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03. Juli 2012

Rote Augen, kullernde Tränen

Italiens Nationalmannschaft weint dem Titel hinterher / Nationaltrainer Cesare Prandelli macht trotz Vorführung weiter.

  1. Andrea Pirlo weint. Foto: afp

KIEW (sid). Der entzauberte Magier hielt nach der Demütigung lange seine Tränen zurück – aber am Ende weinte Andrea Pirlo doch. Als der Maestro der Squadra Azzurra zuschauen musste, wie Spaniens Torwart Iker Casillas auf der Ehrentribüne im Konfettiregen den EM-Pokal in die Höhe stemmte, wischte er sich die geröteten Augen trocken.

Der bis zum Endspiel überragende Mittelfeldregisseur hatte alle Hoffnungen Italiens auf seinen schmalen Schultern getragen, doch selbst er ging im ungleichen Kampf mit der spanischen Armada jämmerlich unter. Zwei Stunden nach dem Schlusspfiff schlurfte ein bleicher Pirlo mit maskenhaftem Gesicht und gesenktem Kopf durch die Katakomben des Olympiastadions Richtung Mannschaftsbus, unfähig, auch nur ein Wort zu sagen.

Den Stolz seiner Teamkameraden, ein tolles Turnier gespielt zu haben, wollte er nicht teilen. Selbst die Nachricht, die das am Boden liegende Italien zumindest ein wenig aufrichtete, ermunterte ihn zunächst nicht: Nationaltrainer Cesare Prandelli, der Vater der neuen Squadra, will trotz der Vorführung weitermachen. "Die Nationalmannschaft ist ein schwieriges, aber faszinierendes Projekt. Dieses Projekt muss weitergehen, wir wollen es vorantreiben", sagte Prandelli, der am Montag allerdings seinen Unmut über die Trainingsbedingungen mit der Squadra äußerte: "Ich will gern weitermachen, doch wenn ich eine Mannschaft aufbauen muss, die in acht Monaten zweimal trainiert, muss ich ernsthaft überlegen, wie ich das tun soll."

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Balotelli stößt einen Betreuer zur Seite

Vor den Misstönen in der letzten Pressekonferenz in der Casa Azzurri hatten alle schon ein wenig durchgeatmet. "Ich bin sehr froh, dass er bleibt", sagte Daniele De Rossi. Dabei huschte ein Lächeln über sein müdes Gesicht, obwohl auch der Weltmeister von 2006 eine solch perfekte Demonstration der Stärke noch nicht erlebt hatte. "Wir hatten körperliche Probleme, aber wir haben nicht deshalb verloren, sondern weil Spanien einfach klar besser war", sagte De Rossi. Kapitän Gianluigi Buffon erhob die "Rote Furie" ehrfurchtsvoll zur "stärksten Mannschaft von allen". "Das ist für uns ein kleiner Trost", ergänzte Riccardo Montolivo. Ein paar Minuten lang hatten sich die Spanier ihren Gegner zurechtgelegt, dann überrollten sie ihn. David Silva (14.) und Jordi Alba (41.) leiteten das italienische Desaster vor der Pause ein. Als der drei Minuten zuvor eingewechselte Thiago Motta in der 60. Minute verletzt vom Feld und Italien zu zehnt weiterspielen musste, "war es kein Fußballspiel mehr", sagte De Rossi. Fernando Torres (84.) und Juan Mata (88.) machten das Debakel perfekt. "Wir wussten, dass Pirlo ein wichtiger Spieler ist", sagte Spaniens Xabi Alonso, "aber wir haben uns einfach auf uns selbst konzentriert." Damit tat Spanien genau das, was die deutsche Mannschaft beim 1:2 im Halbfinale gegen die Italiener sträflich vernachlässigt hatte. Doch nicht nur Pirlo stand der spanischen Passmaschine machtlos gegenüber. Italiens Muskelmann Mario Balotelli, der im Halbfinale Deutschland mit zwei Toren bezwungen hatte, kam im spanischen Strafraum nicht ein einziges Mal an den Ball. Der Stürmer war nach dem Schlusspfiff derart bedient, dass er entgegen des Protokolls wütend Richtung Kabine stürmte und einen italienischen Betreuer zur Seite stieß. Erst Minuten später, nachdem sie ihm anscheinend gut zugeredet hatten, ging er beleidigt auf das Feld zurück und vergoss wie Pirlo bittere Tränen. Auch er verließ das Stadion kommentarlos, sicherheitshalber bewacht vom italienischen Pressechef.

Autor: sid