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08. Juli 2009 19:09 Uhr

Landwirtschaft

Auf Äckern wachsen Bäume – der Pellets wegen

Das ist neu: Baden-württembergische Bauern bauen Bäume auf ihren Äckern an. Wälder wollen sie allerdings keine züchten. Das Zauberwort heißt: Pellets.

  1. Wird das Holz für diese Pellets bald auch am Oberrhein angebaut? Foto: dpa

  2. Die Weide produziert nicht nur Weidekätzchen, sondern auch Holz. Foto: Siegfried Gollrad

  3. Weiden auf dem Acker: Rainer Weber in seinem Feld im Markgräflerland. Die vorderste Reihe Weiden hat der Landwirt dieses Jahr gepflanzt, im nächsten erntet er erstmals für seine Hackschnitzelanlage. Foto: simone höhl

  4. Holzpellets – ein wertvoller Brennstoff. Foto: ddp

Die Landwirte wollen so eine alternative Einkommens- und Energiequelle erschließen; das Land unterstützt sie mit einem Forschungsprojekt. Die ersten Bäume wachsen schon – auch auf Feldern in der Region.

Das Projekt mit dem schnell wachsenden Turbo-Wald auf dem Acker ist für viele Seiten interessant: Für den Umweltschutz, weil mit ihm das Klima geschont werden kann, für Landwirte, weil sie damit rechnen müssen, dass sie bald weniger EU-Subventionen bekommen, und für Verbraucher, weil sie mehr für Öl und Gas zahlen, das immer weniger wird.

Bis 2020 soll der Anteil der erneuerbaren Energie im Land auf 20 Prozent steigen. Der Brennstoff Holz hat eine saubere Bilanz, es bindet beim Wachsen so viel CO2 wie es beim Verbrennen abgibt.

DIE ANBAU-IDEE STAMMT AUS DEM MITTELALTER

Auf 150 Hektar in Baden-Württemberg wurden deshalb Bäume für das Projekt "Biomasse aus Kurzumtrieb" gepflanzt. Umtrieb ist die Zeit zwischen Pflanzen und Ernten. Während das im Wald 100 bis 200 Jahre dauert, sollen die umtriebigen Bauern ihre Bäume auf dem Acker bereits nach drei bis fünf kappen. Sie setzten schnell wachsende Pappeln, Weiden und Chinaschilf – dicht an dicht wie andere Ackerpflanzen.

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"Das Charmante ist, dass ich einmal investiere und mehrfach ernte", sagt Frank Brodbeck von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Freiburg, die das Projekt mit dem Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg (LTZ) koordiniert. Die Baumstümpfe treiben wieder aus. Das klappt auch auf weniger guten Böden und 20 Jahre lang, dann ist der Stock erschöpft. Das Feld kann jederzeit rekultiviert werden.

Die Idee ist nicht ganz neu. Ein Vorläufer ist der mittelalterliche Niederwald, erklärt Jürgen Recknagel von der LTZ-Außenstelle Müllheim. Bäume im Wald wurden alle 10 bis 20 Jahre geerntet, meist für Brennholz. Und die Ölkrise in den 1970ern warf die Frage auf, was passiert, wenn die Quelle versiegt. "Da gab es auf landeseigenen Flächen von Justizvollzugsanstalten Versuche mit Kurzumtriebshölzern." Als die Frage wieder aktuell wurde und einige Landwirte bei den Forst- und Agrarinstitutionen nach Informationen fragten, stellten die fest, dass es nur wenig Praxiserfahrung im Südwesten gibt. Das Projekt, das sie Ende 2008 vorstellten, dient nun der Forschung und der Beratung der Bauern. Bis 2012 stellt das Land dafür 400.000 Euro bereit. Untersucht wird beispielsweise, welche Arten und Sorten für die unterschiedlichen Standorte am besten geeignet sind. Der Schwarzwald etwa ist fürs Schilf zu kalt, das Rheintal dagegen optimal.

Andernorts ist man weiter: In Skandinavien läuft der Kurzumtrieb großflächig, sagt Recknagel, "die einschlägige Industrie wird schon tätig, bei uns ist das noch mittelständisch". 40 Betriebe nehmen im Land am Projekt teil, darunter ein Pelletshersteller und ein kleinerer Energieversorger in Nordbaden. Allen musste klar sein, was aus der Biomasse wird – Hackschnitzel oder Pellets, Spanplatten oder Papier oder alles zusammen.

ZEHN SÜDBADISCHE LANDWIRTE MACHEN MIT

Rainer Weber will damit Wärme produzieren. Der 32-jährige Landwirt aus Buggingen ist einer von zehn Teilnehmern in Südbaden. "Das ist mal was anderes", sagt er gut gelaunt. Vor drei Jahren bepflanzte er an der B 3 den ersten Hektar einer stillgelegten Fläche mit Weiden, da war das Projekt lange nicht am Start. Heute ist der dritte Jahrgang angewachsen. "Das Thema beschäftigt mich seit der Lehrzeit", so Weber. Auch er hat schließlich mehr Informationen, etwa beim LTZ, gesucht.

Auslöser war die Umstrukturierung seines Hofes: Die Viehwirtschaft sei nicht mehr rentabel, die Geruchsbelästigung mitten im Ort schwierig gewesen. Heute baut er Wein und Mais an – und Weiden, was auch auf Unverständnis stößt. "Da wird man schon mal gefragt, ob man noch ganz normal ist", erzählt Rainer Weber und gibt zu: "Kurzfristig gesehen ist das betriebswirtschaftlich nicht das Optimum." Aber mittlerweile hat er eine Hackschnitzelanlage und versorgt und drei Nachbarhäuser mit Wärme. "Das will ich ausbauen", sagt Weber und schaut zufrieden auf sein Feld, auf dem Energie wächst. Nächstes Jahr erntet er den ersten Teil.

Autor: Simone Höhl