Weltklasse in Hinterzarten

Dieter Maurer

Von Dieter Maurer

Fr, 06. Juli 2018

Skispringen

Olympiasieger Wellinger DM-Favorit / Adlerschanze soll für 2,2 Millionen saniert werden.

SKISPRINGEN. Die Wintersport-Hochburg Hinterzarten steht im Sommermonat Juli ganz im Zeichen des Sprunglaufsports. Am 13./14. Juli ermitteln die besten deutschen Skispringerinnen und Skispringer ihre nationalen Meister im Adler-Skistadion. Zwei Wochen später, am 27./28. Juli, kämpft die Weltelite der Weitenjäger beim Sommer-Grandprix um FIS-Punkte. Für die Männer ist es nach Wisla in Polen (20./21. Juli) bereits der zweite Sommerwettbewerb, für die Frauen bildet Hinterzarten den Auftakt zu einer fünfteiligen Grand-Prix-Serie.

Zuletzt wurden 2014 deutsche Meisterschaften in Hinterzarten ausgetragen. Nach dem Fünf-Jahres-Rhythmus des Deutschen Skiverbands (DSV) wäre in diesem Jahr der Westdeutsche Skiverband an der Reihe gewesen und Baden-Württemberg erst wieder 2019. "Aber als der DSV angefragt hat, ob Hinterzarten die Titelkämpfe ausrichten könne, haben wir spontan zugesagt," erzählt die Skiclub-Vorsitzende Tanja Metzler. Für die 49-Jährige, die seit 2006 Skiclub-Chefin ist, sind es vermutlich die letzten Großereignisse in dieser Funktion, will sie sich doch nicht mehr zur Wahl stellen: "Umso mehr freue ich mich, dass alle deutschen Medaillengewinner der Olympischen Winterspiele von Pyeongchang am Start sind."

An der Spitze des Aufgebots steht der Olympiasieger auf der Normalschanze und Silbermedaillengewinner auf der Großschanze in Südkorea, Andreas Wellinger. Der Ruhpoldinger ist zugleich DM-Titelverteidiger. In Südkorea gewann der 22-jährige Bayer zusammen mit dem Wahl-Breitnauer Stephan Leyhe sowie den DSV-Adlern Karl Geiger (Oberstdorf) und dem Weltcup-Zweiten Richard Freitag (SG Nickelhütte-Aue) die Silbermedaille im Teamwettbewerb. Gespannt sind die Skisprung-Fans auf das Abschneiden von Andreas Wank vom SC Hinterzarten. Der 30-jährige Lokalmatador zählte 2014 zum Gold-Team von Sotschi, konnte sich in diesem Jahr aber nicht für Olympia qualifizieren.

Mit Carina Vogt führt ebenfalls eine Olympiasiegerin und Weltmeisterin das DM-Teilnehmerfeld der Frauen an. Mit ihrer Clubkollegin aus Degenfeld, Anna Rupprecht sowie der Weltcup-Zweiten Katharina Althaus (Oberstdorf) sind weitere Spitzenspringerinnen am Start. Hinterzartens Schanzen-Koordinator Michael Lais freut sich, dass die "A-Kader bei den Frauen und Männern komplett dabei sind." Gleichzeitig bedauert er, dass Ramona Straub (Langenordnach) verletzungsbedingt nicht antreten kann. Die 24-jährige Hochschwarzwälderin sprang bei den Olympischen Spielen in Südkorea auf den achten Platz und beendete die Weltcup-Saison auf Rang 14.

Der Skiclub Hinterzarten erfreut sich nicht nur als Veranstalter großer Wertschätzung beim Deutschen Skiverband. Dies bestätigte der Leiter für Struktur- und Verbandsentwicklung beim DSV, Peter Bösl, bei seinem jüngsten Aufenthalt im Hochschwarzwald. Der Bundesstützpunkt mit der angegliederten Eliteschule des Sports, dem Skiinternat in Furtwangen, sei für die Disziplinen Skisprung und Nordische Kombination "von fundamentaler Bedeutung." Deshalb genieße die fällige Generalsanierung des Anlaufturms der Rothaus-Schanze beim DSV "höchste Priorität."

Schanze im ZEITENWandel

Die Geschichte der Sprunganlage im Adlerwald reicht fast 100 Jahre zurück. Am 24. Februar 1925 gab es das erste Skispringen auf der neuerbauten Adlerschanze. Es waren Weiten von bis zu 60 Metern möglich. Nach einem Umbau 1935 war die Anlage 1936 Trainingsstätte für die Teilnehmer der Olympischen Winterspiele in Garmisch. Auch der legendäre Norweger Birger Ruud reiste zur Vorbereitung nach Hinterzarten und stellte mit 71 Metern einen neuen Schanzenrekord auf. Dieser hatte drei Jahrzehnte Bestand. 1965 stand erneut ein Umbau an. Georg Thoma, Olympiasieger und Weltmeister in der Nordischen Kombination sowie dreifacher Deutscher Meister im Skispringen, stellte mit 82 Metern einen neuen Rekord auf. Ende der 1970er- Jahre stand ein erneuter Umbau an. Doch die Kosten stellten Gemeinde und Skiclub vor ein schier unlösbares Problem. Zur gleichen Zeit wurde für das Ski-Bundesleistungszentrum Herzogenhorn eine auch im Sommer nutzbare Mattenschanze benötigt. Im Wettbewerb mit Neustadt erhielt Hinterzarten den Zuschlag als Standort. Im September 1980 begannen die umfangreichen Erd- und Bauarbeiten. Am 29. August 1982 bestand die Adlerschanze ihre große Bewährungsprobe. Skispringer aus zehn Nationen starteten beim ersten internationalen Sommerskispringen. 1993 wurde der Sommerwettbewerb zum FIS-Grand-Prix aufgewertet. 1998/99 musste das Profil der Adlerschanze im An- und Auslauf den technischen Vorgaben des Weltskiverbands angepasst werden. Es waren nun Weiten bis zu 115 Meter möglich.

Im Sommer 2003 folgte der Einbau eines Lifts in den 30 Meter hohen Anlaufturm. Im Zeitraum 2004/2005 kam die Erweiterung um die Jugendschanzen K 15, K 30 und K 70. Damit bot das Zentrum ideale Voraussetzungen für Lehrgänge und Wettkämpfe in allen Altersklassen. Viele Nationalteams nutzten die Anlagen und absolvierten dort Jahr für Jahr einige tausend Sprünge. 2010 wurde auf der großen Schanze in Hinterzarten und auf den Loipen am Notschrei die Junioren-Weltmeisterschaft ausgetragen.

Umbau für 2,2 Millionen

Nach 36 Jahren muss nun das Anlaufbauwerk den sportlichen Bedingungen erneut angepasst und saniert werden. Zum einen geht es um die Neuprofilierung der 97 Meter langen Anlaufspur, die nicht mehr den Anforderungen des Spitzensports entspricht. Der Übergang zum Schanzentisch wird flacher, der Absprunghügel um 1,5 Meter verkürzt. Zudem erhalten die Athleten bessere Rahmenbedingungen für die Startvorbereitung. Eine kombinierte Winter-/Sommeranlaufspur ermöglicht einen wetterunabhängigen Trainingsbetrieb. Sie allein ist mit 485 000 Euro veranschlagt. Mit der neuen Spur und beidseitigen Treppen im verbreiterten Anlauf entfällt künftig eine zum Teil gefahrvolle Präparation im Winter. Das nationale und internationale Zertifikat, welches die Grundlage für den Betrieb darstellt, lief bereits 2014 aus und wurde nur mehr temporär verlängert. 2019 wäre endgültig Schluss. "Ein weiterer dauerhafter Betrieb ist aus sicherheitstechnischen Gründen nicht möglich", so Peter Bösl. Im vergangenen Winter musste der Sprungbetrieb auf der großen Rothausschanze vorzeitig eingestellt werden. Eine Anpassung des Aufsprunghügels ist nach Darstellung von Bösl vorerst nicht nötig. Auch das Trainerpodest und der Sprungrichterturm können momentan problemlos weiter benutzt werden.

Der Allgäuer Hans-Martin Renn, Inhaber eines Architekturbüros in Fischen, wurde mit der Planung beauftragt. Die Fachfirma konstruiert seit Jahren weltweit Skisprunganlagen. Die Nettokosten für den Umbau der Rothaus-Schanze bezifferte Renn mit 2,2 Millionen Euro. Davon wollen der Bund 40 und das Land Baden-Württemberg 30 Prozent übernehmen. Die finanziell klamme Gemeinde Hinterzarten kann als Eigentümerin der Sporteinrichtung maximal zehn Prozent tragen. Den Antrag auf Gewährung von Bundesmitteln zur Förderung des Spitzensports verabschiedete der Gemeinderat in der jüngsten öffentlichen Sitzung einstimmig. Damit signalisierte das Gremium trotz vieler anderer Problembereiche ein Bekenntnis zur Schanze und zum Wintersport. Bürgermeister Klaus-Michael Tatsch erhielt den Auftrag, nach weiteren Geldquellen zu suchen.

In diesem Herbst entscheiden die zuständigen Stellen über den Förderantrag. 2019 gilt als Planungsphase. Ende des kommenden Jahres soll mit dem Rückbau und Abbruch begonnen werden, so dass der Grand-Prix im Sommer noch stattfinden kann. Als Leiter des Sub-Komitees Schanzenbau beim Weltskiverband will sich Renn dafür einsetzen, dass Hinterzarten auch 2020 einen Sommer-Grand-Prix ausrichten kann.

Der DM-Zeitplan
Freitag, 13. Juli, 17.50 Uhr: Einzelwettkampf Frauen, Jugend 17/ Junioren und Männer auf der Rothaus-Schanze. Gegen 21 Uhr Siegerehrung auf der Kirchwiese.
Samstag, 14. Juli: 8.30 Uhr Probedurchgang zum Teamwettkampf Frauen und Männer auf der Rothaus-Schanze, anschließend Wettkampf. Gegen 12.15 Uhr Siegerehrung. 16 Uhr: Training und Einzelwettkampf der Juniorinnen auf der Europapark-Schanze, gegen 17.45 Uhr Siegerehrung.