Kommentar

Joachim Löws Selbstkritik ging fast schon zu weit

Toni Nachbar

Von Toni Nachbar

Mo, 03. September 2018 um 11:43 Uhr

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Der Sonntag Nach dem WM-Debakel hat sich das Löw-Bild gewandelt. Was früher als cool galt, wird heute von manchen als faul ausgelegt. Dieses Schwarz-Weiß-Denken hilft bei der Schadensanalyse nicht weiter.

Das Gros der Berichterstattung nach Joachim Löws öffentlicher WM-Analyse verrät, was man vom Bundestrainer nach dem Debakel in Russland eigentlich erwartet hat: einen Canossa-Gang. Deshalb waren viele nicht befriedigt von dem, was Löw zu bieten hatte. Zu gerne hätte man noch mehr Asche auf seinem Haupt gesehen. Dabei ging Löw in puncto Selbstkritik fast schon zu weit und geißelte sich der Selbstüberschätzung: Ein unverzeihlicher Fehler sei es gewesen, anzunehmen, seine Mannschaft könne gegen Mexiko, Schweden und Südkorea mit dominantem "Ballbesitzfußball" bestehen. Mit was denn sonst?

Video: Als die Welt noch in Ordnung war



Es ehrt Löw, seine Weltmeister mit Kritik geschont zu haben

Aber: Noch mal eine Lanze für den offensiven Ballbesitzfußball braucht hier nicht mehr gebrochen zu werden. Dennoch ehrt es den Bundestrainer, dass er politisch korrekt den Mantel des Schweigens über seine Mannschaft und ihren Alltag in Russland gelegt sowie seine "Weltmeister" geschont hat. Nun sollten Mats Hummels, Jerome Boateng, Toni Kroos, Thomas Müller und andere im stillen Kämmerlein darüber sinnieren, warum sie in welcher Verfassung und mit welcher Einstellung die WM in Russland angingen und absolvierten.

Was früher an Löw als cool galt, wird heute als faul ausgelegt

Joachim Löw indes hat die bittere Erfahrung gemacht, wie rasch aus dem "Progressiven" das "Reaktionäre" wird, wie schnell man vom "Coolen" zum "Faulen" mutiert und das, was gestern noch als "Teamwork" gepriesen wurde, heute "Vetternwirtschaft" heißt.

Dennoch nimmt er es auf sich, zu versuchen, den Scherbenhaufen aufzuräumen. Helfen müssen ihm dabei die entzauberten Helden von 2014, die möglicherweise ihre besten Tage hinter sich wissen, und Hoffnungsträger, die einen weiten Weg gehen müssen, um Özils, Schweinsteigers oder Lahms zu werden. Dass dazu auch der fast 30-jährige Nils Petersen zählt, sagt alles.