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10. Juli 2009 19:03 Uhr
Lärm-Debatte
Meinung: Mehr Ruhe? Nein, mehr Toleranz!
Wer in Städten lebt, muss mit einem gewissen Lärmpegel leben, findet BZ-Redakteurin Laetitia Obergföll. Viele Freiburger, die sich über den Lärm von Autos, Kindern und Jugendlichen beschweren, dürften da widersprechen. Was meinen Sie?
Es ist Sommer! Die Zeit der Straßenfeste, Hocks und Open-air-Konzerte. Überall wird gegrillt, die Freisitze der Cocktailbars sind voll. Endlich findet das Leben – so es nicht gerade regnet – draußen statt, denken die einen. Doch was für sie Genuss pur ist, ist anderen ein Graus. Beschwerden über Lärmbelästigung haben jetzt Hochkonjunktur. Und sie nehmen ständig zu. Schnell wird nach Polizei und Ordnungsamt gerufen. Schnell wird "der Jugend", die ja ohnehin zu viel trinke, der schwarze Peter zugeschoben. Die wiederum macht pauschal "die Spießer" aus, die ihnen ja nur das Feiern verderben wollten. Lärmbelästigung geht an die Nerven – entsprechend emotional wird über die Schuldfrage gestritten. Auf beiden Seiten.
Lärm gilt heute als Umweltverschmutzer Nummer eins. Vor allem Straßen-, Flug- und Schienenlärm belasten viele Menschen massiv. Dagegen helfen oft weder Schallschutzfenster noch Ohrstöpsel. Hier sind technische Ideen gefragt. Es gibt aber auch jene andere Sorte des Lärms, die das Zusammenleben beeinträchtigt. Eine Umfrage des Umweltbundesamtes hat ergeben, dass nach dem Straßenlärm vor allem Geräusche aus der Nachbarschaft für viele äußest störend sind.
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PULSIERENDES LEBEN? AUCH DAS IST LEBENSQUALITÄT
Das gilt für Anwohner von städtischen Plätzen genauso wie für diejenigen, die neben Kinderspielplätzen wohnen. Andere schlafen direkt an Straßen, die als Heimweg von Diskotheken genutzt werden, oder beklagen sich über das Wummern riesiger Lautsprecheranlagen diverser Freiluftkonzerte. Lärm nervt und kann sogar krank machen. Doch dass so viele Lärmgeplagte immer gleich nach dem Ordnungsamt rufen, nervt auch. Denn wer in einem dicht besiedelten Gebiet wohnt, kann kaum erwarten, dass er – gerade am Wochenende – sein Haupt in völliger Stille zur Ruhe betten kann. Wer in der Stadt lebt, muss auch mit Lärm leben. Schließlich wusste er beim Einzug zumeist, worauf er sich eingelassen hat. Eine Stadt ist lebendig, sie verändert sich ständig, und gerade im Sommer pulsiert hier das Leben. Auch das macht Lebensqualität aus.
Im Urlaub in südlichen Ländern genießen die allermeisten von uns, dass auch spät abends auf den Straßen noch Trubel herrscht. Dort spielen kleine Kinder oft bis in die Nacht, während die Erwachsenen die lauen Nächte genießen. Für uns ist das Urlaub. Deshalb vergessen wir gern, dass auch dort Menschen leben, die am nächsten Morgen früh raus und zur Arbeit müssen .
Lärm ist ein Alltagsproblem. Gerade deshalb werden wir von Jahr zu Jahr empfindlicher. Wenn man nicht gerade im tiefen Wald spaziert, wird man heute überall von Lärm verfolgt. Die Dauerberieselung in Kaufhäusern, Aufzügen oder Büros oder auch allgegenwärtige Handy-Klingeltöne bleiben nicht ohne Folgen: Die Toleranzschwelle sinkt. Außerdem erhöht der Arbeitsstress im Berufsleben unser Bedürfnis nach Stille. Das erschwert den Dialog zwischen Ruhesuchenden und Lärmverursachern.
TOLERANZ IST DAS ZAUBERWORT
Doch letztlich ist eben dieser unausweichlich. Denn eine einfache Lösung gibt es nicht. Aber ein Zauberwort: Toleranz. Auch wenn es rechtliche Vorgaben gibt, Lärm wird immer subjektiv empfunden. So kann es für manchen nichts Schöneres geben, als das Geplapper spielender Kinder; andere nehmen dies als Gekreische wahr. Genauso merken manche Nachtschwärmer schlicht nicht, wie laut ihr Gegröle wirklich ist. Deshalb greifen Verbote und hartes Durchgreifen zu kurz. Das Einzige, was das Zusammenleben auf engem Raum letztlich für alle erträglich macht, ist Verständnis von beiden Seiten.
Vielerorts bitten die verfeindeten Parteien zum Gespräch. Und merken, dass manchmal schon ein kleiner Schritt genügt, um "die Spießer" und "die Nachtschwärmer" zu versöhnen. Auch haben Eltern Verantwortung für ihre Kinder: Jugendlichen beizubringen, was Rücksichtnahme bedeutet, war noch selten von Schaden. Dazu bedarf es freilich eines gewissen elterlichen Vorbilds.
Toleranz ist ein Anfang, kein Allheilmittel. Es wird immer Menschen geben, die keinen Bock auf Rücksicht haben. In einer Stadt muss man damit manchmal leben – und schließlich geht der Sommer vorüber. Wer es gar nicht will, sollte vielleicht über den Umzug in eine ruhigere Wohngegend nachdenken. Denn ein Magengeschwür aus Ärger ist mindestens so gefährlich wie ein hoher Lärmpegel.
- Freiburg, Wiehre: Anwohner klagen über Kinderlärm
- Freiburg, Augustinerplatz: Feuer und Bierflaschen gegen die Säule der Toleranz
Autor: Laetitia Obergföll
