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31. Juli 2012 07:38 Uhr

London / Freiburg

Helmut Digel: "Der Verdacht läuft immer mit"

BZ-Interview mit Sportfunktionär Helmut Digel über die Dopingproblematik, zu viel Kommerz bei den Olympischen Spielen und den Umgang der Universität Freiburg mit ihrer Vergangenheit.

  1. „Es ist wichtig, dass man in der Öffentlichkeit die Wahrheit sagt“: Helmut Digel sieht den Sport kritisch. Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

Helmut Digel, der frühere Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands, ist ein kritischer Mahner. Er beobachtet bei den Olympischen Spielen die ungebremste Kommerzialisierung des Sports. Er beklagt, dass das Dopingproblem ungelöst bleibt. Er rät der Freiburger Universität, die Wahrheit über die Dopingvergangenheit ihrer Sportmedizin auf den Tisch zu bringen. BZ-Redakteur Andreas Strepenick sprach mit Digel in London.

BZ: Herr Digel, wie erleben Sie die Olympischen Spiele?
Digel: Für mich sind sie schon etwas ganz Besonderes. England ist nun einmal das Mutterland des Sports. Wer weiß, wie Fairplay als Haltung im britischen Sport hat entstehen können aus der Wettleidenschaft, die bereits im 18. Jahrhundert auf dieser Insel zu beobachten war, und die Art wie man sich bemüht hat, faire Wettkämpfe zu gewährleisten, damit auch das Wetten eine faire Angelegenheit ist, für den müssen Spiele in England etwas Besonderes sein. Viele Sportarten wurden hier mit ihren Regeln zum ersten Mal auch international anschlussfähig. Das gilt für die Leichtathletik, aber auch für den Fußball. Nahezu alle olympischen Sportarten hatten ihre ersten großen Bewährungsproben auf dieser Insel.

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"Sobald die Spiele vorbei sind, kennt kein Deutscher mehr einen Namen irgendeines

Hockey-Nationalspielers."
BZ: Auch Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, hat das bei der Eröffnung betont.
Digel: Ich denke, Rogge hat zurecht gesagt, in gewisser Weise seien die Spiele heimgekehrt – zumindest, was das Ideengut anbelangt und was die kulturellen Werte auszeichnet, wie man Olympische Spiele leben sollte und wie man sie zu schützen hat. Man sieht allerdings auch bei diesen Spielen die Begegnung des Hochleistungssports mit dem Kommerz. Und Spiele sind ja nun zunächst einmal dadurch ausgezeichnet, dass sie Bescheidenheit eigentlich als Wert nach außen hin auch darstellen möchten. Deswegen der Verzicht auf Brustwerbung, also Werbung am Mann, deswegen der Verzicht auf Stadionwerbung. Auf diese Weise haben die Spiele einen Einmaligkeitscharakter. Aber gleichzeitig sieht man, dass um dieses Ereignis herum sich immer mehr ökonomische Interessen angesiedelt haben und das Fernsehen natürlich die zentrale Rolle spielt, wie eine Sportart öffentlich eingeordnet wird, wie sie sich bewähren kann, ob sie resonanzfähig ist. Man hat auch diese ganze Problematik der zwei Welten: einerseits diese Millionäre des Sports, die mittlerweile unendliches Geld mit ihrer Leistung verdienen und denen das Fernsehen den Resonanzboden bietet. Und daneben hat man die unbekannten Hochleistungsathleten, die für immer unbekannt bleiben und trotzdem herausragende Sportler sind.

BZ: Wie etwa die Hockeyteams?
Digel: Immer wieder denke ich, unsere Hockeyspieler sind die erfolgreichsten olympischen Athleten, die wir jemals hatten. Aber sobald die Spiele vorbei sind, kennt kein Deutscher mehr einen Namen irgendeines Nationalspielers. So vergänglich kann der olympische Erfolg sein, und unter ökonomischen Gesichtspunkten werden diese jungen Männer und Frauen so gut wie gar keine Vorteile haben. Sie werden an ihre Universität zurückkehren oder an ihren Arbeitsplatz, um sich dann dort zu bewähren. Dabei sind sie die eigentlichen Repräsentanten der klassischen Idee von Pierre de Coubertin.

BZ: Lebt diese Idee noch?
Digel: Das ist das Schöne, dass sie eigentlich durchaus gelebt wird, diese Idee oder dieses Ideengut. Das kann man im Dorf beobachten, das kann man bei den Wettkämpfen selbst beobachten. Die Athleten sehen diese Spiele immer noch als etwas Besonderes an, auch wenn sie kein Startgeld bekommen und kein Preisgeld. Insofern denke ich, ist es ein ausgesprochen schillerndes Phänomen, das der Weltöffentlichkeit hier in London präsentiert wird. Man denkt bei diesen Spielen natürlich auch an all die Verfehlungen. Man hat sich bei der Eröffnungsfeier einen öffentlichen Eid vortragen lassen. Auch Rogge hat ganz bewusst das Fairplay-Ideal, das in England geboren wurde, ins Zentrum seiner Eröffnungsrede gestellt. Aber wenn wir nun einen der ersten Olympiasieger nehmen, Alexander Winokurow im Radsport, dann ist es eben leider so, dass die Medaille an einen Athleten vergeben wurde, der bereits gesperrt war wegen Dopingbetrugs. Damit hat das Ereignis bereits am ersten Tag wieder einen kleinen Schatten.

BZ: Er hat seine Strafe verbüßt.
Digel: Natürlich, man muss fair sein. Zunächst einmal muss man Winokurow zubilligen, dass er vielleicht aus seinen Fehlern gelernt hat. Deshalb muss er auch seine Chance bekommen, und er muss auch fair als Sieger behandelt werden. Dennoch: Wir haben eine Situation, bei allen spektakulären Leistungen, die hier erbracht werden, dass immer der Verdacht mitläuft und mitschwimmt und mit auf der Bühne ist. Das ist natürlich eine große Belastung für die olympische Bewegung, dass ihre sportlichen Leistungen nicht mehr unbefleckt sind. Im Moment ist auch nicht zu erkennen, dass das IOC einen Ausweg findet aus diesem Dilemma. Man tut wohl alles in Bezug auf die Kontrollen. Aber jeder der beteiligt ist weiß, dass mit den Kontrollen das Problem nicht gelöst wird. Kreativere Lösungen sind nicht in Sicht. Es gibt mittlerweile wirklich sehr gute Wissenschaftler im Bereich der Genforschung, die uns Hilfestellung geben. Ich denke an den Kollegen aus Mainz, der erste Tests entwickelt hat.

"Das Problem Doping ist

existent, es ist Element

dieses Systems geworden."

BZ: Sie meinen Perikles Simon, den Leiter der Sportmedizin in Mainz.
Digel: Ja. Also ich denke schon, dass hier eine kleine Elite der Wissenschaft Hilfe bereitstellen möchte. Aber man hat manchmal den Eindruck, dass die Welt des Sports diese Hilfen gar nicht haben möchte, weil sie immer noch in dem Glauben befangen ist, man könnte durch Schweigen und Verdrängen das Problem lösen. Aber das ist hier der falsche Weg. Das Problem Doping ist existent, es ist Element dieses Systems geworden, und man hat nun wirklich konstruktiv Lösungen zu suchen und nicht destruktiv. Deswegen glaube ich, muss auch diese Londoner Veranstaltung zu einem Lern-Ereignis werden. Denn wir haben schon im Vorfeld wieder Fälle gehabt. Natürlich werden die Kontrollen abschreckend sein, und es wird vielleicht kaum ein Athlet des Dopings überführt werden. Aber das hat natürlich unter präventiven Gesichtspunkten nur einen begrenzten Wert. Wir müssen erkennen, dass das Problem eine sehr viel größere Reichweite hat.

BZ: Beobachter sind in einem Dilemma. Es fällt schwer, den Leistungen zu trauen. Andererseits darf man auch keinen Athleten unbegründet einem Verdacht aussetzen. Wie verhält man sich richtig?
Digel: Ich denke, die Journalisten haben das gleiche Problem wie die Funktionäre. Zunächst einmal ist man ja dabei, weil man Freude erfahren und den Sport als etwas Schönes erlebt hat. Wenn man nun herausragende Leistungen sieht, dann ist es naheliegend, dass man applaudiert, dass man sich freut. Gleichzeitig schwingt nun aber bei einem selbst die Unklarheit mit. Man ist nicht sicher. Ist diese Leistung ohne Doping möglich? Immer wieder werden herausragende Athleten überführt. Nehmen Sie den 100-Meter-Lauf. Es gibt nahezu keinen Weltklassesprinter, der nicht einmal überführt wurde. Wenn der Sport so belastet ist, dann wird auch der Zuschauer unsicher. Man weiß nicht mehr, ob hier saubere Leistungen erbracht werden oder ob sie medizinischer Manipulation unterliegen. Das schadet dem Sport enorm. Auf diese Weise befindet sich der Großteil der Sportarten in der Gefahr, ähnlich wie der Radsport, die Glaubwürdigkeit zu verlieren. Beim Radsport zumindest ist es so, dass nun in Deutschland die große Mehrheit annimmt: Die dopen ohnehin. Da kann man machen, was man will. Deren Welt ist geprägt von Doping.

BZ: Ist das gerechtfertigt?
Digel: Das ist höchst ungerecht. Es kann durchaus sein, dass hier herausragende Radfahrer unterwegs sind, die vorbildlich handeln und keineswegs dopen. Aber sie unterliegen eben einem Generalverdacht, weil man über Jahre die Sportart nicht geschützt hat. Man hat sie dieser öffentlichen Spekulation ausgesetzt. Da haben die verantwortlichen Funktionäre erhebliche Fehler gemacht.

BZ: Welche Rolle spielt die Sportmedizin in der Dopingproblematik?
Digel: Zunächst einmal muss man sagen, dass das Dopingproblem ursächlich ausgelöst wurde durch Wissenschaftler. Das heißt: Der Athlet aus sich selbst heraus hat in der Regel nicht die Beziehung zur Wissenschaft und zur Medizin und zur Pharmakologie, damit er selbst ursächlich gleichsam der Erfinder des Dopingbetrugs wird. Hier bedarf es einer Expertise. Diese Expertise hat die Medizin geliefert, hat die Pharmakologie geliefert, hat teilweise die Trainingswissenschaft geliefert. Insofern ist die Wissenschaft ursächlich am Dopingbetrug beteiligt. Was die Sportmedizin anbelangt, so gab es sicher schon in den 1960er- und 1970er-Jahren Sportmediziner, deren Verständnis vom Hochleistungssport aus meiner Sicht völlig falsch war. Sie sahen sich selbst als Mediziner, die Leistung zu steigern haben – was gar nicht ihre Aufgabe ist.

"Die Sportmedizin hat sich

in den vergangenen Jahren enorm gewandelt."

BZ: Ist das heute gelegentlich immer noch so?
Digel: Die Sportmedizin hat sich in den vergangenen Jahren enorm gewandelt. Die vielen Dopingskandale hatten zur Folge, dass die Sportmedizin ein neues Ethos für sich entwickelt hat. Das kann man auch bei Nationalmannschaftsärzten beobachten. Ich bin positiv überrascht, wie etwa die Sportärzteschaft in der Leichtathletik den Anti-Doping-Kampf unterstützt.

BZ: Welchen Rat geben Sie der Freiburger Universität bei der Aufarbeitung der Dopingvergangenheit an ihrer Klinik?
Digel: Zunächst einmal ist es das Wichtigste, dass man der Öffentlichkeit die Wahrheit sagt. Das heißt, dass man alle Ereignisse der Vergangenheit einer öffentlichen Kontrolle unterstellt. Das Zweite ist, dass man aus den Fehlern lernt – vor allem in Bezug auf die Betreuung von olympischen Sportarten. Ich würde es für falsch halten, wenn die Sportmedizin in Freiburg sich vom Hochleistungssport ganz verabschieden würde. Sie soll sich bewähren. Der Sportler braucht Hilfe. Er braucht Unterstützung. Der Sportmediziner muss auch mit einer neuen Qualität der Betreuung überzeugen.

BZ: Freiburger Sportmediziner haben sich selbst stets als Vorreiter im Anti-Doping-Kampf bezeichnet. Wie unterscheidet man die wahren von den falschen?
Digel: Das ist die eigentliche Schwierigkeit, wenn in einem System so gelogen wird wie im Sport – früher und zum Teil bis heute. Es ist wirklich schwierig, das Wahre vom Unwahren zu unterscheiden.

Autor: Andreas Strepenick