Severin Freunds Klasse-Start

KOMMENTAR: Vergesst die Prognosen

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

Mo, 28. November 2016

Skispringen

Grau und düster wie der Himmel über der Kältekammer von Kuusamo schien bis vor ein paar Tagen auch noch das Firmament der deutschen Skispringer zu sein. Severin Freund, das Flieger-Ass in der Staffel des Deutschen Ski-Verbands, war nun wirklich der Letzte, dem die Fachleute da oben im hohen Norden Finnlands eine Landung auf dem Podest zugetraut hätten. Er überwand eine schwere Operation an der Hüfte, durfte fünf Monate lang gar nicht mehr springen – und schien sich nun wenigstens eine halbwegs passable Form erarbeitet zu haben, die ihn einigermaßen mithalten ließ. Ein zweites Flieger-Ass war und ist nicht in Sicht beim DSV, jedenfalls keines, dem man heute Weltmeister-Titel und Seriensiege im Weltcup zutrauen würde. Richard Freitag? Ein ewiges Talent und ein ewiger Pechvogel, der sich stets zuverlässig selbst ein Bein zu stellen vermag. Andreas Wellinger? Hungrig, hochbegabt, aber noch nie so wirklich ganz oben. David Siegel? Ein famoser Junioren-Weltmeister aus dem Schwarzwald, aber eben auch noch kein Top-Kandidat für den Sprung ganz nach vorn. Doch während die Experten noch angestrengt darüber grübelten, wer denn nun die Lücke, die Freund hinterließ, halbwegs füllen könnte im ersten Saisondrittel bis zur Vierschanzentournee, war es der 28-Jährige selbst, der alle ins Staunen versetzte. So richtig könne er selbst nicht glauben, was da passiert sei, erklärte der Niederbayer, nachdem er in Finnland ins Gelbe Trikot des Weltcup-Führenden geschlüpft war. Bundestrainer Werner Schuster sah sich veranlasst, eine selbst für ihn ungewöhnliche Lobeshymne zu singen. Schuster freute sich so, wie es normalerweise Kinder tun. Freund demonstrierte eindrucksvoll, was Prognosen im sensiblen, von der Natur abhängigen und komplexen Sprungsport wert sind. Allzu euphorisch darf man nun aber auch nicht in die nähere Zukunft blicken. Eine gute Frühform garantiert noch lange keinen guten Auftritt bei einer Tournee und bei der Weltmeisterschaft im Anschluss. Eher schon, das zeigt die Erfahrung, könnte sie sich sogar nachteilig auswirken. Aber, ach was: Zur Hölle mit den Prognosen.