größer. Heute kommen sie nur noch, wenn sie müssen. Sie müssen den Leuten hinterhertelefonieren, dass eine Durchsicht fällig ist." Die Folge: In der Werkstatt arbeiten heute fünf Mitarbeiter weniger als vor zwei Jahrzehnten.

Kommt eine dritte Marke hinzu?

Um bekannt zu bleiben, organisiert das Ehepaar auch Modenschauen und Tanzabende in dem vergleichsweise großen Autohaus, das auf einem Grundstück von der Fläche eines Fußballplatzes steht. Die Böhlers setzen auf einen Mietwagenservice und denken darüber nach, eine dritte Marke hinzuzunehmen. Bislang sind sie Vertragshändler von Opel und Suzuki.

Den Eigentümerwechsel Opels vom US-Konzern General Motors (GM) zum französischen Autobauer PSA Peugeot-Citroën sehen die beiden mit einigem Optimismus. "GM hat Europa nie richtig verstanden", meint Böhler. Außerdem bringe Opel in diesem Jahr sieben neue Modelle heraus. Das mache Mut.

Da die beiden keine Kinder haben, wollen sie einen jungen Mitarbeiter Ende 20 langfristig als denjenigen aufbauen, der den Betrieb einmal fortführen soll – "falls der auch in ein paar Jahren noch Lust dazu hat", sagt Böhler. Sie wollen ihm die Ausbildung zum Kraftfahrzeugbetriebswirt auf einer betriebswirtschaftlichen Fachschule bezahlen – möglicherweise im Fernstudium. "Man muss jungen Leuten im Wiesental schon etwas bieten, damit sie bleiben", sagt Böhler. "Sonst gehen sie in die Schweiz oder woandershin zum Studieren. Wenn unser Betrieb Zukunft haben soll, brauchen wir gute Leute."

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Autor: Ronny Gert Bürckholdt