Von April bis Oktober ging es barfuß in die Schule

Babette Staiger

Von Babette Staiger

Di, 04. September 2018

Schuttertal

IM PORTRÄT: Johann Bauer erzählt über seine Kindheit und eine längst vergangene bäuerliche Lebenswelt.

SCHUTTERTAL-SCHWEIGHAUSEN. "Wir haben halt gute Luft hier", sagt Johann Bauer, als er auf sein taufrisches Äußeres angesprochen wird. Drahtig, zierlich, hellwach tritt der Schweighausener, der heute seinen 90. Geburtstag feiert, beim Gespräch auf. Und für die Fotografin hat er schon eine Idee für ein Motiv: Er holt seine Ziehharmonika hervor und spielt in der Küche des kleinen Eigenheims ein paar Takte Hausmusik.

Musik macht ihm bis heute Spaß. Jahrzehntelang hat er im Musikverein gespielt. Zwar klappt es nicht mehr so recht mit dem Fahrradfahren, das Dorf liegt halt am Berg, aber Auto fährt er noch. Zuhause steht der Heimtrainer. Ein wichtiger Grund für Bauers anhaltende Lebensfreude ist sicher seine Frau Rosa, die bei ihm auf der Küchenbank sitzt, eineinhalb Jahre älter als er, und mit Schalk blitzenden Augen über ihre Ehe sagt: "Ha ja, das hat bis jetzt gehalten und das hat man nicht gleich gedacht."

Die beiden heirateten nämlich erst, als das erste Kind schon da war. Da gab es natürlich viel Geschwätz im Dorf, wissen beide und lachen heute darüber. Vier Kinder haben sie und fünf Enkel. Sie sind umsorgt. Johann Bauer verschweigt auch nicht, dass er zu jener Generation gehört, die noch ein ziemlich hartes Leben im Bergdorf hatte. Eigentlich kommt er ja vom Geisberg, genauer vom Hummel-Bauer-Hof. Ein Doppelname? Es war durchaus üblich, erklärt Bauer, dass zwei nicht verwandte Familien sich einen Hof teilten. Und das schon seit mehr als einer Generation, als Bauer zur Welt kommt – Hausgeburt, versteht sich. Es folgen fünf Brüder und drei Schwestern, eine überlebt das Kleinkindalter nicht. "Das hat es halt oft gegeben damals."

Dass die Kinder früh in der Landwirtschaft mithalfen und von April bis Oktober barfuß eine halbe Stunde in die Volksschule wanderten, war normal. Wegen der Schuhe konnte auch nicht jedes Kind sonntags mit in die Kirche – es hatten nicht alle welche. Zu den Mahlzeiten teilten sich die Familien eine Stube – jede hatte ihren eigenen Tisch. Die Familien wechselten sich halbjährlich mit der Pflege des Viehs ab, gingen gemeinsam im Winter Holz machen (und zwar ohne Motorsäge) und teilten sich den Erlös aus dem Viehverkauf. Für den Eigenbedarf schlachtete man Schweine. Das reichte so zum Durchkommen. Als ältester Sohn konnte Johann die Hofhälfte nicht übernehmen – es erbte der jüngste Sohn. Also musste er sich umsehen. In Schweighausen bekam er eine Lehrstelle als Huf- und Wagenschmied. "Die Traktoren, das kam erst so in den 1950ern", erinnert er sich. Über den Krieg redet er nicht gerne. Er wurde zum Arbeitsdienst nach Bayern eingezogen. Die Erinnerungen sind dünn: "Die haben uns mit dem Spaten rumgescheucht."

Nach dem Krieg kam der technische Wandel, und wieder heimgekehrt wandelte sich Johann Bauer vom Schmied zum Metallfacharbeiter. Bei einem Unternehmen in Lahr arbeitete er bis zur Rente. Das ist wohl auch die glücklichere Zeit für ihn, denn da baute er sich gemeinsam mit Rosa ein Leben auf. Zufrieden blickt er auf sein Leben. Heute steht der Kaffeetisch für einen kleinen Empfang bereit. Am Samstag geht es in die "Krone" zum Feiern – 50 Gäste sind geladen.

Zur Person: Johann Bauer ist am 4. September 1928 geboren. Er war gelernter Schmied, nach dem Krieg wurde er Metallfacharbeiter in der Industrie.