VfL Bochum

Ein großes Stück SC Freiburg im Ruhrpott

Michael Dörfler

Von Michael Dörfler

So, 15. April 2018 um 23:52 Uhr

SC Freiburg

Robin Dutt, einst Aufstiegstrainer des SC Freiburg, und sein Co. Heiko Butscher haben beim Zweitligisten VfL Bochum wieder zueinander gefunden.

BOCHUM. Robin Dutt hat den Besuch in den VIP-Bereich des Ruhrstadions geladen. Durch die Scheiben hoch oben auf der Haupttribüne fällt der Blick auf das satte Grün und die leeren Ränge der rund 28 000 Zuschauer fassenden Arena. "Da steckt eine Menge Freiburg drin", sagt der aktuelle Coach des Zweitligisten VfL Bochum und macht eine großzügige Handbewegung über das Stadion hinweg.

Tatsächlich ist die Assoziation mit dem Schwarzwaldstadion nicht von der Hand zu weisen. Dutt, dessen Mutter aus dem Hochschwarzwald stammt und der in der Nähe von Stuttgart aufgewachsen ist, saß einst auch auf der Bank des SC Freiburg. Vier Jahre lang, zwischen 2007 und 2011 war er im Breisgau tätig. Als Nachfolger von Volker Finke führte er die Badener nach zwei Jahren in der zweiten Liga im Sommer 2009 zurück in die Bundesliga. Den 14. und neunten Rang erreichte er damals mit dem Sportclub in der höchsten deutschen Liga "Es war eine schöne Zeit für mich", erinnert er sich.

Eine Spielzeit länger als Dutt hat Heiko Butscher das Wappen des SC Freiburg auf seinen Sportklamotten getragen. Der Allgäumer kam 2007 vom VfL Bochum an die Dreisam, wo er sogar zum Kapitän der Mannschaft avisierte – bis er nach Unstimmigkeiten zur Winterpause 2011/12 aussortiert wurde. Jetzt hat das Duo in Bochum wieder zueinander gefunden. Der mittlerweile 37 Jahre alte Butscher agiert bei seinem früheren Klub als Dutts Co.-Trainer. Es vergehe kaum ein Tag, versichern die Beiden, "dass der Name Freiburg nicht in irgendwelchen Gesprächen fällt". Das Erlebte im Breisgau verbindet.

Für Dutt, der die sehr zurückhaltend in die Saison gestarteten Bochumer am 12. Februar auf dem zwölften Tabellenplatz übernahm, ist es an seiner neuen Wirkungsstätte bislang ganz gut gelaufen. Platz sieben steht derzeit in der Tabelle zu Buche, was die Superoptimisten rings ums Ruhrstadion schon zum Träumen anregt. Wieder hoch in die Bundesliga, die ganze Stadt scheint die Daumen zu drücken.

Der Frage nach dem rechnerisch noch möglichen Aufstieg begegnet Dutt mit großer Zurückhaltung. Finanziell ist der VfL kein Krösus. Möchte man aber aus dem übergroßen Schatten der benachbarten Schalker und Dortmunder heraustreten, sind Investitionen in die Infrastruktur ebenso notwendig wie in den Spielerkader. "So etwas muss man schon ganz genau planen", sagt Dutt. Will heißen: Vielleicht später mal. Derzeit fühlen sich er und auch Butscher in der zweiten Liga "ganz gut aufgehoben".

Eine Achterbahnfahrt durch die Fußballbranche

Dutt, mittlerweile 53 Jahre alt, ist sehr dankbar, überhaupt wieder auf der Bank am Spielfeldrand sitzen zu können; "ich hab’s vermisst". Etwas mehr als anderterthalb Jahre hat er nach seiner Zeit als Vorstand Sport beim VfB Stuttgart auf das Angebot aus dem Pott warten müssen. Die tägliche Arbeit auf dem Platz, ja, sagt Dutt, "das hat mir schon ein bisschen gefehlt". Umso mehr hänge er sich jetzt rein – und mit Butscher habe er einen "prima Partner" gefunden.

Dutts Karriere glich nach seinem Abschied aus Freiburg quasi einer Achterbahnfahrt durch die Branche. Bei Bayer Leverkusen lief es zunächst nach Siegen gegen den FC Chelsea und den FC Sevilla auf internationalem Parkett ganz prima, bis die mit sogenannten Top-Kickern gespickte Mannschaft eine Niederlagen-Serie startete, die ausgerechnet zu Hause in einem 0:2 gegen den Sportclub Freiburg gipfelte. Nach nur rund einem Jahr musste Dutt seinen Platz unterm Bayer-Kreuz räumen.

Um sich kurz darauf auf den Sessel des Sportdirektors beim Deutschen Fußball-Bund setzen zu können. "Ich hätte das vorher besser reflektieren sollen", sagt Dutt heute zu den zehn Monaten beim DFB. Denn rasch hat er dort gemerkt, "dass der Job mehr beinhaltet als als nur die Aufgaben rund um die Nationalmannschaft". Die Talent- und Jugendförderung zum Beispiel, für die er unter anderem zuständigt zeichnete.

Er wird deshalb froh gewesen sein, dass Werder Bremen zu dieser Zeit nach einen Nachfolger für Thomas Schaaf suchte. Der DFB erteilte die Freigabe – und Dutt siedelte zur Saison 2013/14 an die Weser um. Dort sei es ähnlich schön wie in Freiburg gewesen, lässt Dutt wissen, doch der sportliche Misserfolg ließ Werder im Oktober 2014 die Notbremse ziehen. Dutt musste nach neun Spielen ohne Sieg gehen.

Im Januar des Folgejahres setzte er sich dann wieder auf einen Sessel in einer Chefetage. In seiner schwäbischen Heimat Stuttgart offerierte der örtliche Verein für Bewegungsspiele, kurz VfB, den Job eines Vorstandes Sport. Wieder eine Aufgabe, von der er rückblickend sagt, dass er sie besser hätte hinterfragen sollen. Doch das ist Geschichte. Was jetzt zählt für Dutt ist der VfL.

Für Heiko Butscher ist das schon länger so. Über Eintracht Frankfurt ("auch eine tolle Zeit") ist auch der Leutkircher wieder im Westen gelandet. Zwei Spielzeiten hat er zum Ausklang seiner Karriere noch absolviert, bevor er als Jugendtrainer seinen weiteren Lebensweg eingeläutet hat. "Irgendwann" will er den Fußballlehrer machen – "und dann weitersehen". Wobei Dutt das Ergebnis der Bemühungen seines Assistenten schon klar vor Augen hat: "Ganz klar, Heiko ist prädestiniert zum Cheftrainer." Solche Vorschusslorbeeren zaubern ein Lächeln auf Butschers Gesicht.

Was den Sportclub Freiburg anbelangt, verfolgen beide ganz genau den Werdegang ihres Ex-Klubs. "Die Sympathie ist ungebrochen", sagt Dutt, der insbesondere die Person und das Wirken des verstorbenen Ex-Präsidenten Achim Stocker faszinierend fand. "Ich hoffe, sie halten die Liga", sagt Dutt, für den der Sportclub "ein fester Bestandteil der Bundesliga" ist.

Trotz seines etwas mysteriösen Abgangs aus Freiburg hegt auch Butscher keinerlei Ressentiments gegenüber dem SC. "Sportlich war das meine beste Zeit, der Aufstieg wird mir unvergessen bleiben." Und auch privat habe er sein Glück damals in Freiburg gefunden. Leider, so sagt er, komme er heute nicht mehr so oft in den Breisgau.

Es ist Abend geworden, als Dutt und Butscher über den bislang letzten Auftritt des SC Freiburg beim VfL Bochum nachdenken, bei dem sie dabei gewesen sind. "Kurz vor Weihnachten, Tor von Stefan Reisinger", sagt der grübelnde Dutt nach einer Weile und fügt an: "1:0 in der letzten Minute." Butscher schüttelt ungläubig den Kopf, er kann sich offenbar nicht mehr so richtig erinnern.

Vielleicht hätte er noch ein paar Minuten gebraucht um draufzukommen, dass er selbst an diesem 7. November 2009 ein Tor geschossen hat. Endstand 2:1 in der Bundesliga für Freiburg. Butscher (23.) trifft zum 1:0, nach einem Gegentor von Diego Klimowicz (65.) schießt tatsächlich Stefan Reisinger (90.) das Siegtor zum 2:1.

Die Erinnerung lebt. Jetzt wollen Dutt und Butscher ein Erfolgskapitel beim VfL Bochum schreiben.