Spielfreude und Feingefühl

Joss Reinicke

Von Joss Reinicke

Mo, 16. Juli 2018

Klassik

Freiburg: Das Akademische Orchester im Konzerthaus.

Waren sie vielleicht Gleichgesinnte – Carl Nielsen und Jean Sibelius, der Däne und der Finne? Ihre und die Werke des aus Ungarn stammenden Béla Bartók brachte das Akademische Orchester der Albert-Ludwigs-Universität jetzt auf die Bühne, bei seinem sommerlichen Konzert zum Semesterende. Alle drei verehrt als die Nationalkomponisten ihres Landes, alle drei an der Schwelle des ja katastrophenreichen 20. Jahrhunderts, als die Debatte um Musik und Identität entfachte: "Nichts ruiniert die Kunst mehr als Nationalismus und formalisierte Religion" – so ließ sich warnend Carl Nielsen vernehmen.

Dessen Klarinettenkonzert erklang im Konzerthaus Freiburg nach Béla Bartóks Tanzsuite. Als Solist war dabei Kilian Herold aufgeboten, Professor an der Freiburger Musikhochschule und ehemaliger Soloklarinettist des SWR-Orchesters. Mit großem Ausdruck führte er durch Nielsens verzweigte Klangdramaturgie, ständig mit dem Orchester interagierend, mal zu den ersten Geigen gerichtet, dann mit dem Dirigenten Joonas Piktänen die Temponuancen gestaltend. Feinfühlig auch die Zugabe, bei der Kilian Herolds fesselnder Ton die Grenze zwischen Klang und Stille nahezu auflöste.

Eine Musik mit finnischem Stolz

Es folgte Jean Sibelius’ zweite Sinfonie, geschrieben um 1900, im russisch besetzten Finnland, deshalb auch "Sinfonie der Unabhängigkeit" genannt. Die nordischen Melodien in sinfonisch-orchestraler Landschaft dirigiert der Finne Piktänen mit Hingabe. Im Finale kulminieren Pauken, Streicher und Holzbläser, eine mächtige Klangfläche ausbreitend. Darüber ertönt von Trompeten, Posaunen und Tuba eine wuchtige überzeitlich triumphierende Fanfare. Finnischer Stolz in Zeiten der Unterdrückung?

Sibelius selbst hat sich darüber nie geäußert. Carl Nielsen allerdings sehr wohl: "Patriotismus ist der letzte Ausweg des Schurken". Ob Nielsen und Sibelius gleicher Meinung waren oder nicht – das Studentenorchester bewies, trotz hörbarer technischer Herausforderungen, Spielfreude und gestaltete drei Interpretationen auf hohem Niveau. Dass man kein Däne sein muss, um Nielsens Musik schätzen zu können, das sagte er schon selbst: "Wird die Musik national – ja, dann kommt das daher, dass diejenigen, die sie im Geist aufnehmen, sie national machen."