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11. Dezember 2014 19:20 Uhr

BZ-Interview

DFL-Geschäftsführer Rettig zu den Stadionplänen des SC

Bis 2002 war Andreas Rettig Manager beim SC Freiburg, heute ist er Geschäftsführer der DFL. Im BZ-Interview erklärt Rettig, was er von den Stadionplänen des SC hält und welche Effekte Investitionen in die Infrastruktur haben können.

  1. Hat im deutschen Fußball viel zu sagen: Andreas Rettig Foto: Frank Rumpenhorst

"Das Stadion, in dem man seine Spiele gewinnt, das schönste"
BZ: Herr Rettig, wann saßen Sie zuletzt auf der Tribüne des Schwarzwaldstadions – und hat es Ihnen dort noch gefallen?
Rettig: Wenn ich mich recht erinnere beim 3:1-Sieg des SC Freiburg gegen Werder Bremen in der vergangenen Saison. Damals stand Robin Dutt noch an der Bremer Seitenlinie. Gefallen hat es mir gut, es gab ja reichlich Tore zu sehen.

BZ: In Freiburg soll ein neues Stadion für den Sportclub gebaut werden. Welche Gefühle beschleichen Sie da? Immerhin dürfen Sie als früherer Manager zusammen mit dem einstigen Trainer Volker Finke als einer der Baumeister des heutigen Standortes in der Schwarzwaldstraße gelten?
Rettig: Zuviel der Ehre, das Stadion stand ja schon, als ich kam. Die paar Kleinigkeiten, die dann noch verändert wurden, sind nicht der Rede wert. Im Übrigen ist das Stadion, in dem man seine Spiele gewinnt, das "schönste".

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BZ: Teilen Sie die Ansicht der Verantwortlichen des SC Freiburg, wonach das jetzige Stadion nicht mehr wettbewerbsfähig ist, zu wenig Komfort aufweist und deshalb auch marketingtechnisch nicht gut zu vermarkten ist?
Rettig: Wenn Sie sich die Klassifizierung und Einschätzung der Europäischen Fußball-Union (Uefa) anschauen, kann man diesen Eindruck gewinnen.

"Seit Jahren steht die Ausnahme auf immer wackligeren Beinen."
BZ: Die DFL lässt den SC Freiburg im Schwarzwaldstadion nur mit einer Reihe von Sondergenehmigungen spielen. Unter anderem, weil der Platz zu kurz ist. Auch international genügt das Stadion offenbar nicht den Gepflogenheiten. Und das Fernsehen beklagt sich ebenfalls über die Kamerastandplätze.
Rettig: Seit Jahren steht die Ausnahme auf immer wackligeren Beinen. Es fängt bei den Abmessungen des Platzes an und umfasst auch weitere Mängel in der Infrastruktur innerhalb des Stadions. Zwei Kamerapositionen haben keine freie Sicht auf das gesamte Spielfeld. Auch das Führungskamerapodest genügt gerade mal den Standardproduktionen, so dass Produktionsaufwertungen wie Ultra-HD in Freiburg nicht möglich sind. Zudem existieren keine Hintertorbereiche, wodurch die Kamerateams gezwungen sind, sich mit provisorischen Kamerakäfigen zu behelfen. Die Anforderungen an die (Indoor-)Interviewzonen und der Medientribüne sind ebenfalls gerade so ausreichend. Aber das Grummeln der Produktionsverantwortlichen wird lauter, da die TV-Erlöse sich jährlich deutlich erhöhen – die Rahmenbedingungen jedoch hinterherhinken.

BZ: Bislang wurden die Sondergenehmigungen für den Spielbetrieb vor jeder Spielzeit erneuert. Gibt es für die DFL zeitlich eine sogenannte Deadline, bei deren Erreichen es heißen könnte: aus für den Bundesliga-Fußball in Freiburg?
Rettig: Die DFL hat in der Vergangenheit jedes Jahr eine Ausnahmegenehmigung erteilt, da der Klub glaubhaft sein ernstes Interesse eines Neubaus vorgetragen hat. Die Uefa war diesbezüglich strikter und hat lediglich eine einmalige Sonderregelung genehmigt.

BZ: Wenn Sie klassifizieren müssten: An welcher Stelle stünde der SC Freiburg mit seinem Stadion heute im deutschen Profifußball?
Rettig: Ich finde die Ihnen zur Verfügung gestellte Grafik diesbezüglich sehr aussagekräftig.

BZ: Was würden Sie von einem Umbau an der Schwarzwaldstraße halten?
Rettig: Das müssen die Verantwortlichen des SC Freiburg beantworten.

BZ: Von Seiten des Sportclub wird argumentiert, dass der Standort Freiburg ohne Neubau mittelfristig in Frage stehe. Sehen Sie das auch so?
Rettig: Fakt ist, dass eine Region von einem Profiverein neben dem Imagegewinn auch wirtschaftlich profitiert. Das belegen auch Wertschöpfung und volkswirtschaftliche Effekte. Der Umsatz der 36 Lizenzklubs lag in der Saison 2012/13 bei mehr als 2,5 Milliarden Euro und steigt stetig weiter. Zudem arbeiten über 45 000 Menschen direkt oder indirekt für die Profiklubs, die an Steuern und Abgaben zirka 850 Millionen Euro zahlen. Und wie das Bundesinstitut für Sportwissenschaft ermittelt hat, haben Investitionen in die Stadioninfrastruktur einen positiven Effekt auf das Bruttoinlandsprodukt.


BZ: Kennen Sie das von der Stadt Freiburg und dem SC präferierte Gelände im Westen der Stadt in unmittelbarerer Nachbarschaft des Flugplatzes? Und: Halten Sie es für geeignet?
Rettig: Nein, über die Eignung eines Standorts zu befinden ist nicht Aufgabe der DFL. Hierzu gibt es keine Vorgaben.

"Wie ich die Verantwortlichen um Präsident Keller und Vorstandskollegen Leki sowie Sparminister Breit kenne, werden Sie beim SC keinen Euro zu viel ausgeben."
BZ: Sie haben nach Ihrer Zeit in Freiburg in verantwortlicher Funktion bei den Klubs 1. FC Köln und FC Augsburg die dortigen Stadionneubauten mit auf den Weg gebracht. Sehen Sie Parallelen zu Freiburg?
Rettig: Der Neubau in Augsburg war ein Meilenstein und hat den Klub wettbewerbsfähig gehalten. Im Rahmen der Fußball-WM 2006 sind zirka 3,7 Milliarden Euro allein in Ausbau- und Erweiterungsmaßnahmen für das Bundesfernstraßennetz investiert worden. Des Weiteren hat der Bund zirka 200 Millionen in das Berliner Olympiastadion und etwa 50 Millionen in das Leipziger Zentralstadion investiert. Hinzu kamen weitere öffentliche Mittel in Höhe von zirka 400 Millionen Euro für weitere Standorte. Der politische Wille seinerzeit war da und die Regionen haben davon profitiert. Auch wir damals in Köln. Dadurch ging die Schere zu den übrigen Standorten, die nicht von der WM profitierten, also auch Freiburg, noch weiter auseinander.

BZ: Welche Kosten halten Sie für ein Objekt, wie es jetzt für rund 35 000 Zuschauer in Freiburg entstehen soll, für realistisch?
Rettig: Wie ich die Verantwortlichen um Präsident Keller und Vorstandskollegen Leki sowie "Sparminister" Breit kenne, werden Sie beim SC keinen Euro zu viel ausgeben.

BZ: Kritiker des Stadionneubaus in Freiburg beklagen, dass sich die Öffentliche Hand am Neubau beziehungsweise der Infrastruktur rund ums Stadion mit nicht unerheblichen Zuschüssen beteiligt. Ebenso erntet das geplante finanzielle Engagement der Staatsbrauerei Rothaus Missfallen. Tenor: Der Profisport solle sich bitteschön selbst finanzieren.
Rettig: Hier möchte ich nochmals auf den Aspekt der Wirtschaftsförderung verweisen. Im Rennen um qualifizierte Arbeitskräfte sind "weiche" Faktoren mittlerweile von Bedeutung geworden. Die Existenz eines Standorts mit Profifußball spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Freiburger Fußballschule hat ihre Bedeutung nur in der Kombination mit dem Profifußball. Hier wiederum profitieren auch die umliegenden Amateurvereine, da nicht alle Nachwuchsspieler beim SC Freiburg bleiben.

BZ: In den vergangenen Jahren sind hierzulande einige Stadien neu gebaut worden. In unterschiedlichen Herangehensweisen und demzufolge mit verschiedenen Ergebnissen. Man denke nur an Mainz und Aachen. Hat die DFL Einwirkungsmöglichkeiten oder lässt man den Klubs diesbezüglich freie Hand?
Rettig: Nein, das liegt in der Verantwortung der einzelnen Klubs, sofern sie sich im Rahmen der Vorgaben bewegen. Die Entwicklung in Freiburg verfolgen wir – nicht zuletzt wegen der aktuell nicht befriedigenden Situation – natürlich sehr genau.

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Autor: Michael Dörfler