Daniela Maier vom SC Urach

Der Mut, sich selbst zurückzunehmen

Johannes Bachmann

Von Johannes Bachmann

Fr, 02. Dezember 2016

Ski Alpin

Skicrosserin Daniela Maier vom SC Urach ist die Weltcup-Einsteigerin des Jahres und freut sich auf das Weltcup-Heimspiel am 4./5. Februar auf dem Feldberg.

SKICROSS. Es braucht Ellenbogen, Härte und Frechheit, um sich in dieser Sportart durchzusetzen. Skicross ist ein rasanter, beinharter Gladiatorenkampf. Vier Rennfahrer kämpfen gemeinsam in einem "Heat", hetzen durch kirchturmdachsteile Kurven und springen Schulter an Schulter bis zu sechs Meter hoch und 50 Meter weit mit Tempo 100 über eine knochenharte Skipiste. Eine Rangelei, die nur die beiden schnellsten weiterbringt, im besten Fall bis ins Weltcup-Finale. Eine Raserei, die Daniela Maier vom SC Urach vor drei Jahren bei einem Schnuppertraining für sich entdeckt hat. Jetzt hat sie beim Skicross die Nase vorn.

Am vergangenen Wochenende gewann die 20-Jährige das Skicross-Europacup-Rennen im Pitztal, am 8. Dezember beginnt für sie die Weltcup-Saison im französischen Val Thorens – mit einem Traumziel im Hinterkopf: am 4./5. Februar 2017 will Daniela Maier bei der Skicross-Weltcup-Premiere auf dem Feldberg als einzige Schwarzwälderin für Furore sorgen. "Daheim vor Freunden am Feldberg fahren, da freu’ ich mich tierisch drauf. "

Zurückhaltend, ja fast schüchtern wirkt Daniela Maier im Gespräch. Verglichen mit Schauspielern ist sie eher das Gretchen, nicht die sprichwörtliche Rampensau, die sich ins Scheinwerferlicht drängt. Zurückhaltung, die sie auch auf der Piste lebt.

"Wenn ich spüre, dass

der Flug ins Fangnetz

droht, dann zieh’ ich zurück."

Maier über Mut
Das hat sie weit gebracht. Nach einem Karriereknick. Von Kindesbeinen an bis zum Schüleralter galt die für den SC Urach startende Furtwangerin als Talent im alpinen Schwarzwälder Skizirkus. Doch der Sprung vom Schüler-Kader zu den auf internationale Einsätze hoffenden Junioren wollte nicht gelingen. "Irgendwann ging es nicht mehr richtig weiter", so Maier, die vor zwei Jahren am Furtwanger Otto-Hahn-Gymnasium ihr Abitur baute, "mit 16 wollte ich einfach aufhören".

Nur noch zum Spaß wollte sie auf breiten Latten talwärts brausen. Spaß, der bei den Maiers in der Familie liegt. Vater Thomas (53) gilt in den Reihen des SC Urach als verrückter Hund. Ein Kämpfer auf Ski. Einer, der sich durchsetzen kann, früher selbst aktiver Rennfahrer und immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Die Anfänge der jungen Sportart Skicross hat er beim SC Urach aktiv miterlebt. Als Organisator ebenso wilder wie spektakulärer Skicross-Rennen am Sägehoflift – und als Rennfahrer auf semiprofessionellem Niveau. "Der Papa hat mich einfach zum Skicross mitgenommen", erinnert sich Daniela Maier an einen Satz, den jeder Erziehungsberechtige ab und an loslässt: "Probier’s mal. Du kannst das."

Es wird ein Aha-Erlebnis. Aus Spaß wird binnen Wochen Leidenschaft. "Ich hab’ schnell gespürt, das ist mein Ding", erinnert sich Daniela Maier, rasch stellen sich erste Erfolge ein, im Schwarzwald ist sie beim "Batteln" gegen je drei Konkurrentinnen pro Lauf eine Klasse für sich, wird kurz nach den ersten Schnuppereinheiten auf Anhieb baden-württembergische Meisterin und nach dem Abitur in den bayerischen Landeskader aufgenommen. Es ist eine geradlinige, steile Karriere. In aller Behutsamkeit. "Ich checke die Lage erst mal ab", so Maier, sie sei durch und durch gerne Schwarzwald-Mädel, auch bei den Bayern, "weil die ja ein bissle eine andere Mentalität haben". Rosenheim ist zumindest im Sommer ihre neue Wahlheimat – für die Polizeimeister-Anwärterin ist der Trainings- der Dienstplan. Ehrgeizig ist sie, zielstrebig. Sechs Tage die Woche steht sie im Training dreimal täglich auf dem Ski. Fleiß und Talent bringen sie rasch voran. 2014 überrascht sie bei der internationalen italienischen Meisterschaft mit zwei fünften Plätzen, 2015 rast sie bei der Junioren-Weltmeisterschaft im Vierer-Finale im italienischen Valmalenco zur JWM-Silbermedaille, fährt im österreichen Montafon bei ihrem ersten Start im Weltcup-Zirkus auf Anhieb auf Rang zwölf. Anfang Januar 2016 erlebt sie eine traumhafte Erfolgswoche mit einem dritten und einem neunten Platz beim Weltcup in Watles/Südtirol, beendet ihre erste Weltcup-Saison als 17. der Gesamtwertung und wird Anfang März in Mittenwald Fünfte der deutschen Meisterschaft.

Erfolge, die aufhorchen lassen. Daniela Maier gilt als eine der großen Entdeckungen der Skicross-Szene und wird zum Saisonende des vergangenen Winters als beste Weltcup-Einsteigerin zum "Rookie of the year" gekürt. Am Donnerstag, 8. Dezember, beginnt für Daniela Maier im französischen Val Thorens ihre zweite Weltcup-Saison. Unter die besten 15 will sie es in diesem Winter schaffen. Es ist das Zwischenziel einer Lernenden, die in einer Ellenbogen-Sportart vorankommt, weil sie mit Köpfchen fährt und bei allem Mut auch dem Zweifel und ein bisschen Furcht Raum lässt. Wie weit die Sprünge gehen? "Bei Olympia waren das so rund 80 Meter", sagt Maier, "bei uns Mädels sind es rund 50". Und das mit einem Luftstand bei Tempo 100, der den Atem raubt: Locker ein Einfamilienhaus überspringen könnte Maier bei der Vierkampf-Weitenjagd auf den anspruchsvollen Skicross-Weltcup-Strecken.

Die Kurse, die vor ihr liegen, hat sie nach zig Trainingsläufen genau im Kopf. "Ich weiß, welche Linie ich fahren will, aber die wollen vielleicht auch meine Konkurrentinnen". Also brauche es halt auch "Plan B und Plan C, ich muss in Sekundenbruchteilen entscheiden, wohin die Fuhre geht".

"Ich hab’ einen

superguten Schutzengel."

Maier über einen starken Rückhalt
Es ist ein kleines Wunder, dass sie sich dabei noch nie verletzt hat. Und doch erklärbar. Daniela Maier ist auch im rasanten Vierkampf eine vorsichtige Fahrerin. "Wenn ich spüre, dass der Flug ins Fangnetz droht, dann zieh’ ich zurück." Es ist ihr sechster Sinn, auf den sie vertraut "und ich hab’ einen superguten Schutzengel". Bis Weihnachten erwartet sie jetzt, beginnend mit zwei Weltcup-Rennen im französischen Val Thorens, ein straffes Wettkampfprogramm, mit Leben aus dem Koffer und kaum Zeit zum Durchatmen. "Überglücklich", so Maier, werde sie sein, "wenn ich am 23. Dezember zu Hause sein darf".

In Gedanken ist sie schon jetzt im kommenden Jahr, bei einem Höhepunkt, der ihr besonders am Herzen liegt – dem bislang ersten Skicross-Doppelweltcup am 4./5. Februar auf dem Feldberg. Eine Premiere, bei der sie als einzige Schwarzwälder Starterin auf spektakuläre Rennen hofft, auf einer Strecke, die sie schon im Herzen hat: "Von der Bergstation des Sechser-Sessellifts auf dem Seebuck queren wir zweimal den kompletten Hang." Das, ist Maier überzeugt, "wird ein spektakulärer Kurs". Und ein Heimspiel. Mehr als 30 Mann stark ist das Helferteam des SC Urach, das beim Kursbau mit Hand anlegt, dazu dürften ein paar tausend Schwarzwälder Skicross-Fans kommen.